Als die Börse in Chicago 1848 von 82 Getreidehändlern am Ufer des Michigansees gegründet wurde, sollte sie vor allem einem Zweck dienen: Sie sollte den Bauern und Händlern helfen, ordentliche Preise zu erzielen und ihr Risiko zu minimieren.

Damals etablierten sich jene Verträge, die bis heute in aller Welt Standard sind für den Handel und die Spekulation mit Rohstoffen: die sogenannten Futures. Noch bevor es den Mais oder den Weizen tatsächlich gibt, wird dessen Lieferung zu einem bestimmten Preis und einem bestimmten Datum in der Zukunft vereinbart. Mit diesen Future-Verträgen können sich Getreidebauern vor Preisschwankungen schützen, das war der Gedanke. Sie können damit, theoretisch, auch im großen Stil Wetten abschließen auf steigende oder sinkende Preise, aber daran hat ein Getreidebauer kein Interesse.

Lange Zeit hatten die Broker an der Wall Street das Bauernparkett im Mittleren Westen belächelt. Doch im Jahr 2006, nachdem die amerikanische Regierung auch reinen Finanzunternehmen den Zugang zur Chicagoer Börse ermöglicht hatte, ergoss sich eine gigantische Kapitalflut auf die hier gehandelten Agrarprodukte. Banken, Hedgefonds und Versicherungen bewegten plötzlich viel mehr Geld als die echten Getreideunternehmen.

Noch im Jahr 2000 lag der Börsenumsatz in Chicago bei etwa zehn Milliarden Dollar, bei rund 80 Prozent der Geschäfte ging es um echten Getreidehandel. Im Mai 2008 war der Umsatz bereits auf 178 Milliarden Dollar gesprungen, aber die meisten Geschäfte waren jetzt reine Wetten.

Was als Instrument zur Absicherung der Bauern gedacht war, wurde zu einem Kasino für globale Kapitalanleger. Die Termingeschäfte dienten nicht mehr dem physischen Austausch von Produkten – sie waren jetzt eine neue Anlageklasse.

Banken aus aller Welt boten ihren Kunden sogenannte Rohstoff-Fonds an, die Futures auf mehrere Rohstoffe bündelten: Öl und Kupfer, Kaffee und Mais. Sie setzten darauf, dass der Preis dieser Produkte langfristig steigt. Die Anlageberater schwärmten von einer nie endenden Rallye – denn was ist sicherer, als dass die Weltbevölkerung wächst, die Ressourcen aber begrenzt sind? "Wussten Sie eigentlich, dass sich der Preis der Brezel in den letzten sieben Jahren verdoppelt hat?", schrieb die Volksbank Schwäbisch Hall-Crailsheim ihren Kunden. Die Deutsche Bank warb auf Brötchentüten für ihren neuen Agrarfonds: "Freuen Sie sich über steigende Preise?"

In Chicago investierten plötzlich Leute in Nahrungsmittel, die sich nie zuvor mit dem Getreidemarkt beschäftigt hatten. Millionen deutscher, französischer und amerikanischer Sparer, die für ihr Alter vorsorgen wollten. Die dem Herdentrieb folgten und deren Entscheidung nicht mehr auf dem Wissen über Ernteergebnisse fußte, sondern allein auf dem zu erwartenden Preisanstieg.

"Das kann einen Markt aus dem Gleichgewicht bringen", sagt der junge Mann in dem Genfer Café. All jene Käufer von Futures, die darauf hoffen, dass sie ihren Kontrakt in der Zukunft zu einem besseren Preis weiterverkaufen können, schaffen einen einseitigen Druck. Die ohnehin schon hohe Nachfrage nach Getreide wird durch eine zusätzliche, künstliche Nachfrage befeuert. Die Preise der Future-Verträge steigen immer weiter. Und die Preise, die tatsächlich für das Getreide gezahlt werden, orientieren sich an ihnen.

Die Spekulation, sagt der Mann in dem Café, sei nicht für die Preissprünge verantwortlich, doch sie wirke als Verstärker und vergrößere die Ausschläge.

In einem Bericht der Weltbank zur Hungerkrise des Jahres 2008 heißt es, die Rohstoff-Fonds hätten maßgeblich zum Preisanstieg beigetragen. Kurz zuvor war die amerikanische Immobilienblase geplatzt, Anleger weltweit hatten ihr Kapital umgeschichtet und mit ihren Milliarden Jagd auf die Rohstoffe gemacht. Getreide, Metalle, Rohöl – die Preise fast aller Naturprodukte begannen auf einmal parallel zu steigen, unabhängig von der jeweiligen Marktsituation.

"Sie wollen wissen, wie der Weizenpreis sich entwickeln wird? Gucken Sie, was Kupfer macht", spottete der Informationsdienst Agrimoney im Jahr 2011. "Angebot und Nachfrage spielen eine immer geringere Rolle für die Rohstoffpreise", bilanzierten die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs.

Es sieht so aus, als entkoppelten sich die Preise für Getreide zunehmend von der Wirklichkeit. Betrachtet man die Geldmenge, die in die Rohstoff-Fonds fließt, und die durchschnittlichen Weltmarktpreise von Grundnahrungsmitteln, sieht man, dass beide seit zehn Jahren fast parallel steigen.

Früher war alles so einfach: Die Bauern produzierten, die Händler kauften, Angebot und Nachfrage regulierten den Preis. Der globalisierte Getreidemarkt der Gegenwart aber wirkt wie eine überkomplexe Maschine, die heiß gelaufen ist: Nicht nur das teure Öl und die wegbrechenden Maisvorräte treiben den Preis, sondern auch der Fleischhunger in China und die zunehmenden Dürren sowie der westliche Wunsch nach sauberer Energie und Börsengewinnen. Über Jahre haben die Regierungen darauf vertraut, dass der Markt sich zum Wohle aller selbst steuert, dass ihm etwas Vernünftiges innewohnt, Kräfte, die ihn regulieren.

Haben sie sich getäuscht? Müssten für den Nahrungsmittelmarkt vielleicht andere Kriterien gelten als, beispielsweise, für den Automarkt?

Oder ist es zu leicht, die Schuld nur bei den Märkten zu suchen? Warum, kann man fragen, gelingt es einem Land wie Kenia nicht, sich selbst zu versorgen?

Es ist ein Tag im August dieses Jahres, als der kenianische Bauer Maulidi Diwayu mit einem Laptop unter dem Arm aus seiner Strohhütte tritt. Der kleine Verschlag steht auf einem sattgrünen Maisfeld, mitten in einer der fruchtbarsten Gegenden Kenias. Diwayu lebt von diesem Feld. Er ist Mitte 50, ein Schlapphut schützt ihn gegen die brennende Sonne. Vor vielen Jahren hat Diwayu Umweltmanagement in Nairobi studiert, jetzt, sagt er, kämpfe er für die Zukunft der kenianischen Bauern. Für die Zukunft seiner Heimat.

Diwayus Heimat, das Tana-Delta, könnte so etwas sein wie der Mato Grosso Ostafrikas. Die dünn besiedelten Flächen, die sich nördlich der Hafenstadt Mombasa entlang des Tana River erstrecken, könnten ganz Kenia ernähren, sagte der spätere Präsident Mwai Kibaki in den siebziger Jahren. Heute ernährt das Delta nicht einmal seine eigenen Bewohner.

Diwayu hat die Rede von Kibaki damals im Radio gehört. Er sagt: "Kibaki hatte recht. Es darf nicht sein, dass hier Menschen hungern."