Der Mann ist blank wie eine Leinwand. Anzug, Handschuhe, Nacken, Ohren – von den Sneakers bis zur Glatze strahlt alles in reinem Weiß. Der Mann setzt sich auf einen Stuhl, vor dem Farbtöpfe und ein Eimer voller Pinsel stehen. "Ich bin heute Blanco. Die Leute sollen mich anmalen. Hoffentlich kapieren sie das", sagt er und erstarrt. Und wartet. Starrt und wartet. Die Zuschauer vor dem Podest starren erst einmal zurück. Keiner will der Erste sein, der das Weiß befleckt. Schließlich greift sich eine Frau einen Pinsel, wenig später wagt sich eine zweite vor.

Man kennt sie aus den Fußgängerzonen – Straßenkünstler, die wie eingefroren in einer Position verharren und sich als Schaufensterpuppen oder Skulpturen ausgeben. Meist beachtet man sie kaum, lauert vielleicht auf ein ungewolltes Blinzeln, geht vorüber. Im niederländischen Arnheim wird die Kunst des Stillstands ernst genommen: Seit sechs Jahren lädt die Stadt zur Weltmeisterschaft der lebenden Statuen. 149 Mimen aus 24 Nationen verteilen sich an diesem Herbsttag auf den Straßen, alle paar Meter steht ein Podest. Bewegung ist nur erlaubt, wenn sie zur Rolle gehört. Ein Mann, weinrot geschminkt, gibt Beethoven. Während er mit roboterhaften Gesten dirigiert, zuckt seine Kopfhaut im Takt. Ein Bräutigam dreht sich auf einer Hochzeitstorte. Ein Kosak kostet Suppe aus einem Kessel, bei jedem Schluck rollt er mit den Augen, ein lautloses "Hm". Zwischen den Statuen drängen sich die Besucher, schieben sich durch die Gassen der Altstadt, vorbei an Pommesbuden und Pralinenläden, an Klinkerbauten und rot lackierten Holztüren. Deutsche, Japaner, Briten, die extra für das World Statues Festival in die 150.000-Einwohner-Stadt gereist sind.

Beim Gang durch Arnheim fällt auf, wie frei die Künstler das Prinzip "Statue" auslegen. Noch vor ein paar Jahren war es üblich, eine klassische Skulptur zu imitieren, oft einen Dichter, Denker oder Feldherrn in Gold und Marmor. Davon hat sich etwa der "lebende Ast" weit entfernt: Den ganzen Körper mit Moos und Flechten bedeckt, die Augen von grünen Ranken verhüllt, lehnt die Darstellerin an einem Baum, schmiegt die Wange an die Rinde. Oder der Russe, dessen schwarzer Overall mit neonfarbenen Ringen besetzt ist. Sie schwingen auf und nieder, hin und her, sobald der Mann Knie und Arme beugt. Ein Mischwesen, halb Balletttänzer, halb Michelinmännchen.

Auch Blanco, die lebende Leinwand, bewegt sich viel. Wann immer ein Zuschauer ihm Farbe auf Jackett oder Wangen kleckst, bedankt er sich mit einer Gebärde: tätschelt Haare, wirft Kusshände. Dabei bleibt seine Miene starr, jedes Armheben wirkt wie von außen gesteuert. Blanco heißt eigentlich John Eicke und kommt aus Berlin. Er war schon auf Festivals in Kanada, China und Indien zu Gast. Statt mit dem Münzbecher in Fußgängerzonen zu stehen, treten Profis wie er bei Messen oder Firmenjubiläen auf und können von ihrer Kunst gut leben. "Früher übten wir uns im perfekten Stillstehen", erzählt John in einer Spielpause. "Heute geht es eher darum, das Publikum einzubeziehen und kleine Stücke aufzuführen." Auf das Prinzip des Minidramas setzt etwa Yvon Hollander, die niederländische Meisterin. Sie hängt, in Kleid und Mieder geschnürt, über dem Boden an einer Straßenlaterne – scheinbar nur von einem Kleiderbügel gehalten. Ihre Hände umklammern einen Koffer, sie zuckt die Achseln, senkt den Kopf, dreht die Augen und lässt eine ganze Gefühlswelt über ihr Gesicht gleiten: von Freude über Sehnsucht bis zu Liebesschmerz und Verzweiflung.

Der Mexikaner Shanti Oyarzabal, granitgrau der Körper, die Zähne, sogar die Augen, hat sich auf unsichtbare Bewegungen spezialisiert: Als Steinmann rollt er sich über den Boden – so langsam, dass er alle Blicke auf sich bannt: Wie schafft er es, erstarrt zu wirken und sich dennoch zu drehen? Beide Mimen haben schon viele Preise gewonnen. Doch als am Abend die Jury den Weltmeister kürt, bittet sie John nach vorn. Blanco ist da längst kein weißer Mann mehr. Seine Glatze leuchtet bunter als der Siegesblumenstrauß.