An einem Mittwoch im Oktober steckt Thüringens schwarz-rote Regierungskoalition plötzlich in der Sackgasse, nichts geht mehr. Zwei Dutzend Politiker von CDU und SPD stehen im Wald, nahe Witterda bei Erfurt, und blicken ratlos drein. Sie tragen Jacken von Jack Wolfskin und schwere Schuhe für den Berg. Sie wollen eine "Koalitionswanderung" unternehmen, eine Art Friedensmarsch, eine Tour der Versöhnung nach Wochen des Streits zwischen Schwarz und Rot. Sie haben sich ein Naherholungsgebiet dafür ausgesucht, denn welch herrliche Signale könnte man von hier aussenden: Wir schreiten wieder Seit’ an Seit’. Wir schaffen es gemeinsam durch Höhen und Tiefen.

Aber so kommt es nicht. Denn nach fünf Minuten, nach nicht einmal 500 Metern, haben die Abgeordneten sich nun verirrt. Was wiederum zu den Schlagzeilen passt, die man aus Thüringen liest in diesen Wochen und Monaten: Die Politiker, die das Land führen wollen, wissen selbst nicht, wohin es gehen soll! Ihnen fehlt der innere Kompass.

Mike Mohring ahnt wohl, dass solche Schlussfolgerungen in der Zeitung landen. "Folgt mir!", ruft er. Der 41-Jährige, Fraktionschef der CDU im Erfurter Landtag, hat noch immer Stimmungen für sich zu nutzen gewusst. Mohring entscheidet sich zum fiesestmöglichen Scherz gegen den Koalitionspartner, halblaut vorgetragen: "Wir haben uns nicht verlaufen. Wir gehen den Weg nur zweimal, damit auch der Soze ihn begreift."

Gelächter, auch bei den Sozialdemokraten. Fast nirgends ist das politische Klima so rau wie hier, zwischen Werra-Aue und Altenburger Land. Ausgerechnet im romantischen Zwei-Millionen-Einwohner-Thüringen lässt sich seit Monaten ein Ausmaß an Streitlust beobachten, wie man es allenfalls noch aus Schleswig-Holstein kennt.

Aber vielleicht ist das gar kein Gegensatz zu den familiären Verhältnissen hier. Denn nur wer einander innig kennt, kann einander umso leidenschaftlicher bekämpfen. Und, oh ja, hier kennt man sich.

Gegen Lieberknecht und Machnig ermittelt die Justiz

CDU und SPD, das ist die Koalition, die sich ein Großteil der Wähler auch für den Bund wünschen würde. In Thüringen existiert sie seit 2009. Wer Lust auf Schwarz-Rot hat, auf Konsenspolitik einer Großen Koalition, dem wird sie hier, in Erfurt, ausgetrieben. Das Schicksal der Ministerpräsidentin, Christine Lieberknecht (CDU), und ihres Wirtschaftsministers, Matthias Machnig (SPD), liegt inzwischen auch in den Händen der Justiz – gegen beide wird ermittelt, Lieberknecht hat ihre parlamentarische Immunität verloren. Sie galt immer als Frau von großem Instinkt, als eine Art Angela Merkel der Provinz. Inzwischen tappt sie von einem Problem ins nächste. Ist sie noch die Richtige?

Lieberknecht und Machnig halten das Land in der Geiselhaft eines Konfliktes. Vordergründig geht es um Pensionsaffären. Um einen schillernden Ex-Staatssekretär, der jetzt Reisen für ein Internetunternehmen verkauft. Einen neuen Regierungssprecher, der sich in seiner Vergangenheit weit am rechten Rand bewegt hat. Einen CDU-Fraktionschef, um dessen Verhältnis zur eigenen Ministerpräsidentin es nicht zum Besten steht. Um Kabinettsmitglieder, die Thüringen eine "Bananenrepublik" nennen, und andere, die ihr eigenes Ministerium verklagen.

Thüringen ist ein Land der inneren Spannungen. Da ist, einerseits, das Erzkonservative, tief Dörfliche – wie im katholischen Eichsfeld, wo viele Bürger auch der liberalen Protestantin Lieberknecht misstrauen. Da sind, andererseits, Städte wie das urbane, studentische Jena, eine Boomtown Ost. Diese Kluft gibt es im Land, und so eine Kluft gibt es erst recht innerhalb der CDU. Die Union, die im Bund schon zerrissen ist zwischen weltläufigem Pragmatismus und der Sehnsucht nach konservativem Profil – in Thüringen erscheint ihre Zerrissenheit potenziert. Vielleicht stehen Lieberknecht und Fraktionschef Mohring sinnbildlich dafür. Sie als liberale Landesmutti. Er als einer der verbliebenen wirklich Konservativen der Bundes-CDU. Als zweiter König neben ihr.

Nur dann, wenn eine Partei derart in zwei Hälften zerfällt wie Thüringens CDU, nur dann, wenn ihr die Geschlossenheit in solcher Weise fehlt, können Affärchen die Wucht von Affären bekommen. So ist es zuletzt immer wieder geschehen. Die SPD, der traumatisierte Koalitionspartner, nutzt diese Schwäche gnadenlos aus. Und das nächste Affärchen, das zur Affäre werden könnte, bahnt sich schon an. Darüber später mehr.