Hugo ist sein Name. Geboren am 26. 9. 2006 auf Teneriffa. Er wurde dort von Tierschützern gefunden. Zehn Kilo schwer, Stockmaß: 43 Zentimeter. Rasse: Straßenhund, sieht aus wie eine Mischung aus Hase und Dackel. Wahrscheinlich schwere Kindheit, Gehirn vielleicht hummelgroß. Aber lieb.

Zuerst hatte ich mir nur einen Hund angelacht. Später merkte ich: Er ist ein Mitbewohner. Er besitzt eine Persönlichkeit. Und Eigenarten, die Fragen aufwerfen: Wieso jagt er Radfahrer? Warum schnappt er sich Wellensittiche und lässt Karnickel laufen? Weshalb schläft er so viel, läuft nie einem Stöckchen hinterher und ist auch noch wasserscheu? Ist die wunde Seele schuld? Oder steckt ein Vorfahre dahinter, etwa ein Großvater aus einer eigenwilligen Rasse? Die Tierärztin tippt auf Deutscher Jagdterrier, "mindestens 80 Prozent!". Ist Hugo am Ende eine schlummernde Bestie oder – Gott bewahre! – ein Kampfhund? Beim Versuch, das Wissen über meinen Mischling zu vertiefen, entdeckte ich eine ganze, noch junge Dienstleistungsbranche: die der Hunde-DNA-Tester.

Ihre Produktangebote firmieren unter Namen wie CanisMix, Cani Varis, Canix, Tier-DNA, dogdna, happydogdna. Ihre Schaufenster stehen im Web. Selbst bei Amazon liegen Tests im Hochregal. Für Preise ab 80 Euro wird die eingesandte Tierspucke analysiert, genauer die darin enthaltenen Schleimhautzellen. Die Testbetriebe vergleichen die DNA mit der von bis zu 200 Rassehunden – und am Ende erhält man ein Abstammungszertifikat.

AniDom Diagnostics aus Leonberg ("CanisMix") schickt mir nach Überweisung von 84 Euro zwei Wattestäbchen, die ich Hugo ins Maul stecke und retourniere. Nach drei Wochen kommt Post aus Leonberg. Mein Hund ist eine reine Promenadenmischung! Schon sein Ururopa dürfte in Liebesfragen jede Rassengrenze ignoriert haben. Aus genealogischer Ferne grüßen Hugos Ahnen: Dalmatiner, Flat Coated Retriever, der riesige Rhodesian Ridgeback, Yorkshire Terrier und ein Winzling, der Zwergpinscher. Was für eine erstaunliche Verwandtschaft!

Solche DNA-Tests verdanken wir den großen Fortschritten der Molekularbiologie. Die Anwendung und Kommerzialisierung ihrer Ergebnisse führte in den letzten Jahren zu einer umfangreichen "Lifestyle-Genetik" mit verblüffenden Offerten: Ob ich wissen will, wie ich mit der neuen Disco-Bekanntschaft klarkommen werde, ob von Interesse ist, wie viel Pferde- oder gar Hundefleisch in der Lasagne ist, oder wo das angebliche Ökoholz herkommt – alle Fragen werden im Genlabor kostenpflichtig beantwortet. Lebten meine Vorfahren in Frankreich in Höhlen? Neige ich zu Gallensteinen? Ein Schweizer Anbieter offeriert sogar einen Test auf ein ominöses "Krieger-Gen", welches aggressiv und risikobereit macht, aber auch erfolgreich.

Wie die DNA-Labore auf den Hund kamen

Den Boom aber erleben zurzeit die Hundetests. Neben Erbkrankheiten und Zuchtreinheit sind vor allem die Ureltern von Mischlingshunden von Interesse. Seit Craig Venter und andere 2003 das Erbgut des Königspudels weitgehend entzifferten und 2005 das Hundegenom vollständig sequenziert war, reden auch Hundebesitzer über Allele, Genloci und Schleimhautabstriche. Testanbieter gibt es wie Sand am Meer. Denn was nach Hightech und teuer klingt, ist zunächst mal ein sehr schlichtes Geschäft: Der Tester braucht bloß einen Computer, eine Homepage und Versandtüten. So gut wie alle europäischen "Testlabore" schicken die DNA-Proben nach Übersee. In die USA oder nach Kanada, wo die großen und kapitalstarken Spezialisten sitzen. Nur sie sind in der Lage, von möglichst jeder Hunderasse hundertfach die DNA zu besorgen und zu analysieren, um im Erbgut die Stellen zu finden, welche eine Rasse ausmachen. Inzwischen ist in der Datenbank des größten einschlägig tätigen Betriebs, Mars Veterinary, die DNA von über 200 Hunderassen hinterlegt. Je nach Definition des Rassebegriffs gibt es insgesamt mehr als 800 Rassen.

Mit den Datensätzen eines Profiler-Labors wurde, nachdem die DNA entsprechend aufbereitet war, auch Hugos Spucke verglichen. Ein Rechner erstellte die Analyse, die der deutsche Testanbieter nur noch übersetzen musste.

Doch dass Hugos Urgroßeltern Dalmatiner waren und Kaventsmänner wie der Rhodesian Ridgeback, erscheint mir dubios. Ich will eine second opinion und schicke Hugos Speichelprobe an Galantos Genetics. Der Spin-off der Uni Mainz befasst sich mit Vaterschaftsdingen, Verwandtschaftsermittlungen zum Beispiel bei Fragen der Aufenthaltserlaubnis oder forensischen Recherchen, wie sie uns aus dem Tatort geläufig sind. Als Zubrot bietet man im Web unter dogdna.de Mischlingsanalysen an.

Bei Galantos hat man allerlei Experimente hinter sich. So hat man aus Hundekot Darmzellen gewonnen, die DNA isoliert und den Erzeuger bestimmt. Dieses Verfahren wird heute weltweit angewandt, zum Beispiel in "besseren" amerikanischen Wohnanlagen. Die DNA der Hunde, die dort wohnen, wird registriert. Wenn dann ein Haufen entdeckt wird, lässt sich der Verursacher schnell identifizieren. 150 Dollar Strafe kostet eine Verunreinigung in der Gegend um Boston. Die Mainzer arbeiten aber nur noch ungern mit Hundekot – er stinkt ihnen zu sehr.