Gelassen und ironisch gibt sich der Physiker und Astrophysiker Stephen Hawking in seiner Autobiografie Meine kurze Geschichte. Er entspreche wohl ganz dem "Klischee des behinderten Genies", schreibt Stephen Hawking und parodiert in seinem Buch sogar die Rezensionen, die er nach dessen Veröffentlichung erwartet; sie treten die Geschichte breit, in der ein schwer körperbehinderter Gelehrter mit Geisteskraft den Kosmos durchdringt und schließlich die Frage nach Gott stellt. Das Klischee wird aber weder dem Autor noch seinem Leben, seiner Forschung oder diesem Buch gerecht. Der schmale Band, bis auf wenige Passagen ohne Anstrengung zu lesen, ist eine Übung in Lebensrealismus. "Ich hatte ein gutes und erfülltes Leben", schreibt Hawking, der seit vielen Jahren gelähmt ist und im Rollstuhl sitzt, und setzt fort: "Meiner Meinung nach sollten sich behinderte Menschen auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind." Was auch für alle Nichtbehinderten gilt.

Unterhaltend schildert Hawking seine Kindheit und die Schulzeit, in der er nur mittelmäßige Noten nach Hause brachte, wohl weil er "unordentlich" arbeitete. Gleichwohl gaben ihm die Klassenkameraden den Spitznamen Einstein – "sie sahen offenbar irgendwo Anlass zur Hoffnung". Es folgte das Physikstudium in Oxford. Dort gehörte es damals zum guten Ton, sich zu langweilen und alles zu vermeiden, was Mühe machen könnte. Auch der junge Hawking war ostentativ faul. Bis sich sein Leben radikal änderte: Das war, als dem 21-Jährigen mitgeteilt wurde, dass er unheilbar krank und seine Lebenszeit nur mehr sehr begrenzt sei. Nur wenige Patienten überleben die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose länger als eine Handvoll Jahre. Schlagartig habe er begriffen, schreibt Hawking, welchen Wert das Leben habe und was er noch alles damit anfangen wolle.

Zu seiner Überraschung stellte er bald fest, "dass ich das Leben jetzt mehr genoss als früher". Beschrieben ist diese Wendung allerdings nicht im gefühligen Duktus von Erbauungsbüchern für Kranke, sondern auf eine lakonische Weise, die zuweilen witzig ist und stets anrührend. Sein Stil ist Ausdruck einer Lebenshaltung. Genau 300 Jahre nach Galileis Tod sei er geboren, stellt Hawking an einer Stelle fest, nur um anzufügen: "Ich schätze, dass noch ungefähr zweihunderttausend andere Kinder an diesem Tag geboren worden sind. Ob sich eines von ihnen später für Astronomie interessierte, weiß ich nicht." Hier ist kein Platz für Rätsel und tiefere Bedeutungen; ganz Physiker, nimmt er die Daten und stellt vernünftige Abschätzungen auf.

In diesem Stil notiert er auch sein Liebesleben. Als seine erste Frau sich sorgt, nach Hawkings Tod mit den Kindern allein zu stehen, sucht sie einen Nachfolger und quartiert diesen schon mal in der ehelichen Wohnung ein. Hawking sieht die Vernunftgründe ein, erträgt die Situation indes auf Dauer nicht und zieht zu seiner Krankenschwester Elaine, die er später heiratet. Die zweite Ehe hält zwölf Jahre, danach haben seine gesundheitlichen Krisen auch Elaine zermürbt, wie Hawking ohne Bitterkeit mitteilt.

Wie die Dinge funktionieren, das habe ihn immer interessiert. Und wer sie verstehe, der beherrsche sie auch – sogar das Universum, schreibt er, "in gewisser Weise". Doch als ihm die Krankheit neue Energie einhauchte, folgte er nicht bloß seiner Neugier mit vervielfachter Intensität. Er brauchte auch Geld für die Familie, eine feste Anstellung. Sein Ehrgeiz erwachte, jener Antrieb, der letztlich die Wissenschaft in Gang hält.

Infolgedessen liest sich das Buch zugleich als Einblick in die Strategien, mit denen Forscher ihren Weg zum Ruhm suchen. Wichtig ist es vor allem, sich nicht Forschungszweigen oder Koryphäen zu verschreiben, die bald von der Konkurrenz überholt werden könnten – wie gut, dass er nicht Doktorand des Physikers und Mathematikers Fred Hoyle gewesen sei, schreibt Hawking an einer Stelle, "sonst hätte ich die Steady-State-Theorie verteidigen müssen". Mit den Siegern und nicht den Verlierern zu sein, das freilich ist oft Glückssache, denn die zukünftigen Sieger sind als solche nicht unbedingt zu erkennen, wenn sie auf dem Spielfeld antreten.

Dass Hawking Sackgassen erspart blieben, scheint er mehr dem Zufall als seiner Einsicht zuzuschreiben, wohlbedacht allerdings war seine Entscheidung gegen die experimentelle und für die theoretische Physik. Mit leisem Spott erwähnt er die zyklopischen Maschinen, derer sich die Experimentalphysik bedient, der theoretische Physiker hingegen, so dürfen wir ihn verstehen, arbeite freier, fantasievoller, exklusiver. Theoretische Physik ist ein mathematischer Forschungszweig in dem Sinne, dass Mathematik nicht bloß Hilfsmittel ist, vielmehr sind ihre Objekte nur mathematisch zu verstehen. Zur Mathematik fühlte Hawking sich schon in der Schule hingezogen, doch sein Vater, ein Tropenmediziner, erlaubte ihm keinen Leistungskurs. Mediziner sollte er werden. Das wiederum wollte Stephen nicht. Erstens erschien ihm die Biologie "zu deskriptiv und nicht fundamental genug" – vielleicht kein ungerechtes Urteil über die Biologie der frühen fünfziger Jahre. Und zweitens ging es ums Prestige: "Die intelligentesten Jungen wählten Mathematik und Physik, die weniger intelligenten Biologie." Er belegte Chemie, ein Kompromiss. Später holte er die Mathematik nach, allerdings unsystematisch. Er habe kein intuitives Verständnis für Gleichungen, schreibt Hawking, "ich denke eher in Bildern". So etwas kann sich freilich nur jemand leisten, der die mathematische Beschreibungsweise bereits durchdrungen hat.