Das größte Schuldenland der Euro-Zone ist Italien, mit mehr als 2.000 Milliarden Euro steht es in der Kreide. Das entspricht rund 130 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes. Bis Mitte kommenden Jahres muss Italien nun Käufer für neue Staatsanleihen in Höhe von 270 Milliarden Euro finden. Doch die Zweifel, ob Investoren dem Land neues Geld leihen, werden wieder größer, zumal seit den jüngsten Wahlen Italiens Sparbemühungen nachgelassen haben, die Neuverschuldung wächst und entsprechend auch der Schuldenberg. Dazu drohten dem Land politische Handlungsunfähigkeit und eine Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit – und zwar auf "Ramschniveau".

An Italien zeigt sich exemplarisch ein Kernproblem der europäischen Staatsschuldenkrise: Weil die Kreditwürdigkeit von Staaten wie Italien in den vergangenen Jahren stark gelitten hat, haben internationale Großanleger ihre Kreditlinien für diese Staaten gekürzt. Will heißen: Die Summen, die sie einzelnen Ländern leihen, sind geringer. Zugleich sind aber die Schulden dieser Länder gestiegen. Das Ergebnis ist ein wachsender Schuldenüberhang, der bei einem Wiederaufflackern der Krise zu einem akuten Problem werden wird.

Erstmals bedrohlich wurde dieser Schuldenüberhang Ende 2011, als die Risikoaufschläge, die Investoren von einigen Staaten verlangten, in gefährliche Höhen stiegen. Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), entschärfte die Situation, indem er den Banken der Euro-Zone erlaubte, sich für drei Jahre so viel Geld von der EZB zu leihen, wie sie wollten. "Dicke Bertha" nannte Draghi diese Maßnahme, bei der mehr als 1.000 Milliarden Euro ins europäische Bankensystem flossen. Italiens Banken nutzten die frische Geldspritze, um Staatsanleihen Italiens zu kaufen. Unter anderem deshalb konnte Rom damals rund 400 Milliarden Euro am Kapitalmarkt aufnehmen. Die Banken selbst deponierten einen großen Teil der Staatsanleihen direkt wieder als Sicherheit bei der EZB. Als sich dann im Sommer 2012 in Europa die Lage erneut zuspitzte und mehrere Krisenländer neue Schulden aufnehmen mussten, um alte Verbindlichkeiten abzulösen, entschloss sich Draghi, seitens der EZB faktisch eine Kaufgarantie für Staatsanleihen auszusprechen. So jedenfalls verstanden viele Investoren seine Rede, in der er beteuerte, alles für die Rettung des Euro zu tun, was nötig sei – "whatever it takes". Die Risikoaufschläge vieler Länder sanken, viele Investoren gingen dazu über, ihr Geld kurzfristiger und spekulativer anzulegen. Sie kauften insbesondere italienische Staatsanleihen. Der Markt dafür ist groß, die Papiere lassen sich schnell kaufen und verkaufen.

Unabhängig von der Frage, ob die EZB es mit ihrer Ankündigung tatsächlich ernst meint, führt die Finanzierung des Staatsschuldenüberhangs durch kurzfristig agierende Investoren zu einer wachsenden Instabilität in der Euro-Zone. Bei einer Verschärfung der politischen Krise könnten sehr schnell Staatsanleihen im Volumen von mehreren Hundert Milliarden Euro auf den Markt geworfen werden. Die Bereitschaft, Italien neue Anleihen abzukaufen, würde drastisch sinken. Kurzfristig lässt sich dieses Risiko aber nicht beseitigen, selbst wenn die EZB oder auch der europäische Rettungsfonds ESM helfend eingreifen und Italien zu Strukturreformen verdonnern würden. Sollen Strukturreformen zu mehr Wirtschaftswachstum, Haushaltsüberschüssen und einem Abbau des Schuldenbergs führen, muss man in Zeiträumen von zehn Jahren rechnen. Erst dann wäre eine massiv bessere Einstufung der Kreditwürdigkeit Italiens zu erwarten, erst dann dürften internationale Investoren wieder ihre Kreditlinien für Italien erhöhen.

Der Schuldenüberhang in Italien und anderen europäischen Krisenstaaten ist auf Dauer angelegt. Die Ablösung alter Verbindlichkeiten durch die Aufnahme neuer Schulden wird immer wieder zu neuen Turbulenzen führen. Die Akzeptanz für eine Sparpolitik schwindet vielerorts, politische Krisen werden die Folge sein, und seitens der Investoren werden immer wieder Zweifel an der Kreditwürdigkeit von Staaten aufkommen. Die Möglichkeit, dass die Euro-Zone auseinanderbricht, besteht weiter. Und zwar so lange, bis sich die Mitgliedsstaaten dazu durchgerungen haben, die alten Verbindlichkeiten mithilfe gemeinschaftlicher Instrumente und gemeinschaftlicher Haftung zu refinanzieren. Dann, erst dann werden internationale Großinvestoren Europas Staaten wieder ausreichend Geld anvertrauen.