Unser Gehirn besteht aus eineinhalb Kilo Wasser, Eiweiß und Fett. Wie erzeugt diese wabbelige Masse all unser Erleben? Vor der Frage schrecken selbst optimistische Denker zurück. Christof Koch allerdings behauptet, das Rätsel Bewusstsein sei lösbar. Aufsehen erregte der Biophysiker auch mit seinen Experimenten. So entdeckte er Hirnzellen, die auf die Erkennung von Hollywoodstars spezialisiert sind.

Seit zwei Jahren arbeitet er als wissenschaftlicher Direktor des Allen Institute for Brain Science in Seattle, das Hirnforschung im industriellen Stil betreibt. Der Gründer, Microsoft-Milliardär Paul Allen, stellt dafür eine halbe Milliarde Dollar bereit. Koch und ich trafen uns in einem Vollwert-Café am New Yorker Washington Square. Koch, der in Kansas City als Sohn deutscher Diplomaten geboren wurde und in Tübingen studiert hat, spricht Englisch mit deutschem Akzent. Nur wenn wir auf Persönliches kommen, wechselt er in unsere gemeinsame Muttersprache. Serviert werden Salate, denn Koch, der sogar Regenwürmern eine Spur von Bewusstsein zuerkennt, ist Vegetarier.

ZEITmagazin: Herr Koch, können wir zugleich reden und bewusst unser Essen genießen?

Christof Koch: Wahrscheinlich nicht. Bewusstsein setzt normalerweise Aufmerksamkeit voraus. Und seine Aufmerksamkeit kann man in der Regel nur einer einzigen Sache zuwenden. Alles andere blendet die Aufmerksamkeit aus. Wenn Sie einer angeregten Unterhaltung folgen, mag das Essen die Geschmacksknospen Ihrer Zunge reizen, trotzdem schmecken Sie wenig.

ZEITmagazin: Aufmerksamkeit ist also ein Filter. Was ist Bewusstsein?

Koch: Ihre innere Erfahrung. Sie schmecken das Salz auf diesem Salatblatt, sehen im nächsten Moment ein Bild von meinem Gesicht. Dazu müssen Sie Ihren Sinneseindrücken Aufmerksamkeit schenken. Aber das allein genügt nicht. Denn die Sinneswahrnehmung wertet ja nur physikalische Signale aus: die Moleküle auf Ihrer Zunge, die Lichtwellen, die Ihr Auge erreichen. Doch Sie haben Empfindungen – einen Geschmack, ein Bild im Kopf. Und das ist etwas ganz anderes. Dieses Erlebnis muss irgendwo in den Katakomben des Großhirns entstehen. Wie das geschieht, ist ein großes Geheimnis.

ZEITmagazin: Die meisten Menschen wundern sich nicht darüber. Ihnen erscheint es als die selbstverständlichste Sache auf der Welt, dass sie ihr Leben als eine Art Film vor sich sehen.

Koch: Denkt der Fisch über das Wasser nach, in dem er schwimmt? So fällt uns auch das Bewusstsein nur auf, wenn es verschwindet. Gewöhnlich lassen uns nur Tiefschlaf, Narkose oder schwere Geistesverwirrung nach einem Schlaganfall erkennen, dass Bewusstsein eben nicht zwangsläufig zu unserem Leben gehört.

ZEITmagazin: Sie denken seit fast 30 Jahren über Bewusstsein nach. Was brachte Sie als Physiker zu diesem Thema?

Koch: Bewusstsein ist doch die Voraussetzung für alle andere Erkenntnis. Wie kann ich denn feststellen, dass das Universum existiert? Und wie kann ich wissen, dass es mich selbst gibt? Nur, indem ich beides erlebe. Das Bewusstsein ist die einzige Tatsache, über die wir uns sicher sein können. Das erkannte schon Descartes.

ZEITmagazin: "Cogito ergo sum", schrieb er. "Ich denke, also bin ich." Ich habe allerdings nie verstanden, warum er so sehr auf das Denken abhebt. Mir erscheint es viel wesentlicher, dass ich empfinde: Ich bin da.

