"Diese App ist so schön, ich möchte weinen", twitterte der englische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry am 2. Oktober. Gemeint war die App Frax, die man fürs iPhone und iPad kaufen kann. Fry hat 6,2 Millionen Twitter-Follower, und ein paar Tage später stand Frax auf Platz eins in der Hitliste der kostenpflichtigen Tablet-Programme. Offenbar waren viele Menschen bereit, 3,59 Euro für ein Programm zu bezahlen, das eigentlich keiner braucht.

Frax ist kein Spiel, jedenfalls kann man keine Vögel abschießen oder Punktzahlen erreichen, und ein Lernprogramm ist es auch nicht. Mit Frax kann der User auf nie dagewesene Art die Welt der Fraktale erkunden, jene verzweigten und verästelten mathematischen Strukturen, die auf eine simple Gleichung zurückgehen und nur mithilfe des Computers sichtbar gemacht werden können. "Die Deutschen wollen immer wissen: 'Und – was mach ich nun damit?' Die stehen auch noch vor einem Sonnenuntergang und fragen: 'Wofür ist das jetzt gut?'", sagt Kai Krause, einer der drei Köpfe hinter Frax.

Kai wer? Jüngeren mag der Name nichts sagen, aber wer in den neunziger Jahren mit Computern und Grafik zu tun hatte, der erinnert sich: Kai’s Power Tools! Kai’s Power Goo! Bryce! Der Name Kai Krause stand für die kalifornische Firma MetaCreations, die damals ein verrücktes Grafikprogramm nach dem anderen auf den Markt brachte. Mit den Power Tools konnte man das Bildbearbeitungsprogramm Photoshop aufbohren und wilde Effekte erzeugen. Goo verflüssigte Fotos, sodass man der Mona Lisa eine lange Nase machen konnte. Bryce erzeugte fotorealistische Fantasielandschaften in Science-Fiction-Manier.

Sucht man im Pressearchiv nach Kai Krause, stammt die letzte Meldung aus dem Jahr 2002. Ein "Eldorado für Tüftler" (Financial Times Deutschland), eine Art Media Lab für junge Start-ups, wollte er damals zusammen mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement errichten, auf seiner "Byteburg" am Rhein, die er sich nach seiner Rückkehr aus den USA gekauft hatte. Aber Clement ging nach Berlin, um Minister zu werden, sein Nachfolger war ein gewisser Peer Steinbrück, der für die digitale Zukunft nicht so viel übrig hatte. Dann vergaloppierte sich auch noch die Kölner Sparkasse in den Wirren der Dotcom-Blase, das Startkapital war flöten, Krause stand allein da. Da verschwand er in seiner Byteburg und machte die Tür hinter sich zu.

Fährt man nach Bad Breisig am Rhein und kurvt den steilen Hügel hinauf zur Burg Rheineck, wie sie wirklich heißt, dann wird man von einem freundlichen Mittfünfziger und seiner reizenden Lebenspartnerin empfangen. Krauses einstige Mähne ist auf zivile Länge gestutzt, der markante Macho-Schnauzer hat sich zu einem gemütlich-fusseligen Vollbart ausgewachsen. Das Paar bewohnt die Burg allein, das heißt: eigentlich nur eine Etage des alten Gemäuers. Der achteckige Sitzungssaal wird manchmal für Konferenzen genutzt ("An diesem Platz hat der Gorbatschow gesessen" – nicht der einzige große Name, der in den nächsten Stunden fallen wird). Die Burg ist gut in Schuss, die Aussicht auf den Rhein phänomenal, die beiden leben hier offenbar gut, aber ohne Prunk. Die 2,7 Prozent an MetaCreations, die Krause am Schluss noch besaß, haben wohl genug eingebracht, um ohne Geldsorgen zu leben.

Dass er sich im letzten Jahrzehnt nicht auf seinen Millionen ausgeruht hat, ist schon bei der Burgführung zu spüren. In jedem Zimmer hat Krause etwas zu erzählen, der Strom von Anekdoten, Gedanken, Zukunftsideen reißt in den folgenden fünf Stunden nicht ab. Assoziativ springt er zwischen den Themen hin und her, erzählt von der Jugend in Essen-Steele und den ersten musikalischen Spielereien am Synthesizer, von der Auswanderung mit 19 Jahren, kurz vor dem Abi, nach New York, von der Übersiedelung an die Westküste, weil dort das Wetter besser war.