Bis in den Krieg hinein gab Emil Nolde die Hoffnung nicht auf, vom Regime doch noch akzeptiert zu werden. Am 23. August 1941 jedoch erhielt er dann jenes Einschreiben der Reichskammer der Bildenden Künste, das ihn – nachdem er in den beiden Jahren zuvor 54 Arbeiten eingereicht hatte – "wegen mangelnder Zuverlässigkeit" aus der Kammer ausschloss und ihm "jede berufliche [...] Betätigung auf den Gebieten der bildenden Künste" untersagte. Dem Berufsverbot vorausgegangen war eine Beschwerde des Chefs des Sicherheitsdienstes, Reinhard Heydrich, an das Propagandaministerium: "Der berüchtigte Kunstbolschewist und Führer entarteter Kunst, Emil Nolde, hat in seiner Steuererklärung noch ein Einkommen von 80.000 RM angegeben."

Die bewusste Verfälschung des Nolde-Bildes begann schon gleich nach Ende des Krieges. Der Maler selbst half dabei bis zu seinem Tod im April 1956 nach Kräften mit. Er zensierte seine inzwischen vierbändige Autobiografie an jenen Stellen, die nicht mehr opportun erschienen, bereinigte sie um rassistische und antisemitische Bekenntnisse und verfälschte zum Teil sogar die historischen Abläufe.

So heißt es im zweiten Band, Jahre der Kämpfe, der unter anderem die Auseinandersetzung Noldes mit Paul Cassirer und Max Liebermann in der Berliner Secession schildert: "Juden haben viel Intelligenz und Geistigkeit, doch wenig Seele und wenig Schöpfergabe [...]. Juden sind andere Menschen, als wir es sind. [...] Durch ihre unglückselige Einsiedlung in die Wohnstätten der arischen Völker und ihre starke Teilnahme in deren eigensten Machtbefugnissen und Kulturen ist ein beiderseitig unerträglicher Zustand entstanden."

In der heute erhältlichen Ausgabe des Bandes fehlt diese Stelle – wie manch andere über die "Gefahr der Rassenvermischung" und ähnliche mörderische Abstrusitäten der NS-Ideologie –, ohne dass die Auslassung auch nur kenntlich gemacht wurde. Alle vier Bände der Memoiren sind in der verfälschten Form zuletzt 2008 erschienen – mit jenem Nachwort zur einbändigen, gekürzten Ausgabe von 1976, in dem der damalige Direktor der Nolde-Stiftung, Martin Urban, nur lapidar mitteilt: "Nolde hat die Manuskripte später überarbeitet."

"Zu tun ist da nichts weiter, als den Mund zu halten"

Auch in anderen Publikationen, welche die Stiftung während der vergangenen Jahrzehnte verantwortet hat oder für die ihre Mitarbeiter Beiträge geschrieben haben, gab es schreiende Leerstellen. Der Künstler durfte ausschließlich Opfer des Regimes sein. Was nun definitiv damit nicht in Einklang zu bringen, aber auch nicht zu leugnen war, wurde mit "politischer Ahnungslosigkeit" entschuldigt. Nur wenige Autoren – etwa Markus Heinzelmann im hannoverschen Katalog über Nolde und seinen Sammler Sprengel von 1999 – verstießen gegen dieses Beschweige- und Beschönigungskartell.

Den Beleg dafür, dass die Geschichtsklitterung nach dem Krieg durchaus bewusst geschah, fand Noldes Biografin Kirsten Jüngling im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv in Hannover. Am 29. Mai 1963 schrieb der bekannte Kunsthistoriker Werner Haftmann, einer der frühen Apologeten Noldes, in einem Brief an dessen Sammler Bernhard Sprengel: "Dann stellte das ›Jewish Museum‹ in N. Y. in seiner Ausstellung 'Alttestamentarische Bilder' 3 Noldes aus. Daraufhin riefen Meyers & Werner [ein emigrierter Journalist] bei allen Trusters an und wiesen auf den ›wüsten Nazi‹ Nolde hin. Das gab natürlich einen Wirbel. Ich geriet am Rande auch hinein, weil man mir vorwarf (herummurmelnd), ich hätte die Nazi-Vergangenheit Noldes bewußt verschwiegen. Tatsächlich ist das richtig, und ich habe kein Argument dagegen. [Noldes ehemaliger Sekretär Joachim von] Lepel beschwor mich damals, doch ja jeden Hinweis darauf in meinem Buch zu streichen. Schließlich tat ich’s, weil so etwas ja nichts mit dem Maler zu tun hat. Die Sache scheint inzwischen bereinigt. Thomas Messer, der Direktor des Guggenheim-Mus., der kürzlich hier bei mir war, ist gleich damals von mir informiert worden und hat die glimmenden Funken ausgetreten. Peter H. Janson, Ordinarius der Columbia University und ein alter Freund von mir, der mich gleich anfangs informierte, hat da mitgeholfen. Zu tun ist da nichts weiter, als den Mund zu halten. Die Ausstellung kam offenkundig gut an ..."

Seit Jahrzehnten ist der Kölner Dumont Verlag, in dem 1963 auch Haftmanns Prachtband über die Ungemalten Bilder nach 1941 erschien, der Hausverlag der Nolde-Stiftung. Und ebenso lange verdient er mit dieser publizistischen Geschichtsfälschung Geld. Walter Jens, der 1988 unter Protest aus dem Kuratorium der Stiftung austrat, begründete seinen Schritt unter anderem mit den "skandalösen Editionen" der Nolde-Schriften.

In jüngster Zeit aber hat sich einiges getan. Während die Autobiografie zwar unverändert verkauft wird, gehen andere Publikationen, die von der Stiftung und ihren Mitarbeitern verantwortet werden, an der engagierten Parteinahme des Malers für die NS-Ideologie nicht mehr vorbei. Und auch in einem wissenschaftlichen Projekt brechen sich Glasnost und Perestroika an der Nordsee endlich Bahn: Seit Kurzem lässt die Stiftung in Seebüll Noldes Verhalten im Nationalsozialismus gründlich untersuchen.

Vielleicht ergibt sich danach ja auch ein neuer Blick auf seine Kunst, auf Emil Noldes nordische Sturmhimmel, seine Meerlandschaften und Blumenbeete. Ihrer Postkartenpopularität wird das gewiss keinen Abbruch tun.