Die Berliner Kunsthistorikerin Aya Soika vermutet als Adressaten von Noldes Bekenntnisschreiben den Pressechef der Reichsregierung, SS-Gruppenführer Otto Dietrich. Nach den Pogromen der "Kristallnacht" könnte Nolde sich bei Dietrich über Zeitungsartikel beschwert haben, in denen der Maler als "Judenfreund" dargestellt wurde. "Erschütternd – selbst im Kontext seiner Entstehung", nennt Christian Ring gegenüber der ZEIT das Schreiben. Ring ist seit wenigen Wochen Direktor der Nolde-Stiftung in Seebüll, die den Nachlass hütet.

Das Konvolut, zu dem der Brief gehört, stammt von Noldes ehemaligem Zeichenschüler Hans Fehr. Der Schweizer mit deutschnationaler Gesinnung blieb bis zu Noldes Tod einer seiner engsten Vertrauten. Erst vor Kurzem hat die Nolde-Stiftung die Dokumente angekauft. "Alle Karten müssen auf den Tisch", sagt Christian Ring, "Tabus darf es keine mehr geben."

Jahrzehntelang sind der Antisemitismus des Malers und sein Glauben an Hitler in der Literatur verschwiegen worden, auch weil die entsprechenden Quellen nicht zugänglich waren. Erst in den vergangenen Jahren konnten Wissenschaftler über Nolde in der NS-Zeit forschen und veröffentlichen, wie die Publizistin Kirsten Jüngling, deren Biografie des Künstlers unter dem Titel Emil Nolde – Die Farben sind meine Noten dieser Tage im Propyläen Verlag erscheint.

Doch allein schon das Bekannte widerspricht dem in der Öffentlichkeit bislang gepflegten Bild vom reinen NS-Opfer. So schrieb Nolde bereits am 27. April 1933, zwölf Wochen nach Hitlers Machtübernahme, enthusiastisch an den norwegischen Kunsthistoriker Henrik Grevenor in Oslo: "In diesem politisch unruhigen Winter sind so vielerlei Geschehnisse, die einen dauernd in Anspruch nehmen, weil wir doch sehr mitleben in der so stark durchgeführten und schönen Erhebung des deutschen Volkes."

Wenige Tage später werden aus Worten Taten. Bernhard Fulda und Aya Soika belegen in ihrer 2012 erschienenen Biografie Max Pechstein: The Rise and Fall of Expressionism, dass Nolde im Mai 1933 seinen Konkurrenten Pechstein allein wegen des Namens bei einem Beamten des Propagandaministeriums als vermeintlichen "Juden" denunzierte. Und obwohl von Pechstein darauf aufmerksam gemacht, dass diese Behauptung nicht zutreffe, ihm und seiner Familie aber sehr gefährlich werden könne, verweigerte Nolde eine Richtigstellung gegenüber der Goebbels-Behörde.

Im November 1933 berichtet Nolde dann Hans Fehr über seine Teilnahme an einem Abendessen zum zehnten Jahrestag des Hitler-Putsches im November 1923 im Münchner Löwenbräukeller – als Ehrengast des Reichsführers SS Heinrich Himmler. "Die Feier war sehr bewegend. Wir sahen u. hörten den Führer zum ersten Mal. [...] Der Führer ist groß u. edel in seinen Bestrebungen u. ein genialer Tatenmensch. Nur ein ganzer Schwarm dunkler Gestalten noch umschwärmen ihn in einem künstlich erzeugten Kulturnebel. Es hat den Anschein, daß demnächst die Sonne hier durchbrechen wird, diese Nebel zerstreuend."

1934 erscheint Noldes zweiter Memoirenband Jahre der Kämpfe 1902–1914 . Nach der Lektüre schreibt der Kunsthistoriker Ernst Gosebruch im Dezember 1934 an den Frankfurter Sammler Carl Hagemann: "Was die so zahlreichen antisemitischen und allzu teutschen Abschnitte des Buches angeht, so entsprechen sie Gefühlen, die wir seit Jahren bei Nolde kennen. Ich finde es nicht sehr geschmackvoll, dass er sie gerade jetzt zum Ausdruck gebracht hat."

