Der Maghreb ist sicher zauberhaft. Nicht erst seit der Tunisreise von Paul Klee und August Macke, kulturgeschichtliches Pendant des 20. Jahrhunderts zu Goethes Italienreise im 18. Jahrhundert, spielt der nordafrikanische Landstrich mit seinen Medinas, Marktplätzen, Dattelpalmen-Hainen, archaischen Dörfern, kargen Bergen, gewundenen Landstraßen, Wüsten und weißen Stränden weit oben in der Liga der Topdestinationen des deutschen Tourismus.

Auch die Regisseurin Caroline Link, die mit Nirgendwo in Afrika 2003 den Oscar für den besten fremdsprachlichen Film gewann, erliegt in ihrem neuen Film Exit Marrakech den maghrebinischen Reizen. Als wollte sie am Beispiel Marokkos unterstreichen, dass das Kino die Erbschaft der bildenden Kunst angetreten hat, hat sie einen Film gedreht, der malerischer nicht sein könnte, der in jedem seiner müllbereinigten Bilder schwelgt. Natürlich darf dabei das eine oder andere Klee-Motiv nicht fehlen: Dann geht der Kamerablick von der Dachterrasse über die Stadt und bildet ein Raster geometrischer Farbflächen ab.

Nur leider ist die Coming-of-Age-Geschichte des Films ziemlich belanglos und klischeebelastet. Da hätten wir den an der Grenze zum Erwachsenenalter stehenden Ben (Samuel Schneider), der in den Schulferien seinen Vater Heinrich (Ulrich Tukur), einen gefeierten Theaterregisseur, während einer Inszenierungsarbeit in Marrakech besucht. Eine Reihe von Kontrasten soll die Handlung in Gang bringen: Heinrich liebt die Kunst, die Dekadenz, fühlt sich wohl in teuren Hotels, liest am Swimmingpool Paul Bowles und hat sich um seinen Sohn aus erster Ehe kaum gekümmert. Ben will das echte Leben, will Land und Leute sehen und verachtet das selbstbezügliche Künstlergehabe seines Vaters. Er büchst aus und begibt sich im Schlepptau der Prostituierten Karima (Hafsia Herzi) auf einen Roadtrip durch Marokko: Lehmhütte meets iPhone.

Kino - "Exit Marrakech" (Exklusiver Filmauschnitt) "Exit Marrakech" (Exklusiver Filmauschnitt)

Dramatische Zuspitzung erfährt die Handlung durch Bens Diabetes. Ein Unfall, eine gemeinsame kathartische Extremerfahrung von Ben und seinem Vater, hilft die alten Wunden zu heilen. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Prostituierte mitsamt den von ihrer Figur drohenden Komplikationen zuvorkommenderweise schon selbst aus dem glatt ablaufenden Handlungsgetriebe verabschiedet.

Letztlich läuft also alles auf ein paar banale Botschaften hinaus: Raus aus dem alten Trott! Seid offen! Auf ins Abenteuer! Europa ist nicht alles, und etwas daran ist krank! Erobert das Leben – auch für die Kunst!

Zum Glück aber sperren sich einige Bilder gegen den Selbsterfahrungs- und Versöhnungskitsch. Karima, wie sie im weichen Dämmerlicht mit weitem Rock, spitzenbesetzter Bluse und Kopftuch in der Tür einer Scheuer steht: Das ist so altmeisterlich fotografiert, dass es schon wieder mutig ist. Oder Ben irgendwo in Marokko an einem leeren, modernistisch geformten Schwimmbad, im Hintergrund, wie an den Beckenrand prallend, eine Bergkulisse. Das gnadenlos klare Licht, die Leere, die den Halbwüchsigen umgibt – nur selten gelingen Caroline Link, die eher zu viel und überdeutlich erzählt, solche Bilder, die einfach nur für sich stehen. "Ganz schön abgefahren", lautet Bens Kommentar zur Szenerie.

Über Exit Marrakech, diese weitgehend gewöhnliche Abenteuerferien-Fantasie mit Hang zum Reisekatalog, lässt sich das leider nicht sagen.