Lesen macht sogar gesund

Die Studie wird sogar noch interessanter, wenn man Andreas Schleicher folgt, dem Piaac-Koordinator bei der OECD: "Höhere Kompetenzwerte bei Piaac bedeuten für den Einzelnen ein höheres Einkommen und ein geringeres Risiko, arbeitslos zu werden." Diese ökonomische Sichtweise erwartet man geradezu von der OECD. Und man sollte sie nicht geringschätzen, denn das Lebensglück der meisten Menschen ist ohne Erfolg im Beruf nicht möglich. Noch erstaunlicher ist es, wie sich eine höhere Lesekompetenz sogar auf sozial erwünschtes Verhalten auswirkt. Wer besser liest, das zeigt die Studie, der engagiert sich auch vermehrt ehrenamtlich, der hat das Gefühl, sich wirksam in politische Prozesse einschalten zu können – und er wird mit besserer Gesundheit belohnt. Natürlich gilt das nicht für jeden Einzelnen, aber es ist ein starker statistischer Trend.

Zu vielen fehlen die Basiskenntnisse

Ein Mittelplatz Deutschlands im Länder-Ranking (siehe Tabellen Seite 72) mag erst einmal beruhigend wirken. Der Pisa-Schock ("Deutschland überall schlechter als der internationale Durchschnitt") wiederholt sich also nicht. Bei den Erwachsenen liegen wir nun mit der Lesefähigkeit knapp unter, mit der Mathekompetenz leicht über und mit den Computerfertigkeiten genau in der Tabellenmitte.

Also alles in Butter? Nein. Denn schaut man genauer hin, dann grüßen wieder die bekannten Probleme:

Erstens verfügen in Deutschland überdurchschnittlich viele Erwachsene nicht über die Basiskenntnisse im Lesen und in der Mathematik. 17,5 Prozent gehören bei uns im Lesen zu dieser Gruppe. In den Niederlanden etwa sind es nur 11,7 Prozent. Diese Menschen sind zum Beispiel nicht in der Lage, ein Fahrtenbuch so zu lesen, dass sie auf seiner Basis die Fahrtkosten berechnen können. Für qualifizierte Berufe sind sie ungeeignet. Der Vollständigkeit halber soll hier erwähnt werden, dass diese Gruppe in Japan nur 4,9 Prozent der Erwachsenen umfasst, in Frankreich aber 21,5 Prozent.

Zweitens wiederholt sich bei den Erwachsenen der Befund der ersten Pisa-Studie, dass in Deutschland die soziale Herkunft besonders stark auf die Leseleistung durchschlägt. Nur in den USA ist dieser Effekt noch deutlicher. Das ist nicht nur ein moralisches Problem. Wenn wir die Kinder aus den sogenannten bildungsfernen Schichten nicht fördern, dann schaden wir der Wirtschaft und der politischen Stabilität unseres Landes. Das nun muss uns beunruhigen, vor allem, weil unsere Bevölkerung altert. Unsere Wirtschaft braucht bekanntlich trotz schrumpfender Bevölkerung mehr Fachkräfte, die Älteren werden also im Berufsleben gebraucht.

Jetzt wird es schwierig

Bei den schwachen Pisa-Ergebnissen konnte man noch hoffen. Erstens darauf, dass die Jugendlichen im Laufe ihres Berufslebens noch dazulernen. Zweitens ist mit den Schulen und Familien der Kreis der Schuldigen recht überschaubar. Man kann die Kultusminister kritisieren, man kann wahlweise von den Lehrern oder den Eltern mehr Einsatz fordern.

Aber wie um Himmels willen bringt man eine große Zahl unqualifizierter Erwachsener zum Lernen?

Eine leichte Antwort gibt es darauf nicht.

Versuchen wir es mit einer komplizierten: Gerade weil es so schwierig ist, Erwachsene zum Lernen zu bringen, die es bislang nicht gewohnt waren, müssen wir mit aller Kraft zu den Wurzeln des Problems vordringen. Vor und während der Schulzeit sind, wie die Berechnungen von Bildungsökonomen immer wieder zeigen, Investitionen besonders sinnvoll. Kinder in Problemfamilien müssen fürsorglich belagert werden, ihren Eltern, vorwiegend Deutschstämmige und Einwanderer aus den unteren Sozialschichten, muss Hilfe angeboten werden, die sie nicht ablehnen können. Ins Zentrum der Schulpolitik muss endlich jenes Fünftel der Schüler genommen werden, das in Gefahr ist, die Schule ohne ausreichende Lese- und Rechenkenntnisse zu verlassen. Zum Beispiel durch zusätzlichen Unterricht am Nachmittag, am Wochenende und, wenn nötig, in den Ferien.

Und noch schwieriger

Teil zwei der schwierigen Antwort: Wir sollten genau hinschauen, was jene Staaten machen, die in der Piaac-Studie besser abschneiden, etwa die nordischen Länder. "Dort sind sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer einig, dass das Lernen nicht mit der Schule aufhört", sagt Andreas Schleicher. "Es ist dort sehr verbreitet, neben der Arbeit zu studieren." Arbeitnehmer müssten dafür bereit sein, Zeit zu investieren; die Chefs sollten das unterstützen, indem sie zum Beispiel mehr Teilzeitarbeit ermöglichen.

Zudem sollten wir bislang brachliegende Fähigkeiten besser nutzen. Viele Einwanderer können mehr, als bei uns mit Zertifikaten anerkannt wird. Und auch viele Frauen, die wieder in den Beruf einsteigen, eignen sich für anspruchsvollere Aufgaben als jene, die ihnen oft zugeteilt werden. Besonders schwierig wird es sicher, die am wenigsten Qualifizierten fortzubilden, denn die Piaac-Studie zeigt auf, dass ausgerechnet sie am wenigsten von Fortbildung im Beruf erreicht werden.

Das ist eine zähe und langwierige Aufgabe, aber sie muss angepackt werden, wenn wir unseren Wohlstand sichern wollen.