DIE ZEIT: Frau Reding, wie sehr hat die Demokratie in der EU durch die Euro-Krise gelitten?

Viviane Reding: Wir haben in der Krise sehr schnell eine Reihe neuer Regeln schaffen müssen, damit die Währungsunion funktioniert. Durch diese Schritte gelang es zwar, Zeit zu gewinnen. Jetzt gilt es aber, sie in unsere EU-Verträge zu integrieren und sie parlamentarischer Kontrolle auf europäischer Ebene zu unterstellen.

ZEIT: Die Finanzmärkte haben diese beschleunigte Integration erzwungen?

Reding: Das kann man so sagen. Wir treffen immer mehr Entscheidungen auf EU-Ebene, die die Menschen direkt berühren. Deshalb müssen Prozesse und Institutionen demokratischer und transparenter werden.

ZEIT: Das Krisenmanagement war schneller als die Demokratie?

Reding: Wir mussten in der Krise schnell handeln – wie die Feuerwehr. Jetzt müssen wir nacharbeiten. Denken Sie an die gemeinsame Bankenaufsicht, den EU-Rettungsfonds oder den Fiskalpakt. Das alles ist notwendig. Aber das Europaparlament hat bislang keine vollständige Mitsprache. Dieses fundamentale Defizit müssen wir schnellstens beheben.

ZEIT: Die Beteiligung an der letzten Europawahl lag insgesamt nur noch bei 43 Prozent, in manchen Mitgliedsstaaten bei kaum 20 Prozent

Reding: Wenn die Menschen nicht wissen, worüber sie entscheiden, warum sollten sie dann zur Wahl gehen? Wenn wir wollen, dass mehr Bürger wählen gehen, müssen wir klarmachen: Es geht darum, die Weichen für den künftigen Kurs Europas zu stellen.

ZEIT: Wollen Sie sagen, Europa hat nur ein Vermittlungsproblem?

Reding: Das wäre ja zu schön. Natürlich ist es nicht nur ein Vermittlungsproblem. Aber das ist es auch. Jahrzehntelang wurde versäumt zu erklären, was eigentlich geschieht. Da haben Staats- und Regierungschefs auf Gipfeltreffen weitreichende Entscheidungen getroffen, ohne dass die Menschen etwas davon mitbekommen haben. Wir leben aber heute in einer anderen Welt. Die Menschen wollen mitreden, mitentscheiden. Und das ist richtig so.

ZEIT: Ein anderes demokratisches Problem ist der überdurchschnittliche Einfluss, den kleine Länder in der EU haben. Im Europaparlament vertritt ein Luxemburger Abgeordneter nur 82.000 Wähler, ein deutscher hingegen mehr als zehn Mal so viele.

Reding: Da muss ich widersprechen. Der Föderalismus ist Teil der Demokratie in Europa – genauso wie die föderale Struktur in Deutschland demokratisch ist. Im föderalen Gemeinwesen gilt neben dem Grundsatz der Demokratie auch der Grundsatz der Gleichheit der Staaten. Und mal ehrlich: Niemand käme auf die Idee, die demokratische Legitimität des amerikanischen Senats infrage zu stellen, in dem jeweils zwei Senatoren einen Bundesstaat repräsentieren – unabhängig von der Bevölkerungszahl.

ZEIT: Vielleicht schadet gerade die Forderung nach immer mehr Europa der Akzeptanz Europas?

Reding: Viele Bürger haben ein Gespür dafür, was geschehen müsste. Vergangene Woche war ich in Stockholm und habe die Zuhörer dort gefragt: Braucht Europa neue Instrumente zur Wahrung der Grundrechte? 87 Prozent haben mit "Ja" geantwortet. Daraufhin habe ich sie gefragt: Seid ihr euch bewusst, dass das mehr Zentralismus bedeutet? Auch darauf haben die Bürger mit "Ja" geantwortet. Die meisten wollen in erster Linie bessere politische Entscheidungen. Wo diese getroffen werden, ist oft zweitrangig.

ZEIT: Um das Parlament zu stärken, müssten die europäischen Verträge geändert werden. Halten Sie das in den nächsten Jahren für realistisch?

Reding: Eine Vertragsänderung ist ja bereits vorgesehen. Im Fiskalpakt steht, dass die Schuldenbremse, auf die sich 25 der 28 EU-Länder geeinigt haben, bis 2018 in die europäischen Verträge überführt werden muss. Ich gehöre zu denjenigen, die sagen, wir brauchen nach Bewältigung der Finanzkrise noch weitere Änderungen.

ZEIT: Welche?

Reding: Etwa im Bereich des Schutzes der Rechtsstaatlichkeit. Wenn ein Mitgliedstaat heute die Rechtsstaatlichkeit einschränkt, haben wir bislang nur eine Sanktionsmöglichkeit, die "Nuklearoption": Wir können dem Land das Stimmrecht entziehen. Wir brauchen andere, differenziertere Möglichkeiten. Denn es gibt eine Reihe von Mitgliedstaaten, in denen heute der Rechtsstaat gefährdet oder ganz infrage gestellt wird. Ich sage: Wehret den Anfängen!

ZEIT: Sie sprechen über Rumänien und Ungarn.

Reding: Ja, aber nicht nur. In vielen Mitgliedsstaaten täten wir gut daran, gemeinsam einen genaueren Blick auf das Funktionieren des Rechtsstaates zu richten.