Es war ein atemberaubender Moment der diesjährigen Berlinale, als Nazif Mujiz einer TV-Interviewerin gegenübersaß und die Tatsache kommentierte, dass er, der Laiendarsteller, der in dem Film Aus dem Leben eines Schrottsammlers sich selbst spielt, soeben mit dem Silbernen Bären als bester männlicher Hauptdarsteller ausgezeichnet worden war. Nazif Mujiz ist ein bosnischer Roma. Er lebt mit seiner Frau Semada und seinen zwei kleinen Töchtern, die ebenfalls sich selbst spielen, im Kanton Sarajewo. In einem ärmlichen Dorf, das von seinem Sozialstatus her nichts anderes ist als ein Roma-Ghetto.

Ein paar Sekunden fürchtete man um die nervliche und stimmliche Verfassung des aus seiner Wohnküche ins Rampenlicht katapultierten Mannes. Nazif Mujiz lauschte bewegungslos der Übersetzerstimme im Kopfhörer. Dann holte er Luft und erzählte in nüchternen Sätzen, wie es zu der Zusammenarbeit mit dem bosnischen Regisseur und Oscar-Preisträger Danis Tanović gekommen war. Alles, was diesen Film, der mit minimalem Team, drei Handkameras, ohne Skript und unter den Bedingungen der Improvisation in nur zwölf Tagen gedreht wurde, zu einem bewegenden und bezwingenden Leinwandereignis macht, war in den Antworten des Schrottsammlers wiederzuerkennen: der existenzielle Ernst, die Würde unsentimentaler Sachlichkeit, die fast widerstrebend entfaltete poetische Energie des Authentischen.

Denn die Geschichte des Films hat sich zuvor genauso in der Realität zugetragen. Tanović wurde durch eine Zeitungsnotiz auf sie aufmerksam, rief ein paar Freunde an, packte die Kameras ein, fuhr in das Roma-Dorf, sprach mit Nazif Mujiz und bebilderte ein Leben, dessen ökonomische Ressourcen so hart am Rand des Untergangs bemessen sind, dass für rhetorische Ressourcen kein Spielraum bleibt. Keine langen, betrachtenden Kameraeinstellungen, keine Musik, keine Nebendialoge, auch keine Psychologie. Dennoch – und das ist das Faszinierende – ist dies kein Dokumentarfilm, sondern ein veristischer Spielfilm, in dem es um nichts weniger geht als um Leben und Tod. Um den Preis eines Menschenlebens.

Als Nazif von der Arbeit, vom Sammeln von Metallschrott, nach Hause kommt, liegt Semada mit Unterleibsschmerzen auf der Couch. Sie fahren ins Krankenhaus nach Sarajewo. Semada hat eine Fehlgeburt erlitten. Sie muss dringend operiert werden. Semada hat keine Versicherungskarte, Nazif nicht die 500 Euro, um die Operation zu bezahlen. Das Krankenhaus verweigert eine kostenlose Behandlung. Dreimal fährt Nazif zur Klinik, dreimal vorbei an den rauchenden Schloten des Kraftwerks am Stadtrand von Sarajewo. Dreimal fleht er die Bewacher des Gesundheitssystems an und hört: "Befehl vom Direktor: Ohne Geld keine OP." Vor der dritten Fahrt geht Nazifs Auto kaputt. Er läuft durchs Dorf, steht rufend vor den Häusern der Verwandten, damit sie ihm ihr Auto leihen. Er kann Semada nur durch einen illegalen Trick retten. Er fährt sie, die kaum mehr laufen kann, in den serbischen Teil Bosniens zu ihrer Schwägerin. Sie überlässt Semada ihre Versicherungskarte. Unter dem Namen der Schwägerin wird Semada im Krankenhaus von Modriča operiert.

Dramaturgisch lehnt Danis Tanović diese Odyssee so dezent wie unübersehbar an den neorealistischen Klassiker Fahrraddiebe aus dem Jahr 1948 an. Jede Station, jedes verzweifelte Anrennen gegen Widerstände und Probleme bringt den nächsten Widerstand hervor, türmt ein neues Problem auf. Wie Vittorio de Sica folgt Tanović konsequent der Perspektive eines Familienvaters, der ein Meister im Handwerk der Not sein muss.

Oft zeigt die Kamera Nazif von hinten. Wenn er in den Wald geht, um Holz für den Küchenherd zu schlagen, wenn er im Dorf nach Hilfe ruft. Er, der Schrottsammler und Laiendarsteller, gibt die Blicke vor, öffnet die Räume. Und es ist nicht zuletzt dieses Zugeständnis an Souveränität, dem dieser einfache, nüchterne Film eine Sogwirkung verdankt, die geradezu rätselhaft wirkt. In einigen Kritiken wurde Tanović’ scheinbar hektische, scheinbar lieblose Schnitttechnik bemängelt. Genau sie aber ist ein entscheidendes Mittel, ja der Schlüssel zum Sinn der Geschichte. Es ist die Geschichte eines Mannes, der um das Leben seiner Frau und gegen die Zeit kämpft. Ein solcher Mann schaut nicht länger als eine halbe Sekunde auf die rauchenden Schlote von Sarajewo und die winterlich verdunstete Sonne auf dem Weg nach Modriča. Ein solcher Mann setzt sich hin, kippt den Kaffee hinunter, registriert, dass der Fernseher läuft und die Kinder abgelenkt sind, fragt die Frau, ob sie noch Unterleibsschmerzen hat und steht sofort wieder auf.

Das alles dauert in Wahrheit nur eine Minute. Und um den Moment geht es in diesem Film, der bei der Berlinale, wie sein Hauptdarsteller, mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Um die Wahrheit eines Daseins am Rand Europas und um die Wahrheit in unseren Köpfen, wo Roma bevorzugt als musizierendes Folklorevölkchen oder als Taschendiebe in Erscheinung treten. Die Wahrheit muss im Übrigen gar nicht viel kosten. Er habe, äußerte Danis Tanović in einem Interview, den Film für "seventeen thousand Euro" hergestellt.