Koch: Ich glaube, Descartes meint genau dieses Empfinden. Ich mag mir alles Mögliche einbilden – zum Beispiel, dass eine unglaublich attraktive Frau mich liebt – und völlig falsch liegen. Aber darüber, dass ich innere Erfahrungen habe, kann ich mich unmöglich täuschen. Heute würde Descartes vielleicht schreiben: "Ich bin bewusst, also bin ich." Dass es Bewusstsein gibt, ist die grundlegendste Eigenschaft des Universums, in dem ich lebe. Mir ist es rätselhaft, wie die Wissenschaft die Frage danach so lange ausblenden konnte.

ZEITmagazin: Sie sprachen einmal von "meinem unwiderstehlichen Wunsch, meinen Glauben zu rechtfertigen, dass das Leben einen Sinn habe". Und dieses Verlangen habe Sie zu der Suche nach den Ursprüngen des Bewusstseins getrieben. Ich fand das überraschend.

Koch: Als Wissenschaftler sollte man eigentlich nicht danach fragen, was einen antreibt.

ZEITmagazin: Ich frage Sie als Person.

Koch: Ich war ein gläubiger Katholik. Meine Eltern erzogen mich religiös, ich war Ministrant, die Lehrer auf der Jesuitenschule vermittelten mir ein geistiges Bezugssystem und stillten meine Sehnsucht nach Sinn. Aber als Physiker im Labor erforschte ich eine andere Welt. Hier die Wissenschaft, die Fakten erklärte, dort der Glaube an Gottes Schöpfung. Ich lebte in einer gespaltenen Wirklichkeit – einer Realität für die Wochentage, einer für sonntags, wenn ich die Messe besuchte. Dann traf ich Francis Crick ...

ZEITmagazin: ... der im Jahr 1953 zusammen mit James Watson die Erbsubstanz DNS entdeckt und dafür den Nobelpreis bekommen hatte.

Koch: Nachdem er das Geheimnis der Vererbung aufgeklärt hatte, interessierte er sich für das Bewusstsein. Wir begannen in den späten 1980er Jahren eine enge Zusammenarbeit. Im Nachhinein denke ich, was mich dazu brachte, war ein geheimer Wunsch, festzustellen, dass die Wissenschaft angesichts der Frage nach dem Bewusstsein versagt.

ZEITmagazin: Sie wollten scheitern.

Er gab erst den Glauben, dann die Seele auf

Koch: Ja. So hätte ich zeigen können, wofür wir Religion brauchen: um zu erklären, wie das Bewusstsein in die Welt kam. Hier kommt Gott ins Spiel. Aber mit der Zeit kam ich zu dem Schluss, dass sich das Bewusstsein ganz natürlich erklären lässt: mit Neuronen, Informationstheorie und so weiter. Man braucht keine Religion.

ZEITmagazin: Crick dachte doch immer schon so! Er trat bereits 1961 von seinem Posten am Churchill College der Universität Cambridge zurück, als man auf dem Gelände eine Kapelle bauen wollte. Crick wollte die Welt von ihrem Gottesglauben befreien. Der überzeugte Atheist und der zweifelnde Katholik: Sie beide müssen ein interessantes Paar gewesen sein. Haben Sie je über Ihren Glauben gesprochen?

Koch: Nein. Francis war ein gütiger Mann und wollte mir meine Zweifel ersparen. Und ich war emotional noch nicht reif dafür, meine Religion aufzugeben. Doch Francis lehrte mich, wie man ein gutes, sinnvolles und aufrechtes Leben führen kann, ohne an einen Vater im Himmel oder an ein Weiterleben nach dem Tode zu glauben. Und ich bewunderte ihn dafür, wie stoisch er mit seinem Altern und seiner Sterblichkeit umging. Er starb 2004 an Darmkrebs. Mit seiner Haltung hat er es mir wahrscheinlich ermöglicht, mich von meinem Glauben zu lösen.

ZEITmagazin: Sie rangen also mehr als zwei Jahrzehnte lang mit der Religion.

Koch: Peinlich, finden Sie nicht?

