Helge Schneider muss es geahnt haben. Bereits im Jahre 2003 bewies er mit Mendy – das Wusical Gespür für die Bühnentauglichkeit von Pferdeschicksalen. In Bochum galoppierte André Meyer als Mendys Araberhengst Mocca schnaubend und mit schäumendem Mund über die Bühne des Schauspielhauses, die Zuschauer waren begeistert.

Vergangenes Wochenende feierte nun die preisgekrönte Bühnenadaption des Jugendromans War Horse von Michael Morpurgo im Berliner Theater des Westens ihre Deutschlandpremiere. Unter dem Titel Gefährten warf die Musical-Maschine Stage Entertainment, international bekannt durch Tarzan und Phantom der Oper, eine neue Produktion auf den Markt, diesmal ausdrücklich kein Musical.

Die Geschichte von War Horse ist schnell umrissen: Equus Joey wächst bei den Eheleuten Narracott auf, genauer gesagt zusammen mit deren Sohn Albert. Eine tiefe Freundschaft verbindet den Jungen und das Tier. Aus Geldnot verkauft Vater Narracott beim Eintritt Englands in den Ersten Weltkrieg den Hengst an die Cavallerie, zum Entsetzen seines Sohnes. Als dieser wenig später eingezogen wird, hat er nur eine Mission: Er will sein geliebtes Pferd wiederfinden und es nach Hause bringen.

Nun könnte man sagen, die Welt sei um ein tierisches Bühnenereignis reicher. Das aber würde der Intensität der Vorstellung und der Hingabe ihrer Akteure nicht gerecht werden.

Zum einen wagt Stage Entertainment mit Gefährten tatsächlich einen Schritt weg vom Genre Musical in Richtung Sprechtheater mit Musik. Viel beeindruckender jedoch ist die neue Dimension des Puppenspiels, welche die Zuschauer hier erleben. Denn verantwortlich für den Erfolg von War Horse ist maßgeblich die Handspring Puppet Company, ein Künstlerkollektiv aus Südafrika, das sich auf die Herstellung extravaganter Puppen spezialisiert hat.

In Gefährten stehen zwei originalgroße Pferdefiguren auf der Bühne, die von jeweils drei Puppenspielern belebt werden, zwei stecken im Pferderumpf, ein dritter steht außerhalb und lenkt Hals und Kopf. Ihre Performance ist großartig. Die Energie und liebevolle Akribie ihrer Arbeit, von den Pferde-Darstellern als "Ehe zu dritt" beschrieben, überträgt sich unausweichlich auf das Publikum und macht Gefährten zu einer sehenswerten Veranstaltung.

Dazu trägt auch die kluge und für die deutsche Version leicht veränderte Übersetzung des Dramaturgen John von Düffel bei sowie das in seiner Einfachheit bestechende Bühnen- und Kostümbild der Künstlerin Rae Smith. Mit wenigen Holzlatten und Requisiten lässt das 40-köpfige Ensemble Schiffe, Koppeln und Kriegsschauplätze entstehen, unterstützt durch schwarz-weiße Projektionen auf einem überdimensional großen Papierschnipsel, der sich über den hinteren Teil der Bühne spannt.

Zum heimlichen Publikumsliebling avancieren eine Gans und ihr Pudelmütze tragender Puppenspieler, die als Running Gag neugierig durch die Szenerie watscheln und denen stets wieder dieselbe Tür vor dem Schnabel zugeknallt wird. Durch solch humorvolle und kurzweilige Regie sorgt Polly Findlay dafür, dass Gefährten, anders als viele seiner Musical-Vorgänger, nicht inszenatorisch ausufert. Gute Pferde springen eben knapp.