"Es muss aussehen, als würdest du noch schlafen"

DIE ZEIT: Herr Müller, Sie sind einer der weltweit besten Snowboarder, aber in der Schweiz kennen nur Eingeweihte Ihren Namen. Ist das nicht frustrierend?

Nicolas Müller: Nein. Es würde mir nicht viel bringen, wenn mich in der Schweiz jeder kennen würde. Das wäre eher mühsam. Eine globale Anhängerschaft ist mir wichtiger – so kann ich mit Sponsoren meinen Lebensunterhalt verdienen.

ZEIT: Trotzdem: Sie sind nun seit über zehn Jahren an der Weltspitze. Aber nie berichtete das Schweizer Fernsehen über Sie, und es gibt kaum längere Artikel über Sie.

Müller: Ich wurde letzten März von den beiden wichtigsten Snowboard-Magazinen der Welt zum "Rider Of The Year" gewählt. Das ist eine der größten Auszeichnungen für einen Fahrer. Da werden alle Aspekte des Snowboarders betrachtet. Nicht nur, wer Olympia gewann. Darauf habe ich dem Tages-Anzeiger eine Mail geschrieben ...

ZEIT: ... und?

Müller: Ich habe nicht einmal eine Antwort erhalten. Eigentlich bin ich der Roger Federer des Snowboardens, aber es weiß einfach niemand. (lacht)

ZEIT: Snowboarden ist seit einigen Jahren olympisch. Sie aber haben nie an den Spielen teilgenommen. Warum?

Müller: Da geht es nur noch um den Wettkampf. Das Snowboarden wird immer mehr zu einem Akrobatiksport: mehr Drehungen, mehr Salti. Das unterscheidet sich nicht mehr vom Turmspringen oder Kunstturnen. Mich interessierte diese Akrobatik auch einmal sehr. Ich wollte an den Events die neuesten, krassesten Tricks zeigen, um vorne dabei zu sein. Aber irgendwann sagte mir das nichts mehr.

ZEIT: Was war passiert?

Müller: Das Jahr 2005 war ein Highlight für mich. Da war ich bei allen großen Events vorne mit dabei. Ich gewann den Nissan X-Trail Jam im Tokyo Dome vor 45.000 Zuschauern, den Toyota Big Air in Sapporo und den Air & Style in München. Die Leute und ein Teil von mir erwarteten, dass ich im nächsten Jahr auch wieder vorne dabei bin. Aber dafür hätte ich im Sommer in die Schnitzelgrube springen müssen. Doch darum geht es mir nicht beim Snowboarden.

ZEIT: Um was geht es dann?

Müller: Es geht um ein Feeling. Und das Feeling habe ich, wenn ich in der Vorsaison hier in Laax auf dem Crap Sogn Gion sitze, es gibt nur ein bisschen Schnee, ich schnalle mein Board an und ziehe einen einfachen Schwung oder springe einen kleinen Ollie. Snowboarden ist für mich Sport auf dem nächsten Level: Es gibt kein Feld, keine 90 Minuten, kein Resultat. Nur mich und den Berg, den gottgeschaffenen Spielplatz.

"Ich fühlte mich fast sicherer mit einem Board unter den Füßen als ohne"

ZEIT: Wenn Sie über Snowboarden sprechen, hat man das Gefühl, Sie sprechen über eine Religion.

Müller: Wenn Religion meint, man glaubt an etwas, dann ist das so. Ich glaube ans Snowboarden. Ich snowboarde nun schon länger als die Hälfte meines Lebens – das ist alles für mich.

ZEIT: Wann entdeckten Sie Ihren Glauben?

Müller: Mit 14 oder 15. Da ging ich in Aarau noch in die Schule. Ich abonnierte das Monster Backside Magazine und kaufte mein erstes Snowboardvideo: Subject Haakonsen mit Terje Haakonsen. Er war damals der Superstar in der Szene. Ich wollte so werden wie er. Hunderte Male habe ich mir den Film angeschaut, und am Berg versuchte ich seine Tricks nachzumachen. Ich brach die Schule ab und ging nach Laax, meine Eltern mieteten dort ein WG-Zimmer für mich. Ich lernte andere Fahrer kennen, meldete mich für die ersten Contests an, hatte die ersten Sponsoren. Es ging immer weiter. An einem Fotoshooting lernte ich dann Terje kennen. Ich war völlig starstruck, konnte gar nicht sprechen. Dabei war ich selbst schon ein Star. Ich gehörte zu den weltweit besten Fahrern. Da saß ich eines Winters im Flieger nach Kanada, weil es hier in der Schweiz wieder mal zu wenig Schnee gab, und dachte: Das kann es jetzt nicht gewesen sein, oder?