Jedes Mal, wenn wir das Gehirn etwas genauer kennenlernen, merken wir, dass es noch viel komplexer ist als bis dahin gedacht
Christof Koch

ZEITmagazin: Wieso?

Koch: Weil ich dermaßen lange für diesen Weg brauchte. Dabei sehnte ich mich so sehr nach einem Zeichen von Gott. Zu Beginn meiner Arbeit mit Crick leitete ich an der amerikanischen Ostküste einen Sommerkurs über Computer in der Hirnforschung. Wir feierten eine Party am Meer, eine Band spielte. Ich war ziemlich betrunken – und unruhig. Ich hatte zuvor Die fröhliche Wissenschaft von Nietzsche gelesen, diese erregende Passage, in der er uns als die Totengräber Gottes beschreibt. Gegen Mitternacht ging ich allein an den Strand. Es war stürmisch und bewölkt, das Wetter entsprach meiner Stimmung. Ich begann zu rufen, auf Deutsch: "Mein Gott, wo bist du?" Plötzlich blendete mich ein Licht, und eine Stimme antwortete mir.

ZEITmagazin: Und? Was haben Sie gehört?

Koch: "Verschwinden Sie vom Strand, zum Teufel!" Gott zeigte sich mir als zorniger Camper! Ich hatte diesen Mann, der am Strand schlafen wollte, völlig übersehen. Jedenfalls rannte ich, so schnell ich konnte, zu der Party zurück.

ZEITmagazin: Mit dem Rausch ließ wohl auch der Schreck nach.

Koch: Sicher. Trotzdem spürte ich, wie mir die Dogmen der Kirche immer weniger bedeuteten. Dass die Idee einer Seele mit einer Wissenschaft vom Bewusstsein unvereinbar sein könnte, beschäftigte mich allerdings weiter.

ZEITmagazin: Sie haben erst Ihren Glauben an Gott und erst später den an die Seele aufgegeben?

Koch: Ich habe nie darüber nachgedacht. Aber ja, so war es wohl.

ZEITmagazin: Der Glaube an eine Seele scheint mir für Religionen wesentlicher als der an ein höheres Wesen zu sein. Vorstellungen von Seele und Unsterblichkeit spielen in praktisch jedem Glaubenssystem eine Rolle. Dagegen gibt es bedeutende Religionen ohne Gott – den Buddhismus zum Beispiel.

Koch: Im vergangenen Frühjahr habe ich eine Woche mit dem Dalai Lama in Indien verbracht. Wir sprachen über das Bewusstsein. Er glaubt zwar an Reinkarnation, wir Wissenschaftler nicht. Im Übrigen aber fand ich, dass sich seine Vorstellungen gut mit den unseren vertrugen – sicher auch deswegen, weil der Buddhismus keinen Schöpfergott kennt. Aber Sie haben wohl recht, dass die Frage nach Bewusstsein und Seele auch für die Religionen zentraler ist als die nach Gott. Denn wir bemerken das Bewusstsein in uns selbst und wollen eine Erklärung dafür.

ZEITmagazin: Allerdings kann die Religion viel einfachere Antworten als die Wissenschaft bieten. Das Gehirn ist unvorstellbar komplex.

Koch: Oh ja. Allein in dem Volumen, das einem Reiskorn entspricht, stecken fast eine Million Nervenzellen. Diese sind untereinander mit ein paar Milliarden Schaltstellen, Synapsen, verbunden. Wenn Sie die feinste Verdrahtung in dieser winzigen Hirnmasse abrollen würden, kämen Sie auf 20 Kilometer! Und es stecken nicht ein oder zwei Arten von Neuronen in diesem Reiskorn, sondern 100 verschiedene Typen. Wir wissen es noch nicht genau. Jedes Mal, wenn wir das Gehirn etwas genauer kennenlernen, merken wir, dass es noch viel komplexer ist als bis dahin gedacht. Aber ebendieser Komplexität verdanken wir das Bewusstsein.

