Wer finanziert die radikale Tea-Party-Bewegung und legt damit die Vereinigten Staaten lahm? Erst die Antwort auf diese Frage erklärt, warum 49 Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus – also eine Splittergruppe in einer Kammer mit 435 Mitgliedern – die Supermacht in den Würgegriff nehmen können.

Die Tea Party will Präsident Barack Obamas Triumph zerstören: die Gesundheitsreform Obamacare, die größte amerikanische Sozialreform seit 50 Jahren. Deswegen verhindert die Tea Party seit Wochen einen Beschluss über einen neuen Staatshaushalt und riskiert sogar die Zahlungsunfähigkeit der USA, weil das Land in einer Woche eine selbst gesetzte Schuldenobergrenze erreicht. Auf normalem Weg können danach keine neuen Schulden mehr aufgenommen werden, wenn sich die Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments nicht auf eine neue Obergrenze verständigt.

Wer sein Land an den Rand einer solchen Katastrophe führt, müsste normalerweise das Ende seiner politischen Karriere fürchten. Doch für die Hardliner im Kongress gilt das Gegenteil. Je härter sie sind, um so sicherer können sie sein, dass ihre milliardenschweren Gönner zu ihnen stehen. Eine Schlüsselfigur in der Finanzierung der Bewegung ist der Ex-Senator Jim DeMint, der auch zu den Drahtziehern des aktuellen Dramas gehört. Er brütete die Idee mit aus, den Staatshaushalt zu blockieren, und schwor die Basis bei einer Tour durch die USA darauf ein. DeMint, ein früherer Marketingunternehmer, tat das, obwohl er dem Kongress nicht mehr angehört. Im Januar gab er noch vor Ende seiner Amtszeit seinen Senatorensitz auf und wurde Chef des konservativen Thinktanks Heritage Foundation. "Ich verlasse den Senat, aber nicht den Kampf", sagte er damals.

In seinem Heimatstaat South Carolina hatte DeMint einst mit der Bemerkung Aufsehen erregt, Homosexuelle und alleinerziehende Mütter hätten nichts als Lehrer in Klassenzimmern verloren. Später schrieb er ein Buch mit dem Titel "Wir können Amerikas Abrutschen in den Sozialismus stoppen". Dann begann DeMint, erfolgreich Spenden für Kandidaten mit ähnlich extremen Ansichten zu sammeln.

Heute wirbt DeMint selbst zwar kein Geld mehr ein, doch als Leiter der einflussreichen Heritage Foundation reicht seine Macht weit über die Tea-Party-Abgeordneten hinaus. DeMints Organisation führt nämlich darüber Buch, wie republikanische Kongressabgeordnete abstimmen – und ob jemand von der harten Linie abweicht. Abweichler müssen damit rechnen, dass bei der nächsten Wahl in ihrem Bezirk ein handverlesener Gegenkandidat aufgestellt wird. Diese Manöver sind inzwischen so häufig, dass in Washington bereits ein Verb dafür existiert: Die Abweichler werden primaried, sie bekommen Konkurrenz aus dem extremen Flügel der eigenen Partei. So könnte sich erklären, warum selbst die gemäßigteren Republikaner, die im Repräsentantenhaus in der Mehrheit sind, nicht mit den Demokraten zusammen die Radikalen überstimmten. Renee Ellmers, eine Abgeordnete der Republikaner aus North Carolina, bezeichnete das Vorgehen der Heritage Foundation öffentlich als "Einschüchterungstaktik".

Finanziert werden DeMint und seine Gleichgesinnten von Milliardären wie Charles und David Koch, die zu den frühen Geldgebern der Tea Party zählten und auch schon DeMints Wahl zum Senator unterstützt haben. Zu den Spendern der Heritage Foundation gehören sie ebenfalls. Lange Zeit waren die Kochs kaum bekannt, ihre Namen tauchten lediglich auf der Liste der 400 amerikanischen Superreichen des US-Wirtschaftsmagazins Forbes auf – Charles und David Koch teilen sich derzeit Platz vier mit jeweils 36 Milliarden Dollar. Ihr Vermögen verdanken sie dem ererbten Konzern Koch Industries. "Das größte Unternehmen, von dem Sie nie etwas gehört haben", hat David Koch einmal geprahlt. Neben dem Agrargiganten Cargill ist es der größte private Konzern der USA und erwirtschaftet rund 115 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Zu Kochs Produkten gehört unter anderem die Kunstfaser Lycra, die Badeanzügen ihre Elastizität verleiht. Das Kerngeschäft des Mischkonzerns ist jedoch Öl. Die Brüder besitzen Tausende Meilen Pipelines in den USA und Kanada, und sie sind im Raffineriegeschäft.

Um ihre politischen Ziele zu verfolgen, finanzieren die Kochs diverse Organisationen. Zu ihnen gehört auch Generation Opportunity. Diese fordert 20- bis 30-Jährige auf, die neuen Krankenversicherungsangebote von Obamacare nicht anzunehmen. Damit zielt sie auf eine potenzielle Schwäche der Reform, die nur wirken kann, wenn ausreichend viele junge und gesunde Teilnehmer mitmachen. Generation Opportunity setzt dabei auf Schockvideos. Sie zeigen unter anderem eine entsetzte junge Frau im Behandlungsstuhl beim Frauenarzt, bei der sich eine grinsende Uncle-Sam-Figur zu schaffen machen will.

Doch die Koch-Brüder sind nicht allein. Auch der Club of Growth taucht regelmäßig auf den Spenderlisten der Hardliner auf. Mitglieder des elitären Vereins sind unter anderem Paul Singer, dessen Hedgefonds Elliott Associates auf Schuldenpapiere von Krisenländern spezialisiert ist. Mit von der Partie ist auch Peter Thiel, der mit dem Onlinezahldienst Paypal ein Vermögen machte und zu den frühen Investoren von Facebook gehörte.