Kantine des Berliner Ensembles. Er erzählt gleich, ziemlich lustig, dass die FDP, die wegen der fairen Theaterpreise von der nahe gelegenen Parteizentrale gerne zum Mittagessen vorbeikam, sich seltener blicken lässt: "Können die sich nicht mehr leisten." Leander Haußmann, der große Spaßmacher, Charmeur, Quasselkopf im deutschen Kulturbetrieb ("Ich kann nicht anders als oberflächlich sein"). Man ist dauernd aufgefordert, seine Witze zu verzeihen, dabei wäre man besser damit beraten, den im Osten Deutschlands aufgewachsenen Theater- und Kinoregisseur als großen Geschichtenerzähler ernst zu nehmen: Wegen seiner Filme (Sonnenallee), zuletzt wegen des schönen Erinnerungsbuchs Buh wissen wir, dass die DDR ein grandioser, letztlich noch völlig unaufgearbeiteter Stoff ist. Halbe Käseschrippen, hart gekochte Eier: Im BE soll er den Hamlet auf die Bühne stellen.

Das schwarze Hornbrillengestell. Die weitsichtigen Augen hinter den Brillengläsern suchen nach der nächsten Pointe. Kann man mit ihm über Politik reden? "Wenn Sie akzeptieren, dass ein klarer Gedanke sofort aufgegeben wird, wenn der nächste um die Ecke biegt, gerne." Grinsen. Sein süßer Ostberliner Singsang, sein niedlicher Mittfünfziger-weigert-sich-erwachsen-zu-werden-Charme. Mindestlohn: Berührt ihn so ein Thema? Er redet jetzt engagiert und aufgeräumt darüber, dass auch Schauspieler natürlich einen Mindestlohn verdienten. Weltspiegel: Auf welchen Teil des Erdballs müssten wir seiner Meinung nach viel öfter gucken? Russland. Das mache ihm Sorgen. "Es kann doch nicht sein, dass ein Land, das so groß ist und so zentral liegt, einen Präsidenten hat, dem man Morde zutraut. Also ..."

Frage an den Ostmenschen Leander Haußmann: Wie geht es den noch immer neuen Bundesländern? "Es geht uns doch gar nicht so schlecht." Das Grinsen kann er echt gut. Die Trotzphase, in der der Osten beleidigt darüber war, dass der Westen ihn so einfach übernehmen konnte, die sei so langsam abgeschlossen.

Jetzt tritt plötzlich, hoppla!, Wolf Biermann (76-jährig, klein, mit Barbour-Jacke und weißem Schnauzbart) an den Tisch, und zwischen den beiden Männern entspinnt sich ein Gespräch. "Wen hast du eigentlich gewählt?", fragt Leander. "Na, Merkel. Weil sie die letzte Sozialdemokratin ist", erklärt Wolf, und Leander triumphiert: "Genau wie ich! Weil wir beide Linke sind!" Freudiges Einverständnis. Die beiden wetteifern jetzt um die besten Stasi-Anekdoten aus den siebziger und achtziger Jahren. Vieldeutig letzte Worte des alten Liedermachers: "Locker bleiben." Irrer Auftritt.

Alkohol, Partys, Stasi, viele tolle Themen. Haußmanns Prinzip ist, dass unter tausend herausgequatschten Worten mindestens dreißig stecken, die der Rede wert sind – das muss man einfach gerne haben, und, lustig, das funktioniert auch. Der Hamlet, erklärt Haußmann, löse einem die Zunge, er setze das Bedürfnis frei, sich über Kunst, Theater und das Leben zu äußern. Na, da hat er sich doch das richtige Stück ausgesucht. Hat Haußmann eigentlich erfunden, dass man als deutscher Kulturschaffender berlinern darf?

Und abschließend noch eine tiefsinnige Frage an den großen Theatermacher und Philosophen Leander Haußmann: Wie sah das letzte hübsche Mädchen aus, das er getroffen hat? Der Regisseur erklärt, dass er mit seiner Freundin, der Schauspielerin Annika Kuhl, seit 18 Jahren eine Beziehung führe, die es ihm leicht mache, auf diese Fragen ganz ohne Scheinheiligkeit ihren Namen zu nennen: "Wir lieben uns. Wir können uns aber eigentlich nicht leiden. Verstehste?"

Die Quatscherei, man ahnt es, kennt weder Anfang noch Ende, aber viele schöne Momente.