Der Sieg über Napoleon war freilich nur möglich, weil man von ihm lernte: Massenmobilisierung, "Volkskrieg", nationale Identifikation, das alles waren moderne, "französische" Ideen und Techniken. Am Ende – Ironie der Geschichte – triumphierten mit ihrer Hilfe die Monarchien, nicht die romantischen Nationalisten. Nach Napoleons Untergang, 1815, begann die Epoche der Restauration. Kein einig Vaterland. Doch die Idee lebte fort. Und so erhielt auch die "blutige Romantik" ihre Bedeutung im Wesentlichen nach den Befreiungskriegen. Für diese selbst, für den Sieg in der Völkerschlacht, war sie kaum entscheidend. Freikorps wie die Lützower Jäger, denen auch der Dichter Theodor Körner angehörte, spielten, das macht die Ausstellung deutlich, militärisch keine Rolle. Eine Koalitionsarmee, kein Heer deutscher Freiwilliger, schlug "die Franzosen". Erst im Nachhinein wurde die internationale Völkerschlacht zum nationalen Befreiungsschlag stilisiert.

Sehr wohl bedeutend für die "blutige Romantik" waren indes Agitatoren wie Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig "Turnvater" Jahn oder Johann Gottlieb Fichte – und das schon vor 1813. Mit fanatischen Tiraden gegen alles "Welsche" (Arndt: "Ich will den Haß!"), sprachphilosophischer Deutschtümelei (Fichte: Die Deutschen als "Urvolk", das Deutsche als "Ursprache") und martialischen Gemeinschaftsfantasien (Jahn: "Mit dem blutigen Schwert der Rache zusammenlaufen") heizten sie den Furor gegen die Besatzer an.

Messen lässt sich die Wirkung ihrer Propaganda natürlich nicht, wie der Kurator der Dresdner Ausstellung, der Historiker Gerhard Bauer einwendet. Arndt aber beeinflusste nachweislich die Mächtigen in Preußen. Als Sekretär des Reformers Freiherr vom Stein half er Ende 1812, den preußischen König dazu zu bewegen, sich gegen Frankreich zu stellen. Dass die Romantikschau Arndt & Co. nur am Rand erwähnt, ist daher ein großes Versäumnis. Zumal sich die "blutige Romantik" an ihnen besonders gut studieren ließe, Rassismus und ein bereits eliminatorischer Antisemitismus inklusive. Ebenso wenig kommen zeitgenössische Kritiker in den Blick, wie etwa der jüdische Publizist Saul Ascher, der die "Germanomanen" so scharf wie ahnungsvoll aufs Korn nahm.

Die Ausstellung vergibt eine Chance

Die Ausstellung vergibt damit eine Chance: Eine Analyse der geistigen Aufrüstung um 1813, das wäre ein großartiger Einwurf zum Gedenkjahr gewesen – und ein interessanter Beitrag zur Geschichte der Romantik und ihren bräunlich blutverkrusteten Rändern. Doch das Dresdner Museum bietet bei näherer Betrachtung gar nicht die Ausstellung über das romantische Zeitalter, die es ankündigt, sondern eine über 1813 und die Völkerschlacht im kollektiven Gedächtnis. Und als solche ist sie durchaus sehenswert.

Der Kurator Gerhard Bauer hat etliche zum Teil kuriose Fundstücke aufgetrieben: einen Nachttopf mit Napoleons Konterfei auf dem Boden. Eine Zielscheibe für ein Schützenfest 1913 mit dem Nachdruck eines Gemäldes, das den Korsen vor dem brennenden Moskau zeigt. Einen Steinbausatz des Leipziger Völkerschlachtdenkmals, Merchandising anno 1913. Oder das Porträt des Freikorpskämpfers Karl Friedrich Friesen, gezeichnet im empfindsamen Stil der Zeit.

Den größeren Zusammenhang stiftet allerdings auch hier erst der Katalog, ergänzt um einen fabelhaften Essayband, der bietet, was die Präsentation der Exponate vermissen lässt: eine schlüssige Erzählung, die auch auf überraschenden Seitenwegen zur Sache kommt, etwa am Beispiel der als Männer verkleideten Soldatinnen, die freiwillig in den Krieg gegen Napoleon zogen.

Besonders eindrücklich ist der Aufsatz des französischen Militärhistorikers Pierre Juhel 1813 – das Jahr eines Weltkriegs? Kein europäischer Staat, mit Ausnahme des Osmanischen Reichs, blieb in jenem Jahr vom Krieg verschont. Und seit Napoleon 1810 in Spanien die Übermacht erlangt hatte, brachen auch in den spanischen Besitzungen in Südamerika bewaffnete Revolten aus. So hätten, resümiert Juhel, die Konflikte des Jahres 1813 zumindest Züge eines Weltkrieges getragen.

Ähnliches gilt für die Gewalterfahrung, die das Massensterben im modernen Krieg zwar präludierte, ihm aber noch nicht gleichkam. Auch dafür ist die Romantisierung des Leipziger Gemetzels ein Beleg: Die blutige Schlacht veränderte die europäische Landkarte, aber sie bewirkte, anders als der Horror des Ersten Weltkriegs, keinen Kulturbruch. Der Verwesungsgestank, der über Leipzig hing, war schnell verweht, man erzählte sich Heldengeschichten und feierte "Märtyrer" wie den jungen Theodor Körner, der 1813 im Kampf gegen die Franzosen umgekommen war. Wenige Stunden vor seinem Tod, heißt es, habe er sein berühmtes Schwertlied geschrieben: "Du Schwert an meiner Linken, / Was soll dein heitres Blinken? / Schaust mich so freundlich an, / Hab’ meine Freude dran. / Hurra!" – "blutige Romantik" in Reinform, die während des Ersten Weltkriegs tausendfach auf deutschen Feldpostkarten nachgedruckt wurde.

Bis heute prägt das Bild der nationalen Befreiungsschlacht die Erinnerung. Die Dresdner Ausstellung stellt diesem Mythos nüchtern Fakten und Relikte entgegen. Bewusst sind Wände und Decke bläulich angestrahlt – fast so, als gelte es, die Rückschau schon ins kalte Licht der Weltkriegsschrecken zu rücken, in die der nationalistische Irrweg Europa hundert Jahre später führen wird.

Die Ausstellung "Blutige Romantik" – 200 Jahre Befreiungskriege ist bis zum 16. Februar 2014 im Militärhistorischen Museum in Dresden zu sehen.