Lanier denkt individualistisch statt gesellschaftlich: Jeder bekommt exakt so viel, wie er faktisch erarbeitet. Letztlich bleibt er damit, trotz aller Distanzierung, verhaftet im radikal libertären Denken des Silicon Valley und übersieht den perfiden Kern der so fröhlich-ungezwungen daherkommenden Ideologie: Parallel zur Vernichtung von Mittelschichtsarbeitsplätzen kapitalisieren die Tech-Unternehmen gesellschaftliche Räume, die vorher im freundschaftlichen oder nachbarschaftlichen Miteinander geregelt wurden, und kapern so die Mitmenschlichkeit.

Perfekt einsehen lässt sich dieser Mechanismus bei der sogenannten "Sharing Economy". Nichts verführt ja derzeit zu größeren Träumereien, zu hochfliegenderen Hoffnungen als die Vokabel "Sharing": teilen, statt zu besitzen, sich unterstützen, statt einander übers Ohr zu hauen, eine Gemeinschaft bilden, statt einsam dem Eigeninteresse zu frönen. Als hätte das Silicon Valley ein Gegenmittel gefunden zu jener ruinösen gegenwärtigen Spielart des Kapitalismus, die soziale Spaltungen immer weiter vertieft. Die Realität sieht leider anders aus.

Zum Beispiel beim kalifornischen Unternehmen Airbnb: Über die Internetseite lassen sich privat Unterkünfte mieten und vermieten, vorübergehend leer stehende Zimmer, Wohnungen, Häuser. Das Angebot richtet sich ausdrücklich an nicht professionelle Anbieter sowie an Kundschaft, die abseits des touristischen Betriebs unterkommen möchte. Bis 2012 wurden so über zehn Millionen Nächte gebucht. Dort, wo es einmal das unorganisierte Aushängen an Schwarzen Brettern oder dezentrale Websites zum Austausch unter Gleichgesinnten gab, herrscht nun die straffe Organisation eines Großunternehmens. Es bringt Mieter und Vermieter zusammen. Es nimmt Hoteliers ihre Kunden weg, was zum von Lanier beschriebenen Abbau von Mittelklassejobs führt. Und es verdient sich als neuer Vermittler mit dem ach so selbstlosen Teilen eine goldene Nase.

"Man senke den Preis von allem, sorge aber dafür, dass alles einen Preis hat", so kann man diese neue Mikrophysik des Kapitals mit dem italienischen Verleger und Essayisten Roberto Calasso zusammenfassen. Beim Sharing setzen Unternehmen Milliarden um, wo früher nichts zu holen war: Das Unternehmen TaskRabbit etwa ermöglicht das Outsourcing von kleinen Aufgaben an eine neue Kaste von Hilfsarbeitern. Probleme beim Regalaufbau? Beim Einkauf das Hundefutter vergessen? Statt zehnmal die Bedienungsanleitung zu lesen, statt noch mal loszufahren, einfach bei TaskRabbit die Aufgabe posten und mit einem Preis versehen: Es wird sich schon ein Häschen finden, das die Gelegenheit beim Schopfe packt, "den Nachbarn zu helfen und dabei Geld zu machen", wie es auf der Internetseite lockend heißt.

Aus ehemals unentgeltlicher Hilfe soll Rendite gezogen werden

Die Hasenmetaphorik im Namen des Unternehmens zeigt, worum es wirklich geht. Über TaskRabbit wird alles Mögliche an Arbeit vermittelt: an Laien, die schnell einspringen und für sehr wenig Geld Aufgaben übernehmen, die bislang entweder von Profis erledigt wurden oder in den Bereich der Nachbarschaftshilfe fielen. Das Wildern in fremden Bereichen durch Deprofessionalisierung (Airbnb) und die Monetarisierung bislang brachliegender gesellschaftlicher Subsysteme (TaskRabbit) sind die neuen Cashcows der großen Firmenimperien. Dabei ist ihnen innerhalb des Netzes gelungen, was auch in anderen Bereichen den sozialen Zusammenhalt bedroht: So wie in der Finanzkrise Verluste sozialisiert, Gewinne aber privatisiert wurden, so haben die Internetunternehmen aus einem gemeinschaftlich produzierten Reichtum privaten Profit geschlagen.

Die Kritik an diesem Muster verbindet die Internetskeptiker mit den Aufstandsbewegungen in aller Welt. In der Türkei flammten die Proteste gegen Erdoğan auf, weil ein öffentlicher Park für die privaten Profitinteressen von Shopping-Mall-Betreibern plattgemacht werden sollte. In Brasilien protestierten Hunderttausende, weil die Regierung aus Anlass der kommenden WM astronomische Summen in der privaten Bauwirtschaft versenkte, während sie gleichzeitig die Preise für den öffentlichen Nahverkehr erhöhte. In unzähligen anderen Städten gingen in den letzten Jahren Bürger auf die Straße, um gegen Gentrifizierung zu protestierten, gegen jenen Vorgang also, in dem das gemeinschaftliche symbolische Kapital eines Viertels oder einer Stadt (das sogenannte Flair) durch die Immobilienwirtschaft mit Mietsteigerungen und der Herrichtung des städtischen Raums für touristische Zwecke monetarisiert wird.

Im Netz läuft, unter ökonomischen Gesichtspunkten, also keineswegs etwas völlig Neues, Revolutionäres ab. Eher schon dient das Netz heute dem altbekannten Marktradikalismus zu seiner Vollendung. Private Ausbeutung eines gemeinschaftlichen Reichtums, nirgends funktioniert das besser als bei Facebook oder Instagram. Und man muss es fast schon bewundern, wie geschickt die Silicon-Valley-Ideologie diesen Tatbestand verdeckt, wie sie es geschafft hat, als schillerndes Versprechen die Welt zu erobern – als Verkopplung zweier Weltanschauungen, die eigentlich inkompatibel erscheinen: die linke kommunitäre, antikapitalistische Hippie-Idee einer unvermittelten, jenseits von Hierarchie und Bürokratie verlaufenden Produktion und die protokapitalistische Idee des autonomen Individuums, das jede staatliche Regulierung und soziale Rücksichtnahme als Einschränkung seiner unternehmerischen Selbstentfaltung empfindet. Und wer weder der einen noch der anderen Idee anhängt, wird mit dem Argument eingefangen, dass die technische Entwicklung nun mal den Lauf der Dinge bestimme. Trauerten wir etwa noch den schlesischen Webern nach?

Mit ihrem doppelten Spiel forcieren die Firmen des Silicon Valley einen Wandel, der die Gesellschaft in immer größere Abhängigkeit von ihren Internetdiensten treibt. "Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann", lautet das berühmte Diktum des Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde. Der Staat ist darauf angewiesen, dass seine Bürger solidarisch miteinander umgehen – am Arbeitsplatz, in Vereinen und natürlich in der Familie. Die Firmen des Silicon Valley versuchen hingegen, den individualistischen Wettbewerbsgedanken in die Tiefenstruktur der Gesellschaft zu implementieren. Mitmenschlichkeit ist für sie eine Währung. Und Idealismus eine kapitalistisch verwertbare Ware.

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