ZEITmagazin: Und selbst wenn Sie das Gehirn bis in seine letzten Details untersucht hätten, wäre das Problem noch lange nicht gelöst. Dann nämlich bleibt noch immer die innere Erfahrung zu erklären. Die zeigt kein Mikroskop und kein Messgerät an. Um zu verstehen, wie wir etwas erleben, kann jeder nur in sich selbst hineinschauen. Aber wie wollen Sie herausfinden, ob der Kaffee für mich genauso schmeckt wie für Sie?

Koch: Ich kann mich Ihrer Erfahrung annähern, ganz erreichen werde ich sie nie. Aber immerhin funktionieren unsere Gehirne sehr ähnlich. Sonst wäre es nicht möglich, dass ein Roman oder eine Oper Millionen Menschen anrühren. Richard Wagners mehr als 130 Jahre alte Tragödie Tristan und Isolde macht uns noch immer betroffen, denn wir alle waren einmal verliebt. Und heute haben wir neue Möglichkeiten, solche inneren Vorgänge zu erforschen. Wir können Aktivitätsmuster im Gehirn ablesen.

Das Jennifer Aniston-Neuron

ZEITmagazin: Das heißt?

Koch: Mein Labor arbeitet seit über zehn Jahren mit Neurochirurgen zusammen. Diese implantieren Epileptikern manchmal Elektroden ins Hirn, um die Herde der Anfälle zu finden. Solange die Elektroden im Kopf sind, können wir mit ihnen experimentieren; die Patienten haben ihren Spaß dabei. Beispielsweise zeigen wir ihnen Bilder und sehen, wie die kontaktierten Neuronen reagieren. Oft sind es Fotos von Filmschauspielern, denn von der Klinik sind es nur fünf Meilen nach Hollywood. Einmal hatten wir eine Frau, die in den Studios arbeitete und Jennifer Aniston persönlich kannte. Wenn wir ihr nun ein Bild dieses Filmstars vorlegten, ging immer dasselbe Neuron los. Erstaunlicherweise antwortete es nur auf Aniston, weder auf andere Schauspieler noch auf andere Blondinen. In anderen Hirnen wiederum fanden wir Neuronen, die nur auf Halle Berry oder Bill Clinton reagieren.

ZEITmagazin: Das Signal einer bewussten Erfahrung?

Koch: Diese Patientin sagte: "Oh ja, ich sehe Jennifer Aniston deutlich." Und das Neuron reagierte nicht nur auf Bilder, sondern auch, wenn wir ihr den Schriftzug "Aniston" zeigten. Oder den Namen vorlasen. Die graue Zelle codierte also nicht das Gesicht, sondern so etwas wie das "Konzept Jennifer Aniston". So haben wir offenbar spezialisierte Gruppen von Neuronen für alles, womit wir vertraut sind – graue Zellen für unseren Partner, die Kinder, die Haustiere, das Auto und eben auch Prominente.

ZEITmagazin: Und wenn man von solchen Zellen Signale ableitet, kann man Gedanken lesen.

Koch: Ja. Einer meiner Doktoranden verband die Elektroden mit einem Beamer. Wenn nun eine graue Zelle losging, zeigte das Gerät das entsprechende Bild. Bei einem Patienten beispielsweise waren manche Neuronen für Marilyn Monroe codiert, andere für Josh Brolin. Sobald der Patient an Marilyn dachte, erschien das berühmte Bild, auf dem ihr, aus der U-Bahn steigend, der Rock hochgewirbelt wird – und wenn er an Brolin dachte, entsprechend ein Bild von Brolin. Wenn die Versuchsperson unentschlossen schwankte, war eine Überlagerung beider Bilder zu sehen, ein Mischwesen aus Marilyn und Brolin. Wir zeigten den Patienten diese Projektionen. Durch die Rückkoppelung lernten sie, ihre Gedanken und damit ihre Neuronen immer zuverlässiger zu kontrollieren.

ZEITmagazin: Der Geist beherrscht die Materie.

