ZEIT: Oder bockig, weil man ungerne auf Kommando über Gefühle redet.

Kracht: So habe ich das noch nicht gesehen.

ZEIT: Wie kommt es denn zu dem Missverständnis, dass alle bei Maximilian an Christian Kracht denken?

Kracht:Das stand neulich so in der Süddeutschen Zeitung. Welchen Grund hätte ich denn, mich als grausamen Menschen, als furchtbaren Unsympathen in den Film hineinzuschreiben?

ZEIT: Maximilian teilt einige Eigenschaften mit dem Bild, das die Öffentlichkeit von Ihnen hat. Er hat eine Frisur, die Ihrer ein wenig ähnelt. Er trägt Kleidung, die der Ihren nicht ganz unähnlich ist. Auch die Krawatte, die Sie jetzt tragen ...

Kracht: ... bitte, das ist doch keine Schulkrawatte, das ist eine Krawatte mit einem schottischen Hochlandmuster.

ZEIT: Maximilian ist Internatsschüler, das waren Sie auch, und er ist eine Figur, die versucht, die normative Moral der Erwachsenenwelt provokativ herauszufordern.

Kracht: Nein, Sie reproduzieren doch hier in Ihrer Suada (lacht) lediglich Metatexte, sekundäres Zeug. Wenn Sie nackt an meine Sachen herangehen würden, ohne gerade gelesen zu haben, dass in der SZ stand, Maximilian, das sei doch Christian Kracht, dann würden Sie das doch gar nicht behaupten.

ZEIT: Doch.

Kracht: Nein, das glaube ich Ihnen nicht.

ZEIT: In Faserland gibt es die berühmte Stelle, wo es heißt: So wie das Wort Neckarauen klingt, könnte Deutschland sein, wenn die Juden nicht vergast worden wären. In Finsterworld erzählt Fußpfleger Claude, wie ihn bestimmte deutsche Volkslieder geradezu verhexen mit ihrem geheimnisvollen Refrain wie "Fiderallalla" in Ein Vogel wollte Hochzeit machen oder "Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim" in Auf einem Baum ein Kuckuck. Wie er sich das immer wieder vorsingen müsse und wie es sich für ihn zugleich heimelig und eklig anfühle.

Kracht: Claude sagt dann auch, es sei wie mit dem Schorf an einer Wunde, bei dem man auch nicht aufhören könne, daran zu zupfen. Es gibt in Deutschland eine Schorfschicht, die über alles gelegt worden ist. Es gibt ja keine Vergangenheit. Man schüttet das alles zu. Es wird über nichts geredet, es wird einfach vergessen, und dann kommt eine Schicht drüber.

ZEIT: Ist das so?

Kracht: Ja, der Palast der Republik wurde heruntergerissen. Alles, was unangenehm an Dinge rührt, wird einfach begraben, versteckt und ignoriert.

ZEIT: Das überrascht mich. Eigentlich ist Deutschland eher so, dass da immer ein Geschichtslehrer Nickel rumsteht.

Kracht: Das wäre schön, wenn es so wäre.

ZEIT: Man kann doch nicht sagen, Deutschland verdränge die Verbrechen des Nationalsozialismus. Wir thematisieren sie doch ununterbrochen.

Kracht: Finde ich überhaupt nicht. Es gibt sicherlich so staatlich verordnete Gedächtnistage, aber eine wirkliche Auseinandersetzung mit dieser unfasslichen Maschinisierung der Vernichtung, der Auslöschung eines ganzen Volkes – da redet doch kein Mensch tatsächlich darüber.

ZEIT: Finsterworld zeigt ein anderes Bild. Der Film zeigt eine Schulklasse, die mit nichts anderem beballert wird.

Kracht: Aber, Moment mal, der Lehrer beballert doch nicht!

ZEIT: Okay, er thematisiert es. Der ganze Film thematisiert es in jedem seiner Handlungsstränge, das kann man quasi mit der Stoppuhr messen. Es gibt den Diskurs des Geschichtslehrers. Es gibt das linkshedonistische Ehepaar Sandberg, von Corinna Harfouch und Bernhard Schütz gespielt. Die zeichnen sich aus durch einen ganz expliziten Antifaschismus, zumindest auf rhetorischer Ebene. Sie hassen Deutschland und wollen auf keinen Fall ein Naziauto fahren, also keinen BMW, Mercedes oder Porsche. Aber man hat nicht das Gefühl, dass diese Form der Deutschland-Distanzierung moralisch wertvoll wäre.

Kracht: Die sind in ihren Cadillac eingeschlossen wie in einen Kokon. In dem Film geht es überhaupt sehr stark um hermetische Zustände. Um das Fehlen von Berührungen, das Fehlen von Umarmungen. Das ist das Kernthema. Es gibt eine indische Frau, Amma, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, so viele Menschen auf der Welt zu umarmen als möglich. Sie füllt ganze Stadien. Die Menschen reihen sich in die Schlange ein, und sie umarmt jeden ein paar Sekunden lang, inzwischen hat sie 33 Millionen Menschen umarmt. Das ist ihr Geschenk an die Welt. Das ist das, woran es krankt: das Fehlen von Umarmungen.