Fast fünf Jahre ist es jetzt her. Im Januar 2009 tagte das World Economic Forum in Davos, die Finanzkrise war auf dem Höhepunkt. Robert Shiller war ein Star, weil er, der Ökonom von der Yale-Universität in Neuengland, die Krise vorhergesagt hatte. Doch leicht hatte er es deswegen nicht. Der andere umjubelte Forscher des Treffens war nämlich Nouriel Roubini aus New York, der das Chaos ebenfalls erwartet hatte. Und man musste keine übersinnlichen Fähigkeiten haben, um zu begreifen: Die beiden Männer können sich nicht leiden.

Bei einer Abendveranstaltung in einem Hotel oberhalb des Tales trafen sie schließlich aufeinander. Roubini war wie immer, arrogant und brillant, offensiv und verletzend. Leichthin erklärte er, wie die Fehler von Politikern, Bankern und Bürgern zwangsläufig zur Krise führen mussten. Und dann kam es: Um das zu erkennen, sagte Roubini, müsse man nicht auf Gefühle und Verhaltenstheorien zurückgreifen – simple Marktdaten reichten da vollkommen aus.

"Gefühle und Verhaltenstheorien" sind aber in der Finanztheorie mit niemandem so eng verknüpft wie mit Robert Shiller. Schon in den neunziger Jahren hatte er in einem Buch vor dem irrationalen Überschwang an der Börse gewarnt. Und den gleichen ebenso ansteckenden wie übertriebenen Optimismus sah er vor der Finanzkrise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt, von dem das Desaster dann ausging. Wie also würde Shiller reagieren, dieser leise und scheue Mann im Tweed-Jackett, mit vollem grauen Haar und den klassischen Gesichtszügen der Ostküsten-Aristokratie?

Wer Ärger mit Shiller sucht, der kann ihn haben

Wie schon so oft lächelte er auch jetzt verlegen, als er sich zur Antwort erhob, und beim Reden senkte er den Kopf. Doch sein Vortrag ließ es nicht an Klarheit fehlen. Shiller zeigte, wie unklar die Daten in Wahrheit gewesen waren. So hätten Länder mit sehr unterschiedlichen Zinshöhen gleich große Immobilienblasen gehabt. Nein, ohne die besondere Psychologie des Booms könne man die Krise nicht erklären. Nach und nach nahm er leise, aber unerbittlich die Argumente des Vorredners auseinander und ließ dabei Klassiker der Ökonomie ebenso elegant einfließen wie seinen Lieblingssoziologen Max Weber. Am Ende war klar: Wer Ärger mit Shiller sucht, dem notorischen Vielleser und Vielwisser, der kann ihn haben.

Seit damals ist sein Ruf nur noch gewachsen, am meisten am vergangenen Montag, als er den Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaft zugesprochen bekam. Robert Shiller, 67, Professor und Finanzunternehmer, New York Times-Kolumnist und Reformer, ist auf dem Ökonomiegipfel angekommen. Wie einst der Brite John Maynard Keynes personifiziert er heute die Hoffnung darauf, dass Nationen die Gefahr von Krisen früh erkennen, das Chaos vermeiden oder jedenfalls wirksam bekämpfen können. Doch wie kam er dahin, und was dürfen wir dem Ökonomen mit dem Sinn fürs Psychologische wirklich zutrauen?

Mit 20 Jahren weiß der Student Robert Shiller immer noch nicht, wohin er steuern soll. Shiller liest alles, was ihm in die Finger kommt, kennt immer schon die Gegenargumente zu dem, worauf er sich gerade einlässt. Was also studieren? Naturwissenschaften oder Psychologie? Um nachzudenken, geht er wandern. So weit, dass er sich eine Fußverletzung zuzieht, wie sie Soldaten in der Grundausbildung manchmal bekommen. Schließlich entscheidet er sich für Wirtschaft. "Wenn man Mathe liebt und nah an den Menschen sein will wie ich, geht man in die Ökonomie", sagt er. Gut für die Ökonomie, ein Fach, das dringend erweitert werden muss.

In den sechziger Jahren steht die mathematische Theorie im Vordergrund, und das heißt: Modelle einer rationalen Idealwelt, die in sich wunderbar funktionieren, aber fern der Realität stehen. Der Siegeszug der Rationalisten wird anhalten, aber die Gegenbewegung bahnt sich an. Erste Forscher fragen, wie die Menschen sich wirklich verhalten und ob ihr beobachtbares Tun die Wirklichkeit nicht besser erklärt als die alten Modelle. Ja, wird der Jungforscher Shiller bald sagen: An der Börse geht es nicht vernunftgestützt zu, die Kurse bewegen sich viel mehr, als es eine ruhige, rationale Betrachtung zuließe.