ZEIT: Was war Ihre Antwort?

Müller: Ich wollte snowboarden, filmen, aber noch freier fahren, selber entscheiden, wo und wie ich den Berg runterfahre. Mir war immer wichtiger, wie ich etwas mache, als was ich mache.

ZEIT: Wenn man Ihre Filme anschaut, dann fällt auf: Keiner fährt mit dieser tänzerischen Leichtigkeit den Hang runter.

Müller: Ich will machen, was mir Spaß macht. Irgendwann löscht es dir ab, wenn du ständig nach der noch größeren Schanze suchst. Da haust du dich dann drüber, hast vielleicht sogar etwas Angst. Darauf habe ich keinen Bock. Damit macht man nur den Körper kaputt. Auch im letzten Winter habe ich ein paar Schanzen gebaut, aber die Tricks, die ich sprang, sind teils dieselben, die ich schon vor zehn Jahren sprang. Und die Leute finden das geil. Denn sie können sich mit den Tricks identifizieren. Das ist mir wichtig.

ZEIT: Die Entwicklung im Snowboarden geht aber in eine andere Richtung: aus dem Lebensgefühl wurde ein bitterernster Spitzensport.

Müller: Das will ich ändern. Ich möchte dem Snowboarden seine Freiheit zurückgeben. Und dafür muss ich erzählen, was in mir vorgeht. Ich war zwar zunächst unsicher, merkte, wie mich die junge Generation Snowboarder etwas belächelte. Weil ich nicht immer krassere Tricks sprang, sondern mich auf einer anderen Ebene weiterentwickelte. Kein Wunder, sie wollen noch dorthin, wo ich schon war: nach ganz oben, angehimmelt werden. Aber ich lächelte zurück: Wir reden in zehn Jahren nochmals miteinander.

ZEIT: Fällten Sie diesen Entscheid allein im Flugzeug nach Kanada?

Müller: Nein, ich habe viel mit Fahrern, Fotografen, Filmern gesprochen, die schon länger dabei waren. Da spürte ich viel Sympathie.

ZEIT: In Ihrer zweiten Snowboard-Karriere dreht sich nun alles um den guten Style – aber was ist das?

Müller: Es geht um die Körperhaltung, um den Ausdruck. Es muss aussehen, als würdest du noch schlafen. So sehr musst du einen Sprung verinnerlicht haben. Dazu braucht es Talent, aber auch viel Übung. Ich mache nicht einen Trick und gleich den nächsten, wenn ich ihn stehe. Denn irgendetwas kann man immer verbessern.

ZEIT: Wann sind Sie zufrieden?

Müller: Wenn ich Hühnerhaut am Nacken kriege.

ZEIT: Ihr Lieblingstrick ist der altmodische Method Air. Wieso gerade dieser Sprung?

Müller: Er ist zeitlos. Wenn ich jemandem in einem Bild das Snowboarden erklären müsste, würde ich ihm einen Method zeigen. Er ist die Essenz meines Sports. Dieses Gefühl der Schwerelosigkeit, die ausgebreiteten Arme ... Woooah! Man kann ihn überall machen. Und es kann ihn fast jeder. Es geht also darum, ihn mit mehr Style als alle anderen zu springen.

ZEIT: Wann merkten Sie eigentlich, dass Sie die totale Kontrolle über Ihren Körper haben?

Müller: Eine Zeit lang war ich fast selber erschrocken darüber, wie leicht ich gewisse Tricks lernte. Als Teenager setzte ich dann alles auf eine Karte. Ich war drei Jahre lang jeden Tag auf dem Brett. Egal, ob Sommer oder Winter. Da ist etwas passiert. Ich kriegte dieses Brettgefühl und fühlte mich fast sicherer mit einem Board unter den Füßen als ohne.

