Seit drei oder vier Jahren träume ich immer wieder von der Apokalypse. Die Katastrophenszenarien variieren – Außerirdische wollen unsere Welt erobern, oder ein Komet rast auf die Erde zu –, aber der Plot ist immer der gleiche: Ich bin weit entfernt von meinem Freund und meiner Familie und versuche verzweifelt, zu ihnen zu gelangen. Die Katastrophe hat noch nicht stattgefunden, aber sie ist unvermeidbar. Die Erwartung des Untergangs, die Bedrohung und die Angst sind allgegenwärtig, auf den Straßen herrscht Panik. Es ist schier unmöglich, von einem Ort zum anderen zu kommen. Züge, Busse und Schiffe fahren nicht mehr oder sind heillos überfüllt. Ich sehe die Straßenkreuzungen, Städte, Häfen in großen Panoramabildern, wie im Kino. Das Ende bleibt immer offen. Bevor die Katastrophe eintritt oder ich mein Ziel erreiche, wache ich auf.

Ein anderer Traum, den ich in unterschiedlichen Versionen häufig träume, spielt in einem Fahrstuhl. Ich bin alleine in der Kabine, der Fahrstuhl fährt höher und höher, egal, welche Knöpfe ich drücke. Ich weiß, das Gebäude hat nur zehn Stockwerke, aber der Fahrstuhl klettert immer weiter, die roten Lichter zeigen den 17. Stock an, den 18. Irgendwann stoppt die Fahrt, und die Türen öffnen sich. Dann stehe ich im Freien, vor mir nur der Himmel oder eine Wasserfläche. Manchmal werde ich mir während des Traums der Tatsache bewusst, dass ich träume. "Ach, mein Fahrstuhltraum", denke ich dann und bin ganz gelassen. Es kann aber auch sein, dass ich im Traum anfange, mit mir selbst zu debattieren: "Nein, ich sehe doch alles so klar, das kann kein Traum sein, das ist real!"

Die Ängste, mit denen ich in diesen Träumen konfrontiert bin, verfolgen mich auch im Wachen. Es beschäftigt mich, dass meine Familie so weit von mir entfernt lebt. Oft stelle ich mir vor, wie lange es dauern würde, zu ihnen zu gelangen, wenn etwas Schreckliches geschieht.

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Diese Angst vor Katastrophen begleitet mich schon mein gesamtes Leben. Ich kann mich in die unwahrscheinlichsten Szenarien hineinsteigern. In meinem Beruf ist das von Vorteil, im Alltag eher anstrengend. Wenn zum Beispiel das Telefon zu ungewöhnlichen Zeiten klingelt, fürchte ich jedes Mal, dass jemand, der mir nahesteht, gestorben ist oder einen schweren Unfall hatte. Wenn ich Freunde telefonisch nicht erreichen kann, habe ich Angst, dass ihnen etwas zugestoßen sein könnte. Bei allem, was mir wichtig ist und mein Leben ausmacht, fürchte ich, dass es mir wieder abhanden kommen könnte. Das gilt vor allem für Menschen.

Vor einigen Wochen bin ich in einem Fahrstuhl stecken geblieben. Das Licht ging aus, alle Geräusche erstarben. Ich war fest davon überzeugt, ich würde den Aufzug nicht mehr lebend verlassen. Das Ganze dauerte nur anderthalb Minuten, aber ich habe schon begonnen, eine Abschieds-SMS zu schreiben.

Ich lebe mit einer ständigen Existenzangst. Manchmal wünsche ich mir, gelassener zu sein, mir weniger Druck zu machen. Andererseits treibt mich diese Angst auch an. Wenn ich mir weniger Sorgen machen würde, könnte ich nachlässig werden.

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