Koch: Tja, wer beherrscht hier wen? Ich würde sagen, dass ein Teil des Gehirns einen anderen steuert. Wenn ich den Patienten bitte, die nächsten zehn Sekunden an die Monroe zu denken, wird diese Instruktion im Kurzzeitgedächtnis gespeichert, an der Stirnseite des Hirns. Die grauen Zellen dort nehmen Einfluss auf tiefer gelegene Neuronen, die für die Erinnerungen im Langzeitgedächtnis zuständig sind. Ähnliches geht vor, wenn Sie Ihren Impuls unterdrücken, jetzt noch einen Nachtisch zu nehmen. Ein Teil Ihres Gehirns will den Genuss jetzt, aber ein anderes System kalkuliert die langfristigen Folgen für Ihre Gesundheit und stoppt Ihren Griff zur Speisekarte. Auch das erledigen typischerweise die Regionen hinter der Stirn. Mit bestimmten Meditationstechniken etwa können Sie diese mentale Steuerung trainieren.

Konzentrieren bis das Ich verschwindet

ZEITmagazin: Man lernt dadurch, sich selbst immer besser zu kontrollieren.

Koch: Mich beeindruckt, wie viel sich mit solchen Praktiken erreichen lässt. Die meisten Menschen denken und tun, was ihnen ihre Impulse gerade diktieren. Sie sind hungrig, also essen sie; eine Sorge fällt ihnen ein, also sorgen sie sich – wie ein Segelboot, das so treibt, wie der Wind gerade bläst. Wer aber seit Langem meditiert, kann sich von diesen Einflüssen unabhängiger machen. Sehr geübte Meditierende können sogar Schmerzempfindungen völlig ausblenden. Ganz gleich, woher der Wind weht, das Boot hält seinen Kurs. Sie können viele Stunden lang bei einer Sache bleiben. Leider hat diese wunderbare Fähigkeit einen hohen Preis: Man muss sie viele Jahre lang üben.

ZEITmagazin: Wie alles, was man wirklich beherrschen will.

Koch: Ja, es ist eine extreme Fähigkeit. Jene, die sie erlangt haben, erzählen fröhlich: "Oh, Sie müssen es sechs Stunden täglich zwanzig Jahre lang tun, dann können Sie es."

ZEITmagazin: Haben Sie es versucht?

Koch: Ja. Aber dann fragte ich mich, will ich wirklich mein halbes Wachleben damit verbringen, im Lotussitz über das Nichts zu meditieren? Ich kann doch ruhen, wenn ich tot bin. Lieber mache ich Erfahrungen. So entschied ich mich für einen anderen Weg.

Selbstfindung in der Kletterwand

ZEITmagazin: Sie laufen Marathon im Death Valley und klettern schwierige Bergstrecken.

Koch: All das hat viel Ähnlichkeit mit Meditation: Man muss sich auf das, was man tut, extrem konzentrieren. Dabei verschwindet das Ich-Bewusstsein, dieser innere Kritiker, der uns sonst immer begleitet. Wenn Sie stundenlang durch die Berge laufen, kommen Sie in eine beinahe zeitlose Zone. Das kann süchtig machen.

ZEITmagazin: Ich weiß genau, was Sie meinen. Auch ich bin früher geklettert. Man denkt nicht mehr nach. Es ist, als ob nicht mehr ich klettere – es klettert mich.

Koch: Weil das Ego verschwindet. Das macht uns glücklich. Psychologen nennen das Flow.

ZEITmagazin: In solchen Momenten ist das Bewusstsein nur noch von einer einzigen starken Erfahrung erfüllt: Ich bin da. Ich existiere. Das innere Erleben wird einfach.

Koch: Allerdings fühlt man die Präsenz seines Körpers in der Umgebung. Die Außenwelt schwingt einem geradezu entgegen, gerade beim Klettern. Sie sehen die kleinste Vertiefung im Granit. Ihnen ist überaus klar, wo die Sonne steht, wo das Seil hängt und wo die letzte Sicherung liegt.

Wenn die Sinne zusammenkommen, erscheint die Seele
Bioy Casares

ZEITmagazin: Aber alles fügt sich zu einem einheitlichen Empfinden zusammen. Mein Körper, die Sonne, das Seil: Was immer ich wahrnehme, ist aufeinander bezogen. Es gibt keine Einzelheiten mehr, die Welt scheint ein Ganzes zu werden.

