Traurig ist die Lage der deutschen Sozialdemokratie. Womöglich stellt sie ein paar Minister in der kommenden Bundesregierung, aber die deprimierende Zahl von 26 Prozent Wählerstimmen ist meilenweit von den heute unvorstellbaren 37 Prozent entfernt, die 1987 ein damals lust- und aussichtsloser Johannes Rau als Zweitplatzierter gegen Helmut Kohl einfuhr. Aber es gibt wenigstens akustischen Trost: Denn wenn schon nicht immer in ihren Wählerstimmen, so doch in ihren leibhaftigen Stimmen ist die SPD der Union von jeher haushoch überlegen. Man höre sich einmal die Originalstimmen von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder an und vergleiche sie mit Konrad Adenauer, Kurt Georg Kiesinger, Helmut Kohl und Angela Merkel: So viel sozialdemokratischer Triumph war selten.

Am 18. Dezember wäre Willy Brandt 100 Jahre alt geworden, und zum Jubiläumsreigen gibt es natürlich auch etwas zu hören. Das bis heute nachwirkende Charisma Brandts beruhte ja auf der Ausdruckskraft seiner unverwechselbaren Stimme: dieses Knarren, in einer faszinierenden Mischung aus hohen und tiefen Tönen, häufig stockend und innehaltend, dadurch nachdenklich erscheinend. Brandt wusste um seine vertrauenerweckende Wirkung als Redner: mit Zweifel einbauendem Ernst und gebändigtem, aber spürbarem Gefühl.

Dorothee Meyer-Kahrweg, Redakteurin beim Hessischen Rundfunk, hat auf fünf CDs herausragende Brandt-O-Töne aus vier Jahrzehnten versammelt. Den Anfang macht der patriotische MdB, der 1953 nach dem Aufstand vom 17. Juni vehement den Kampf um die Einheit fordert: "Uns liegt die gesamtdeutsche Haut näher als irgendein kleineuropäisches Hemd." Und es endet mit jenem kurzen Interview am Morgen nach dem Mauerfall 1989, in dem Brandt sein legendäres "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört" prägt – jene Formulierung, die er am Abend bei der Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus, entgegen der oft zu lesenden Annahme, nicht wiederholt hat; der Mitschnitt belegt es. Sein Interview mit Günter Gaus von 1964 ist ebenso dabei wie die Reden zum Friedensnobelpreis 1971, zum gescheiterten Misstrauensvotum gegen ihn 1972, zum Rücktritt 1974. Höhepunkt aber ist seine Rede zum Ausscheiden als SPD-Vorsitzender 1987: Altersweise lässt er die Quintessenz seines politischen Lebens vorüberziehen und beschwört unverdrossen die Hoffnung als Kraftquell. Bitte reinhören, liebe SPD-Ortsvereine!

Aus nächster Nähe hat Egon Bahr Brandt erlebt, jahrzehntelang enger Mitarbeiter und Freund. Das jüngst erschienene Buch des Neunzigjährigen über Brandt ist ein eindrucksvolles Dokument; das Hörbuch dazu hat Bahr selbst eingelesen ("Das musst du erzählen". Erinnerungen an Willy Brandt; Hörbuch Hamburg; 4 CDs, 276 Min., 19,99 €). Hier erklingt die Stimme des einstigen Rundfunkmannes Bahr und entfaltet in seiner gewohnt knappen, schlichten Diktion eine eigene Aura, während er die gemeinsamen Stationen deutet. Und es ergibt sich ein seltsamer, schöner Effekt: Wer ihm oder Brandt zuhört, hat unwillkürlich das Gefühl, hier mehr als durch Filmaufnahmen von dieser Jahrhundertgestalt zu verstehen.