Tessa hat heute keine Lust. Irgendwo da unten müsste sie liegen, breit und bräsig mit ihrem Bauch im Sand. Aber sie will nichts von mir wissen, die gute, alte Tessa mit ihrem faltigen Hals. Vielleicht versteckt sie sich auch hinter dem Korallenstock da vorn, beobachtet mit ihren kleinen schwarzen Augen die Umgebung und schnappt hin und wieder nach einer Krabbe oder einem Tintenfischchen.

Tessa hat einen schmalen Kopf und einen hässlichen Schnabel, ihr Gesicht erinnert an einen Raubvogel. Das alles weiß ich von Fotos. Jetzt aber würde ich sie gern einmal in natura sehen.

Fast eine Stunde lang schweben Herbert und ich von Korallenstock zu Korallenstock. Ein, zwei Flossenschläge nur über dem blendend hellen Sandboden, und schon sind wir beim nächsten dieser Gebilde, die sich türmen und verästeln und ausstülpen in den fantastischsten Formen und Farben. Wie bonsaigroße Schirmakazien oder wie nackte, rosafarbene Riesengehirne, wie entlaubtes Gebüsch oder wie hypertrophe, unmäßig verzweigte Geweihe mit blauen Spitzen. Dazwischen stecken Korallenskelette wie weißes Blattwerk. Bloß Tessa sehen wir nicht.

Stattdessen überall Fische. Platte, runde und schlanke Fische. Fische mit Längs- und solche mit Querstreifen, Fische mit gelben Tupfen auf Dunkelblau. Fische mit weißem Körper und gelbem Schwanz und andere, größere, mit indigoblauem Körper und einer dottergelben, lang gezogenen Rückenflosse. Mir wird ganz schwindelig bei der Vorstellung, dass all diese Korallen und all diese Fische Namen haben. Komplizierte lateinische, schon bildhaftere englische oder sogar deutsche. Und dass es Menschen gibt, die Dutzende dieser Namen kennen.

Einmal sehen wir zwischen zwei schon fast zusammengewachsenen Korallenstöcken im Sand eine riesige Netzmuräne liegen. Später werde ich nachschlagen: Gymnothorax favagineus. Aus dem Englischen übersetzt heißt sie, sehr passend, Leopardenmuräne. Ihre fiesen kleinen Augen sind kaum zu sehen zwischen den schwarzen Flecken, die ihren ganzen Körper überziehen.

Unser Autor auf der Suche nach der Echten Karettschildkröte

Der Tauchcomputer an meinem Handgelenk zeigt 7,6 Meter Tiefe an, 26 Grad Wassertemperatur, seit 52 Minuten sind wir hier unten, kein Dekompressionsstopp nötig. Herbert, der dive master, gibt das Zeichen zum Auftauchen: Daumen nach oben. Als wir, von der Luft in unseren Tarierwesten getragen, an der Wasseroberfläche treiben und aufs Tauchboot warten, nimmt er seinen Lungenautomaten aus dem Mund und sagt: "Sorry! No turtle today!" Keine Tessa.

Tessa ist eine Echte Karettschildkröte von der Unterart Pazifische Karettschildkröte, Eretmochelys imbricata bissa. Sie wohnt dort unten, beim Tauchplatz namens Canal Walk vor Vamizi, wenn sie sich auch nicht immer zeigt.

Vamizi ist eine Insel vor der Küste Ostafrikas, fünfzehn Kilometer lang, anderthalb Kilometer breit, Teil des mosambikanischen Quirimbas-Archipels. Auf Vamizi gibt es außer drei winzigen Fischerdörfern nur noch die Vamizi Island Lodge.

Und die ist, in diesem Teil der Erde, der beste Platz zum Tauchen. Denn nirgends an der ganzen ostafrikanischen Küste und kaum irgendwo im Indischen Ozean sind die Korallenriffe so intakt wie hier, gibt es so viele Fische und, mit ein bisschen Glück, sogar die seltenen Meeresschildkröten zu sehen.

Dabei ist die Suche nach Tessa bereits mein zweiter Schritt aus der Welt. Fürs erste große Abtauchen hat schon die Anreise nach Vamizi gesorgt.