Mal angenommen, ein mitfühlender Mensch wirft einem Bettler in der U-Bahn 65 Cent in den Pappbecher: Dürfte er anschließend von sich behaupten, er habe damit einen Beitrag zur Bekämpfung der globalen Armut geleistet?

Manche Hersteller von luxuriösen Armbanduhren reden jedenfalls gern davon, Beiträge zur Lösung globaler Probleme zu leisten. Der Schweizer Anbieter TAG Heuer half dem Schauspieler Leonardo DiCaprio schon dabei, "unseren Planeten zu schützen". Die italienische Firma Panerai ließ mal 100 "Young Explorers" zu zwölf "Brennpunkten der Erde" segeln, um dort "ökologische und soziale Projekte" umzusetzen. Und Omega, eine Nobelmarke des Schweizer Uhrenkonzerns Swatch Group, nimmt sich nach eigenen Angaben "Zeit für unseren Planeten".

So viel planetares Mitgefühl ist aller Ehren wert. Aber was springt für Mutter Erde wirklich dabei raus? Die Antwort liefert erstaunliche Einsichten in das Weltbild der Luxusbranche.

Omega preist derzeit ein Modell namens Planet Ocean GMT Dual Time Zone an. Die Werbekampagne zeigt außer der Uhr ein großes Luftbild des "Great Blue Hole" im Riffsystem vor der Küste Belizes. Das große blaue Loch stellt nicht nur ein beliebtes Tauchziel für gut betuchte Karibikreisende dar, sondern gilt auch als bedrohtes Naturerbe. Im Begleittext teilt Omega mit, man arbeite gemeinsam mit einer Stiftung "an einem Projekt, um das Gleichgewicht und die Schönheit unserer Ozeane für künftige Generationen zu bewahren. Ein Teil der Erlöse vom Verkauf jeder Planet Ocean GMT Dual Time Zone Uhr geht an dieses Projekt. Es ist an der Zeit, dass wir unserem Planeten etwas zurückgeben."

Schönes Foto. Schicke Uhr. Und ein gewaltiger Anspruch. Man wüsste zu gerne, was genau Omega "unserem Planeten" und den Weltmeeren eigentlich "zurückgeben" will, damit "künftige Generationen" sich auch noch daran erfreuen können.

Die Frage geht an die Swatch Group. Die maritimen Herausforderungen sind ja bekannt. Überfischung, Erderwärmung, Plastikmüll, Erdölförderung, Tauchtourismus und vieles mehr machen den Weltmeeren zu schaffen. Kurz: Die Ozeane sind so groß wie ihre Probleme, beide dürften bei Weitem größer sein als die Zahl potenzieller Käufer von Armbanduhren, die 5.500 Euro und mehr kosten.

Die Swatch Group antwortet, sie finanziere drei Jahre lang zwei Projekte nahe der indonesischen Insel Sulawesi. "Eines fokussiert sich darauf, die örtliche Bevölkerung beim Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels zu unterstützen. Dies geschieht durch Wiederaufbau, Erhaltung und partizipatives Management von Mangroven und Seegras-Feldern", teilt der Konzern mit. "Das andere fokussiert sich auf Förderung der Biodiversität der Meere im Norden von Sulawesi. Die Widerstandsfähigkeit der Artenvielfalt soll durch Erschaffen und Erweitern von Meeres-Schutzzonen gestärkt werden." Wie viel Geld pro verkaufter Uhr in diese Projekte fließt, will die Swatch Group nicht verraten. Man garantiere für die gesamte Laufzeit aber eine Summe von 450.000 Euro. Das sind 150.000 Euro pro Jahr.

Die Swatch Group lügt also nicht. Sie leistet tatsächlich einen Beitrag zum Schutz der Meere. Allerdings ist es ein sehr kleiner Beitrag. Ungefähr so, als würde jemand mit einem Eimer Wasser zur Löschung von Waldbränden antreten. Britische Forscher haben vor längerer Zeit mal ausgerechnet, dass jährlich bis zu 14 Milliarden Dollar nötig wären, um wenigstens die Überfischung halbwegs in den Griff zu bekommen. Dann müsste freilich noch jemand bezahlt werden, der den im Pazifik treibenden Plastikmüll einsammelt, schmelzende Polkappen wieder einfriert und einige andere größere Jobs erledigt. Sofern man das Gleichgewicht und die Schönheit unserer Ozeane tatsächlich für künftige Generationen bewahren wollte.