Silicon Valley, gelobtes Land! Der Spielplatz für hippe Nerds und Ort der Zukunftsmacher ist als einzig aktuelle Erfolgserzählung einer schwankenden Weltmacht übrig geblieben. Die Firmenimperien des Tals, Facebook, Apple, Google, Twitter, machen Milliarden mit dem Versprechen, mit ihren Diensten der Menschheit Fortschritt zu bringen. Das Leben aller werde besser, einfacher, schöner durch die neusten Smartphones, Tablets, Brillen. Und jeder von uns könne am Reichtum teilhaben, der durch die Möglichkeiten des Internets geschaffen werde. Allen, die daran glauben, erscheint die Zukunft als schöner Techno-Traum.

Manche betrachten allerdings das Silicon Valley auch als große Gesellschaftszerstörungsmaschine. "Don’t be evil", sagt Google. "You are evil", haben ihm jetzt drei wichtige amerikanische Intellektuelle entgegengeschleudert. Evgeny Morozov, der bekannteste von ihnen, sieht in den Verheißungen nur eine auf totale Dominanz und maximale Kapitalisierbarkeit basierende Ideologie am Werk. In seinem Buch Smarte neue Welt entlarvt er die Rhetorik des Umbruchs als reines Marketing-Gerede (ZEIT Nr. 13/13). Die Vorstellung, dass die technischen Entwicklungen quasi automatisch zu einer Umgestaltung unserer Lebenswelt führen, diene nur dazu, die Machtinteressen zu verschleiern, die dabei im Spiel seien.

Für den Schriftsteller Jonathan Franzen ist der Kampf um die Macht der Internetfirmen längst entschieden: Das Einzige, worauf sich alle Amerikaner einigen könnten, sei die Bereitschaft, sich den neuen Medien und Technologien auszuliefern, schreibt Franzen in seinem gerade auf Englisch erschienenen Buch The Kraus Project. Franzen hat Karl Kraus gelesen und dessen beißende Gesellschafts- und Medienkritik auf sein Land übertragen. Amerika sei, ähnlich wie Österreich-Ungarn 1910, ein geschwächtes Reich, das sich selbst Geschichten von seiner Außerordentlichkeit erzähle, während es in den Untergang schlittere. In dieser unsicheren Welt, die von Instantmedien wie Facebook und Twitter geprägt sei, müsse sich jedes Individuum wie der Kapitalismus selbst verhalten: rastlos, immer bereit für den nächsten Tweet, den nächsten Facebook-Eintrag. Mit Folgen, die Karl Kraus schon vor hundert Jahren auf den Punkt gebracht habe: "Der Geber verliert, die Beschenkten verarmen, und die Vermittler haben zu leben."

Eine Einsicht, die auch den Computerwissenschaftler Jaron Lanier zum Kritiker der Silicon-Valley-Ideologie gemacht hat. Lanier arbeitete lange Jahre selbst im Valley, die virtuelle Realität hat er mitentwickelt, Steven Spielberg für den Film Minority Report beraten. Sein neustes Buch Who Owns the Future?, das im Frühjahr auf Deutsch erscheint, lässt sich ganz im Sinne von Franzen begreifen, als Anwendung der Krausschen Kritik auf heutige Verhältnisse: Wenn jemand bei Facebook ein Foto hochlädt, gibt er seine Urheberrechte ab – der Geber verliert. Die Beschenkten, seine Freunde, haben auch keinen finanziellen Vorteil davon. Der Einzige, der profitiert, ist das Unternehmen Facebook, es kann die Daten seiner Nutzer verwerten und Werbegeld kassieren.

Wie die Internetkonzerne aus jeder Alltagsverrichtung ein Geschäft machen

Einer Gesellschaft, sagt Lanier, kann es nur mit einer prosperierenden Mittelschicht gut gehen. Diese aber werde durch die Expansion der Digitalisierung kaputt gemacht. Die Informationsökonomie bedrohe Branchen, die bislang wenig mit der Digitalisierung zu tun gehabt hätten, Transport, Handwerk, Energie, Büroarbeit, Gesundheit. Überall könnten bald Roboter eingesetzt werden, überall Maschinen die Aufgaben von Menschen übernehmen. Denen geht es dann wie den Musikern, Journalisten, Fotografen, die bereits unter prekären Verhältnissen arbeiten oder ihre Jobs in Massen verlieren. Laniers Paradebeispiel: Die Fotofirma Kodak beschäftigte in ihren besten Zeiten 140.000 Menschen und war 28 Milliarden Dollar wert. Als Facebook 2012 den Fotodienst Instagram für eine Milliarde Dollar kaufte, arbeiteten dort 13 Mitarbeiter.

Das führt Lanier zur entscheidenden Frage: Wie kann das Grundgerüst für eine alternative digitale Gesellschaftsstatik aussehen, eine Ordnung, in der statt der "Vermittler" die "Geber" (Kraus) profitieren? Seine Antwort: Indem man konsequent alles im Netz monetarisiert. Um die Mittelschicht zukunftsfähig zu machen, müsse der Umsonst-Fetisch im Netz beendet werden. "Bezahlt Menschen für die Informationen, die sie geben, wenn die Informationen wertvoll sind", schreibt Lanier.

Technisch umgesetzt werden soll das durch "Two-Way-Links", die zurück auf den Urheber weisen. Wenn Facebook mit den Fotos, Posts und Nachrichten seiner Nutzer Profit mache, müsse jeder Nutzer entlohnt werden. "Eine unfassbar große Anzahl von Menschen schafft über Netzwerke einen unfassbar großen Wert", schreibt Lanier, aber diejenigen, die das Rohmaterial zur Verfügung stellten, profitierten einstweilen nur, indem sie den Dienst umsonst nutzen könnten.

Ein richtiger Impuls. Der Einzelne, der unabdingbar für den Erfolg von Google und Co. ist, soll seinen Teil vom Reichtum bekommen, der auch mit seinem Handeln und seinen Daten erwirtschaftet wird. Nur: Kann die Durchökonomisierung der gesamten digitalen Lebenswelt jedes Einzelnen wirklich die Lösung sein?