ZEIT: Ihre Lehrer warnten Sie damals davor, die Schule abzubrechen.

Müller: Ja, da wurde eine Angst von außen an mich herangetragen. Das war aber nicht meine Angst, da musste ich mich klar abgrenzen. Was konnte schon passieren? Wir leben schließlich in der Schweiz, uns geht es gut.

ZEIT: Dass man Ihnen prophezeite, Sie würden in der Fabrik landen, spornte Sie an?

Müller: Klar, ich wollte es denen zeigen. Und als ich es geschafft hatte, hieß es: Du hast Glück gehabt. Nein, das war kein Glück, das war eine Entscheidung.

ZEIT: Heute verdienen Sie Ihr Geld vor allem mit Snowboard-Filmen. Sie lassen sich von Helikoptern auf Berggrate fliegen, um von dort ins Tal zu fahren. Was geht Ihnen durch den Kopf, bevor Sie in den Hang stechen?

Müller: In den Helikopter steige ich meist Ende Saison. Ich bin also schon Hunderte Stunden auf dem Brett gestanden. Trotzdem muss ich mich voll konzentrieren: Wo fahre ich durch, damit ich es überhaupt überlebe, und wo fahre ich durch, damit ich Aufnahmen machen kann, die in einen millionenteuren Film kommen, der um die Welt geht? Der Heli fliegt, es ist laut, ich will hier etwas zeigen – da darf man keine Fehler machen. Sobald ich aber in den Hang drope, denke ich nicht mehr viel. Dann verlasse ich mich auf meine Intuition, alles geht wie von alleine.

ZEIT: Sie merken sich also beim Rauffliegen die ganze Bergflanke?

Müller: Ja, das muss ich. Andere Fahrer wie Travis Rice haben eine kleine Kamera dabei, um die kritischen Stellen aus dem Helikopter zu fotografieren. Oben angekommen, schauen sie sich die Bilder nochmals an: Bei diesem Felsen links rum, dann kommt eine Schneewächte. Ich konzentriere mich lieber auf das, was ich gesehen habe. Das verinnerliche ich. Ich weiß genau, was ich wo machen werde. Ich habe aber immer einen Plan B, eine sichere Route, wenn etwas nicht klappt.

ZEIT: Was würde passieren, wenn ich dort runterfahren würde?

Müller: Sie würden sterben. (lächelt) Ich war schon Heli-Boarden mit Iouri Podladtchikov, dem Schweizer Halfpipe-Weltmeister. Der war völlig gestresst: "Wo bin ich da gelandet?" Er wäre lieber in seiner Pipe geblieben. Dann habe ich ihm erklärt, wo es Felsen hat, wo er wie rausspringen kann. So kam er heil runter.

ZEIT: Angst haben Sie nie, wenn Sie auf dem Brett stehen?

Müller: Manchmal. Doch je älter ich werde, desto weniger. Ich versuche, dass es gar nicht so weit kommt. Ich bin ein extrem vorsichtiger Mensch, nehme immer die Linie, die weniger gefährlich ist. Nicht entlang der Falllinie, sondern quer zum Hang. Oder wenn die Landung bei einem Sprung zu nahe an einem Felsen wäre, dann mache ich lieber nebenan einen Powder-Turn. Da muss man halt die blöden Sprüche der Kollegen ertragen können. Aber morgen ist schließlich ein neuer Tag.

ZEIT: Was war Ihre schwerste Verletzung?

Müller: Am Freestyle-Event in Zürich habe ich mir mal das Band am Fußgelenk angerissen. Da habe ich nicht genug auf mich gehört, denn eigentlich wollte ich gar nicht mitmachen, ließ mich aber überreden. Noch heute muss ich meinen Fuß trainieren.

ZEIT: Was bedeutet Ihnen der Berg?

Müller: Er ist für mich eine Energiequelle, er gibt mir Sicherheit. Auf dem Berg fühle ich mich vollkommen bei mir.

ZEIT: Freiheit geht für Sie über alles. Gleichzeitig sind Sie eine wandelnde Werbesäule mit Sponsoren wie Nike, Burton und Oakley. Wie geht das zusammen?