Nolde hatte lange gehofft, dass die Nationalsozialisten den Expressionismus zur "nordischen" Staatskunst erklären und dass sie ihn, Nolde, aufs Podest heben würden – hatte er sich doch anders als Kirchner und Pechstein, Erich Heckel, Hannah Höch, Otto Dix und George Grosz nie sozialkritischen Themen zugewandt, sondern war deutscher Scholle und christlichen Motiven treu geblieben. Tatsächlich gab es Vorstöße in die erhoffte Richtung: Ein Kreis um Goebbels, den späteren Kulturminister Bernhard Rust und Reichsjugendführer Baldur von Schirach versuchte, die Kunstpolitik des Regimes in diesem Sinne zu beeinflussen. Er konnte sich nicht gegen Hitlers Blut-und-Boden-Ideologen Alfred Rosenberg durchsetzen, vor allem aber nicht gegen das "größte Kunstgenie aller Zeiten": Hitler selber beendete nach den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, bei denen er sich noch liberal geben wollte, die Debatte. Goebbels ließ daraufhin auch jene Nolde-Werke abhängen, die bis dahin seine Privatwohnung geschmückt hatten. 1937 folgten die Beschlagnahme der fortan verfemten Bilder in den Museen und ihre öffentliche Verspottung.

Mit "vollster Überzeugung" kämpft er für die "nationalsozialistische Sache"

Die Aktion "Entartete Kunst" setzte Nolde hart zu. Am 2. Juli 1938 wandte er sich direkt an Goebbels und bat um die Rückgabe beschlagnahmter Werke und das Ende der Diffamierungen, "besonders weil ich von Beginn der Nationalsozialistischen Bewegung als fast einzigster deutscher Künstler im offenen Kampf gegen die Überfremdung der deutschen Kunst, gegen das unsaubere Kunsthändlertum und gegen die Machenschaften der Liebermann- und Cassirerzeit gekämpft habe".

Fünf Monate später, in jenem Schreiben vom 6. Dezember, das nun aufgetaucht ist, bekennt sich Nolde dann uneingeschränkt zum NS-Regime: "Den Nationalsozialismus verehre ich als die besondere und jüngste Staatsform, die Arbeit ist zur Ehre erhoben. Und ich habe den Glauben, dass unser großer deutscher Führer Adolf Hitler nur für das Recht und Wohl des deutschen Volkes lebt und wirkt und auch dass er in ernsten Sachen von Grund auf die Wahrheit wissen will, [...] und trotz allem, was in jüngster Zeit gegen mich unternommen worden ist, bin ich stets und immer im In- und Ausland für die große deutsche nationalsozialistische Sache mit vollster Ueberzeugung eingetreten. Ich habe den Eindruck, dass meine um 1910 geführten Kulturkämpfe gegen die herrschende Ueberfremdung in allem Künstlerischen und gegen die alles beherrschende jüdische Macht, jetzt nur noch wenigen bekannt sein möge."

In übelster antisemitischer NS-Diktion stellt der 71-Jährige außerdem klar: "Es wird gesagt, dass meine Kunst von Juden gefördert und gekauft worden ist. Auch das ist falsch. Einzelne versprengte Bilder sind in den späteren Jahren durch den Kunsthandel zu Juden gekommen, im Allgemeinen jedoch bekämpfen sie mich. Die Reinheit und das ursprüngliche Deutsche in meiner Kunst haben sie bespöttelt und nie gewollt. Meine wesentlichen Bilder sind alle in deutschem Besitz, von Deutschen gekauft, die durchaus nicht fremdländisch angekränkelt, sondern bewusst Deutsche sind."