Worum geht es tatsächlich beim Shutdown in den USA, dem Haushaltsstreit zwischen Demokraten und Republikanern? Es war Mitte April 2009, als ich mich in einem Hotelzimmer in Syracuse ausruhte und zwischen zwei Kanälen hin- und hersprang: einem Dokumentarfilm auf PBS (Public Broadcasting System) über Pete Seeger, den großen amerikanischen Countrysänger der Linken, und einer Sendung von Fox News über die gegen Steuern Front machende sogenannte Tea Party in Austin, Texas, wo ein Countrysänger ein Anti-Obama-Lied zum Besten gab, voller Anklagen darüber, wie Washington die hart arbeitenden einfachen Leute besteuert, um die reichen Wall-Street-Banker zu finanzieren.

Eine merkwürdige Ähnlichkeit der beiden Sänger wurde sichtbar – beide formulierten eine populäre Klage gegen das Establishment mit seinen ausbeuterischen Reichen und ihrem Staat. Es war eine weitere schmerzhafte Erinnerung daran, dass die heutige radikal-populistische Rechte uns auf befremdliche Weise an die alte radikal-populistische Linke erinnert. Und nebenbei: Sind die christlich-fundamentalistischen Survivalists mit ihrem halb legalen Status, die die Hauptbedrohung ihrer Freiheit im staatlichen Unterdrückungsapparat sehen, nicht ähnlich organisiert wie die Black Panther Party damals in den Sechzigern?

Natürlich muss man sich fragen, wie lange diese meisterhafte ideologische Manipulation noch funktionieren wird. Wie lange noch wird die Basis der Tea Party der fundamentalen Irrationalität ihres Programms anhängen – einer durch und durch paradoxen Agenda, die die Interessen der hart arbeitenden einfachen Leute dadurch schützen will, dass sie die "ausbeuterischen Reichen" mit Privilegien ausstattet und so buchstäblich ihren eigenen Interessen zuwiderhandelt? Die Proteste der Tea Party bezeugen die Macht der Ideologie in der amerikanischen Gesellschaft, sodass man mit einiger Wahrscheinlichkeit voraussagen kann, dass der weitere Aufstieg der Tea Party eng mit dem weiteren Abstieg der Vereinigten Staaten als Weltmacht verbunden sein wird.

Doch worin genau besteht die Macht der Ideologie? Eine Meinungsumfrage in den USA Ende Juni 2012 ergab, dass die große Mehrheit zwar gegen das neue Gesundheitsprogramm Obamacare war, jedoch die meisten seiner Punkte vehement unterstützte. Hier begegnen wir Ideologie in Reinform: Die Mehrheit möchte ihren (realen) Pelz gewaschen bekommen, gleichzeitig aber ihren trockenen (ideologischen) Pelz behalten. Sie möchte die spürbaren Vorteile der Gesundheitsreform, aber lehnt deren ideologische Form ab und empfindet sie als Bedrohung ihrer "Wahlfreiheit". Kurzum, die Mehrheit ist gegen die "Idee der Frucht" – und fordert gleichzeitig Äpfel, Pflaumen, Erdbeeren ...

Einige von uns erinnern sich vielleicht noch an die berüchtigten kommunistischen Tiraden gegen die bourgeoise "formelle" Freiheit. So lächerlich diese Ausfälle heute klingen, so enthalten sie doch ein Fünkchen Wahrheit in ihrer Unterscheidung zwischen "formeller" und "tatsächlicher" Freiheit.

Nehmen wir ein Beispiel. Der Manager eines Unternehmens, das sich in einer Krise befindet, besitzt die "Freiheit", Arbeiter A oder B zu entlassen; doch die Freiheit, jene Lage zu verändern, die ihm diese Wahl aufzwingt, besitzt er nicht. Vor dem Hintergrund dieses Beispiels erscheint auch die Debatte über die Gesundheitsfürsorge und die Frage der "Wahlfreiheit" in neuem Licht. Es ist wahr, dass ein großer Teil der Bevölkerung durch die staatliche Gesundheitsfürsorge in der Tat von der zweifelhaften "Freiheit" entbunden wird, sich darum Gedanken zu machen, wer im Fall einer Krankheit die Heilungskosten finanziert. Das hat einen Vorteil: Indem die Menschen sich auf eine Gesundheitsfürsorge verlassen können und darauf genau so zählen dürfen, wie sie auch auf Wasser- und Stromversorgung zählen dürfen, ohne eine bestimmte Wasser- oder Elektrizitätsgesellschaft auswählen zu müssen, werden sie ganz einfach mehr Zeit gewinnen, um ihr Leben anderen Dingen zu widmen.

Was lernen wir daraus? Wir lernen daraus, dass wirkliche Wahlfreiheit nur funktioniert, wenn die Gesellschaft dafür die Grundlage geschaffen hat, eben ein komplexes Netzwerk aus rechtlichen, pädagogischen, ethischen, wirtschaftlichen und anderen Voraussetzungen. Sie fungieren gleichsam als der unsichtbare Hintergrund für die Ausübung unserer Freiheiten. Ein vorbildliches Gegenbeispiel zur Ideologie der Wahlfreiheit ist Norwegen. Obwohl alle Hauptakteure sich an eine grundlegende soziale Übereinkunft halten und große Sozialprojekte solidarisch planen, befindet sich die gesellschaftliche Produktivität und Dynamik auf einem außergewöhnlich hohen Niveau. Norwegen widerlegt die Behauptung, dass eine Gesellschaft mit einem starken öffentlichen Sektor stagnieren müsse.