Müller: Mein Leben hat seinen Preis. Ich wohne in der Schweiz, habe ein kleines Haus in Laax, wo ich meine Batterien aufladen kann. Ich mache aber keine unehrliche Werbung. Ich kann mit gutem Gewissen sagen: Kauft ein Burton-Board.

ZEIT: Können Sie das auch über Nike sagen?

Müller: Nike kann auf einer globalen Ebene etwas verändern. Dort will ich dabei sein. Das heißt: nicht nur über die neuesten Farben und Schnitte der Jacken und Schuhe diskutieren, sondern auch darüber, wie die Produkte gemacht werden. Ich kann nicht einerseits im Bioladen einkaufen, und andererseits werden Menschen krank, die in China oder Bangladesch meine Kleider herstellen.

"Mir nimmt der Weizen die Energie"

ZEIT: Sie fliegen also nach Portland, in die Firmenzentrale von Nike, und diktieren den Damen und Herren, welche Bedingungen Sie an eine Zusammenarbeit stellen?

Müller: Ja, so war es. Ich schaute mir das an, sah, dass das wirklich coole Leute sind. Die wollten mich, weil ich so denke. Und sie wissen, dass sie ihr Wort halten müssen.

ZEIT: Keine Angst, nur das Feigenblatt eines Weltkonzerns zu sein?

Müller: Wenn ich das wäre, würde ich den Sponsor wechseln.

ZEIT: Sie sind seit Jahren Vegetarier, essen statt Weizen- nur noch Dinkelprodukte. Hilft Ihnen diese strikte Diät, sich noch stärker auf sich und Ihren Körper zu konzentrieren?

Müller: Ich habe das irgendwo aufgeschnappt und ausprobiert. In Europa ist in der Nahrung viel zu viel Weizen. Das kann nicht gesund sein, es fehlt das Gleichgewicht. Mir nimmt der Weizen die Energie, meine Nase läuft und ich fühle mich träge. Seit ich darauf verzichte, bin ich klarer im Kopf. Das merke ich auch beim Snowboarden.

ZEIT: Besitzen Sie deshalb kein Handy?

Müller: Ja. Ich kann mir das leisten, ich muss nicht immer erreichbar sein. Vor allem die SMS haben mich genervt. Antwortet man mal nicht, dann ist die andere Person beleidigt. Darauf habe ich keinen Bock. Ich will mich wieder spontan mit anderen treffen können.

ZEIT: Sie führen ein kompromissloses Leben, ist da Platz für eine Beziehung?

Müller: Ich bin seit einem halben Jahr in einer glücklichen Beziehung. Da musste ich mich etwas öffnen. Als meine Freundin eine Pizza essen gehen wollte, sagte ich zuerst: "Nein, Pizza geht nicht, im Teig hat es Weizen drin." Ich wollte, dass sie so wird wie ich. Da haben wir immer nur gestritten, bis ich gemerkt habe, so geht das nicht.

ZEIT: Was haben Sie getan?

Müller: Ich mache hin und wieder eine Ausnahme, esse Weizenprodukte – und meine Freundin mag nun auch Dinkel. (lacht)

ZEIT: Gefährdet eine Beziehung nicht Ihre Konzentration auf das Snowboarden?

Müller: Nein, davor habe ich nicht Angst. Im Gegenteil, die Liebe ist ein schöner Antrieb und ein Quell der Inspiration. Den Sommer durch stand ich nie auf dem Brett und hatte etwas Abstand. Das ist manchmal wichtig, um auf neue Ideen zu kommen und mit vollem Elan in die Saison zu starten. Aber klar, wenn der Winter kommt, gibt es nur noch – den Berg. Wenn du am Morgen aufwachst und es schneit, du fährst hoch und es schneit den ganzen Tag weiter, du machst keine Pause, auf den Sessellift, hoch, wieder runter, bamm, bamm, bamm ...

ZEIT: Wann ist Schluss mit Snowboarden?

Müller: Nie! Als Profi rechne ich noch mit zehn Jahren. Das Ziel ist, für den Rest meines Lebens Powder-Turns zu machen. Das ist alles, was ich will.