Koch: Genau dieses Zusammenführen ist der Prozess, durch den Bewusstsein entsteht. Wenn Sie verstreute Informationen haben, wie auf der Festplatte eines Computers, dann ist Bewusstsein unmöglich. Unser Gehirn dagegen ist so aufgebaut, dass es riesige Datenmengen miteinander verknüpft. Erst durch solche Integration können wir bewusste Erfahrungen machen.

ZEITmagazin: "Wenn die Sinne zusammenkommen, erscheint die Seele." So hat es Bioy Casares ausgedrückt, ein argentinischer Schriftsteller und Freund Borges’.

Koch: Sehr poetisch gesagt! Inzwischen haben wir sogar eine mathematische Formel, die beschreibt, wie das Zusammenführen von Information Bewusstsein ermöglicht.

ZEITmagazin: Wir im Westen glauben üblicherweise, Bewusstsein habe viel mit unserem Denken zu tun. Doch wenn Casares’ und Ihre Theorie zutreffen, täuschen wir uns sehr. Denn dann wären wir uns ganz im Gegenteil umso stärker bewusst, je weniger es uns gelingt, Information zu zergliedern – wie der Kletterer in der Wand.

Koch: Oder ein meditierender Mönch. Vielleicht wird es bald möglich sein, Bewusstsein zu messen. Giulio Tononi, ein brillanter Kollege an der Universität von Wisconsin, hat gerade ein Instrument dafür entwickelt. Es analysiert, mit welchen Strömen das Gehirn auf einen magnetischen Impuls reagiert, und berechnet den Grad an Bewusstheit.

ZEITmagazin: Klingt nach Science-Fiction.

Koch: Sie haben Raumschiff Enterprise gesehen? Dort gibt es den Tricorder, mit dem die Mannschaft den inneren Zustand fremder Geschöpfe abscannt. Tononi stellt seine Ergebnisse allerdings in renommierten Fachzeitschriften vor.

ZEITmagazin:Was will er mit dem Gerät?

Koch: Den Bewusstseinszustand von Patienten im Wachkoma messen. Diese Patienten reagieren praktisch nicht mehr auf äußere Reize. Sie können aber durchaus noch etwas empfinden, nur nicht mehr imstande sein, sich mitzuteilen. Darum wissen Angehörige und Ärzte oft nicht, was zu tun ist.

ZEITmagazin: Ob eine solche Maschine auch Bewusstsein bei Tieren nachweisen könnte?

Koch: Das hat noch keiner versucht. Aber um festzustellen, dass sie Bewusstsein haben, braucht es kein Messgerät. Ich habe seit meiner Kindheit mit Hunden gelebt und kann Ihnen sagen, dass sie innere Zustände haben. Sie sind unverkennbar glücklich, traurig, neugierig oder ängstlich.

ZEITmagazin: Und weil Sie diese Empfindungen von sich selbst kennen, folgern Sie, dass sie auch Ihrem Hund bewusst sein müssen.

Koch: Genau. Sehen Sie doch die zwei Hunde dort drüben im Park. Sie tollen herum. Können Sie glauben, die sind nicht glücklich? Ich frage mich manchmal, ob Hunde nicht ständig in diesem Flow-Zustand sind. Sie leben viel mehr im Hier und Jetzt. Mir scheint, sie sind glücklicher als wir. Vielleicht ist es genau das, was viele Menschen mit "höheren Bewusstseinszuständen" meinen?

ZEITmagazin: Am Ende sind diese Hunde erleuchtet!

Koch: Wer weiß. Allerdings gibt es auch ein paar wissenschaftliche Argumente. Wenn ich Ihnen ein reiskorngroßes Stück Hirn zeige, können Sie selbst unter dem Mikroskop kaum erkennen, ob es von einer Maus, einem Hund oder einem Menschen ist. Der große Unterschied ist nur, dass die Maus ein Gramm und der Mensch 1500 Gramm davon im Kopf hat.

Das Bewusstsein von Regenwürmern

ZEITmagazin: Ein Elefantenhirn wiegt sogar über vier Kilo. Es hat aber vermutlich weniger Neuronen als unseres.

