Das süße Y, das Stümmelchen, das so oft verhöhnte, als verkümmertes X geschmähte, das zeigt es uns jetzt. Was? Sein kleines DNA-Geheimnis. Über Männer. Das Y-Chromosom macht ja, dass aus einem sich weich krümmenden Eilein nicht nur Ärmchen und Beinchen sprießen und Zehlein wie bei den Rehlein, sondern sich neben Dünndarm auch Bartwuchs ausbildet und – BLING (keine Sexualsprache im Feuilleton!). So weit bekannt. Unbekannt war bis letzte Woche, was sich, bis auf BLING und Bartwuchs, auf diesem Y an Informationen versteckt, vermutlich war in weiten Kreisen nicht einmal bekannt, dass Männer überhaupt Geheimnisse haben, geben sie sich doch gern so unverstellt offen.

Bei Männergeheimnis fallen einem als Erstes Frauen ein, von denen Frauen vermuten, dass Männer sie vor ihnen geheim halten. Das Männergeheimnis, das es letzte Woche in die Zeitungen schaffte, hatte sich extrem gut versteckt, bei den Männern in der schönen Alpenregion, dortselbst bei den Tirolern und unter ihnen bei den Trägern einer Haplogruppe G, die als eine Signatur in der DNA des Y-Chromosoms beschrieben wird und etwas über die Abstammung aussagt. Okay? Das Geheimnis lautet, dass der Mann – im Subtypus G-L497 –, nicht nur in der Tiroler Region, von Einwanderern abstammt, und zwar solchen, die von weit her kommen, aus Asien, vermutlich Indien, Pakistan, Afghanistan. Mautloses Sicheinschleichen.

Das ist interessant. Erstens: Hätte vor Tausenden Jahren ein Herr Seehofer Gelegenheit gehabt, eine Maut einzuführen, gäbe es in den europäischen Alpen womöglich kaum Männer (bis eben auf Seehofer-Männer – arme Alpenanwohnerin!). Zweitens: Nicht ausgeschlossen ist, dass sich auch "der Deutsche", der Seehofer heißt, fragen muss, ob er "der Ausländer" ist, bei dem er eine Maut eintreiben müsste, wenn er etwa den Brenner oder die Maximilianstraße passiert. In Tirol ist jedenfalls jeder neunte Mann von anderswo. In anderen Alpenregionen sollen bis zu 40 Prozent der Männer ausländisch sein. Auch der Ötzi? Der Haider? Hatte der nicht Schlitzaugen?

Neben ungeklärten Fragen entfalten sich nun auch Erklärungen für bislang Unverständliches. Vor Ort ergibt sich folgendes Bild. Der europäische Wanderweg E5 erschließt die Region, ich habe mir das angeschaut. Vom Ötztal kommend, keucht man über das Timmelsjoch (2474 Meter) und blickt dann in das Passeiertal, das braunrot schimmert wie – die Hänge am Khyberpass (1070 Meter), wo sich viele unserer Jungs, über Jahre, in Bataillonsstärke, verblüfft wiederfanden. "Was tun wir hier?", fragten diese jungen Soldaten, bis zum überfälligen Truppenabzug in der letzten Woche, wenn ihnen einer ein Mikrofon unter die Nase hielt. Nun, die Antwort könnte lauten: Ihre Generäle waren dem Ruf der Gene gefolgt, Tausende von Jahren rückwärts!

Folgt man dem E5 durch tiefe Täler, sieht man Einsiedlergehöfte in Höhenlage, auf denen sich die Bauernclans verschanzt haben. Gegen wen? Da ist dieses für den Mann so typische wehrhafte Gebahren. Eine ständige Abwehr! Nicht nur samstags, in obsessiv verfolgten Spielen. Das Gefühl von Purdah, das einem beim Anblick der in Männlichkeit verschanzten Vorstandsetagen beschleicht, jetzt macht es Sinn! Die Vorliebe des Managements, selbst kleiner Versicherungen, für sich entschleiernde Salomes im Ausland! Ja, auch die Unfähigkeit, mal wahrzunehmen, was Frauen zu sagen haben, die stolze Gestik, mit der der Intellektuelle heute verkündet, die herrlichen Erzählungen der neuen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro selbstverständlich ignoriert zu haben. Männer! Man muss auch mal vom Berg heruntersteigen.