Noch im Schlaf gibt es das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Beunruhigt wache ich auf, schaue mich um – und blicke in ein Auge. Groß wie eine schwedische Krone. Hinter einer Glasscheibe, zehn Zentimeter von meinem Kopf entfernt. Schmutzig beige mit hellem Ring. Aufmerksam. Kalt. Das Auge gehört zu einem finsteren Körper ungeahnten Ausmaßes, dessen Konturen im Dämmerlicht zerfließen. An die zwei Meter muss die Bestie lang sein, die mich fixiert. Ein Kaventsmann!

Ein Fall von Hotelgastlatein? Kann schon mal vorkommen, wenn das Zimmer eine Kiste von zwei Metern Kantenlänge ist, die drei Meter unter der Wasseroberfläche schaukelt, und wenn einen von draußen durch Glasscheiben die Fische beobachten. Wie bei einem umgekehrten Aquarium. Klitzekleine Fischlein huschen im Schwarm an meinem Ostfenster vorüber. Ein gestreifter Raubfisch mit zackigen Rückenflossen schaut mir von hinten über die Schulter, ein Barsch, schätze ich, der, sobald ich ihn ins Visier nehme, mit einem überaus eleganten Flossenschwung nach links oben verschwindet. Und als sich im Westfenster der Kaventsmann mal in ganzer Länge zeigt, bin ich überwältigt. Ein Mords-Hecht!

Weltweit gibt es genau zwei buchbare Unterwasserhotels, das Utter Inn (Gasthaus zum Otter) in Schweden ist eines davon. Das andere liegt vor der Küste Floridas, im Taucherparadies Key Largo sechs Meter unter dem Meeresspiegel. Die nach Jules Verne benannte Jules’ Undersea Lodge ist ein umgerüstetes Unterwasserlabor. Unerschrockene tauchen mit Bleigurt und Druckluftflasche in die Tiefe und übernachten für 500 Euro einschließlich Pizzabringdienst. Mein Hotel liegt mitten im Mälarsee, 100 Kilometer westlich von Stockholm. Das Gasthaus zum Otter ist Kunst, eine konzeptuelle Plastik des schwedischen Künstlers Mikael Genberg. Die Nacht kostet ein Drittel inklusive abendlichem Dinnerbringdienst, und der Gast reist ohne Tauchgang an.

Den Ankömmling erwartet am Bahnhof der Industriestadt Västerås der Fährmann, Rezeptionist, Hausmeister und Kellner Peter Viberg. Er bringt die Hotelgäste mit einem kräftig motorisierten Schlauchboot auf den drittgrößten schwedischen See hinaus. Bei meiner Ankunft ist das Wasser nach einem Unwetter wild bewegt, die Wellen haben Schaumkronen, zwei Windstärken mehr, und ich hätte an Land übernachten müssen. Doch der Himmel reißt auf. Und nach ein paar Minuten Fahrt taucht mitten im Wasser ein winziges, rotes Objekt auf.

Beim Näherkommen entpuppt es sich als eine kleine Ausgabe dieser röd stuga med vita knutar, wie die notorischen roten Ferienhäuschen mit den weißen Kanten heißen. Blau-gelb beflaggt, sind sie der Traum jedes wahren Schweden. Doch dieses ist darüber hinaus mit einem schmalen umlaufenden Hauptdeck und einem Positionslicht für die Nacht ausgestattet. Weil der Mälarsee über Stockholm unmittelbar mit der Ostsee verbunden ist, herrscht hier auch nachts Schiffsverkehr.

Wild schwankendes Domizil

Das ist also mein Hotel. Sein Überwasseranteil ist bestenfalls so groß wie ein halbes Gartenhaus. Es ist nicht mal eine Immobilie, denn man könnte den Anker lichten und sich forttreiben lassen. Behördlich ist das Utter Inn ein Schiff. Vom Typ her am ehesten ein Ölbohrplattförmchen.

Mit unsicheren Schritten betrete ich mein wild schwankendes Domizil. Peter reicht eine Kühltasche herüber, das Frühstück für morgen. Dann gibt er mir eine Telefonnummer für den Notfall, weist auf das knallrote Gummiboot hin, das an der hinteren Reling vertäut ist, und rast davon. Ich schau mir das Rettungsboot an und weiß: Wenn ich das Ding bei diesem Wetter besteige, treibt mich der Wind irgendwo ins Gestrüpp. Oder gleich nach Stockholm.

Erzählte ich vor meiner Reise ins Utter Inn von meinem Ziel, war die häufigste Reaktion Neid. Niemand aber war erstaunt oder gar verblüfft. Fast 150 Jahre nach Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer, nach ungezählten Plänen und Projekten, ganze Unterwasserstädte zu errichten, ja den Meeresgrund als Fluchtort für den Fall ökologischer oder kriegerischer Katastrophen der Zukunft zu erschließen, sollte man heute ja wohl weltweit unter etlichen Unterwasserhotels auswählen können. Schließlich gibt es in Japan schon eine Unterwasserachterbahn, auf den Malediven ein Unterwasserrestaurant, in den USA kann man sich auf einem Unterwasserfriedhof bestatten lassen, und in diesem Sommer fand in Timmendorfer Strand die weltweit erste Unterwasser-Koffer-Auktion statt.

Doch Unterwasserwohnen? Seit Jahren tönen Investoren aus Dubai oder den USA, in wenigen Monaten sei mit der Eröffnung luxuriöser Unterwasseranlagen zu rechnen, doch zuverlässig verschieben neue Probleme technischer oder finanzieller Natur den Launch. Das Poseidon auf den Fidschi-Inseln wollte bereits 2008 seine Luken öffnen – bis heute kann man ausschließlich ins Ungewisse hinein reservieren.