Koch: Eben. Unsere Rechenleistung ist höher, wenn Sie so wollen. Dadurch sind wir zu größerer Einsicht fähig, haben Erinnerung an unsere Biografie und Selbstbewusstsein.

ZEITmagazin: Sie meinen, mir ist bewusst, dass ich ich und kein anderer bin.

Koch: Mein Hund ahnt das nur, wenn überhaupt. Er kann nicht denken: "Mein Schwanz wackelt heute aber komisch, vielleicht fehlt mir etwas." Aber es wäre unsinnig, ihm deswegen jede Bewusstheit abzuerkennen. Alle Säugetiere, vielleicht sogar alle Mehrzeller, haben Bewusstsein.

ZEITmagazin: Regenwürmer?

Koch: Charles Darwin hat vor 130 Jahren ein Buch über Erdwürmer geschrieben. Er fragte darin, aus welchem guten Grund wir diesen Geschöpfen ein geistiges Leben absprechen können, und fand keinen. Die geistigen Fähigkeiten hätten sich nämlich in der Evolution allmählich und nicht sprunghaft entwickelt. Darum sei nirgends zwischen Erdwurm und Mensch eine klare Grenze erkennbar, die unbewusst von bewusst trennt. Mir scheint das sehr plausibel: Bewusstsein ist weit verbreitet in der Natur.

ZEITmagazin: Sie selbst haben 25 Jahre lang die visuelle Wahrnehmung und das Bewusstsein beim Menschen studiert. An Ihrem neuen Institut in Seattle wenden Sie sich jetzt dem Mäusehirn zu. Warum dieser Wechsel?

Koch: Ich war zunehmend frustriert. Um das Bewusstsein zu ergründen, müssen Sie letztlich Neuronen in Aktion untersuchen. Sie sind die Atome des Bewusstseins. Beim Menschen geht das nur selten. Und in Seattle bekam ich die Chance, Hirnforschung in viel größerem Stil als bisher zu betreiben. Das wird uns auch helfen, die Grundlagen von Krankheiten des Bewusstseins wie Autismus und Schizophrenie besser zu verstehen. Wir sind gerade dabei, Hunderte Biologen, Physiker, Optiker und Informatiker einzustellen.

Plexiglas in der Schädeldecke

ZEITmagazin: Was soll dieses Forscherheer tun?

Koch: Wir wollen Gehirnobservatorien schaffen. Dazu ersetzen wir einen Teil der Schädeldecke mit einer Plexiglasscheibe. Das stört die Tiere nicht. Wir lassen sie etwas sehen oder Entscheidungen treffen. Dabei blitzen wir mit einem Laser durch die Scheibe. So erkennen wir ganz genau, welches Neuron wann in Aktion tritt.

ZEITmagazin: Und wann bekommen Menschen Plexiglasfenster ins Hirn?

Koch: Unmöglich. Die Infektionsgefahr wäre zu groß. Für Menschen brauchen wir andere Techniken, die wir noch nicht haben. Wir arbeiten aber schon an einem Atlas des menschlichen Großhirns. Dazu schneiden wir Gehirne aus der Anatomie in Scheiben, viel dünner als Haaresbreite. Dann vermessen wir alle Verbindungen zwischen den Neuronen und machen eine Bestandsaufnahme aller dort tätigen Gene. Für das Mäusehirn haben wir schon einen solchen Atlas geschaffen. Jeder kann ihn sich umsonst herunterladen. Doch ob Maus oder Mensch, ist gar nicht so wichtig. Bewusstsein entsteht in jedem ausreichend komplexen System. Es ist nichts Magisches am menschlichen Hirn.

ZEITmagazin: Was spricht gegen Bewusstsein in einem Computer?

Koch: Im Prinzip nichts. Vermutlich werden wir unser Denken und Fühlen eines Tages in einer Maschine nachbilden können. Dann können wir alle Informationen aus dem Gehirn auf den Rechner überspielen. Unsere Persönlichkeit würde unsterblich. Leider werde ich diesen Tag nicht mehr erleben.