"Das Provokante verblasst" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Böhmermann, Sie gelten als eines der größten Moderatorentalente; mit Ihnen versucht der öffentlich-rechtliche Rundfunk, jüngeres Publikum zu erreichen.

Jan Böhmermann: Ja, lustig, oder? Dabei bin ich gar nicht so gut. Und auch schon 32 Jahre alt.

ZEIT: Der durchschnittliche Zuschauer von ARD und ZDF ist über 60. Deshalb planen die Sender jetzt auch einen Jugendkanal. Was halten Sie von dieser Strategie?

Böhmermann: Ich denke, der Jugendkanal ist total scheißegal. Damit lösen die Sender ihr Problem mit den jungen Zuschauern nicht.

ZEIT: Warum nicht?

Böhmermann: Hören Sie mal! Es sind doch die jungen Menschen, die diese Gesellschaft tragen. Und die sollten keinen Jugendkanal bekommen, sondern einen Hauptkanal, mit einem Hauptprogramm. Die alten Leute sollen sich gefälligst anpassen. Oder einen Seniorenkanal kriegen.

ZEIT: Das war jetzt die erwartbare Böhmermann-Provokation ...

Böhmermann: Dann also anders: Man kann doch nicht ausgerechnet die Jugendlichen auslagern, sie quasi in eine Turnhalle sperren und die Türen zumachen. Wenn die Programmmacher beim Blick durchs verschmierte Fenster doch irgendetwas sehen, was ihnen gefällt, kommt es auf den Erwachsenenkanal? Nein. Es muss umgekehrt funktionieren. Kluges, junges Programm muss an relevanter Stelle gezeigt werden.

ZEIT: Ihre neue Sendung, das Neo Magazin läuft vom 31. Oktober an – aber nicht an relevanter Stelle im Hauptprogramm, sondern auf dem Spartenkanal ZDFneo.

Böhmermann: Ja. Nachvollziehbar. Da kann nicht allzu viel kaputt gehen.

ZEIT: Heißt arbeiten für einen Nischensender auch: arbeiten für ein Nischengehalt?

Böhmermann: Nein, der Beruf des Moderators ist ein sehr angemessen bezahlter Job.

ZEIT: Viele glauben, alle, die beim Fernsehen arbeiteten, seien stinkreich.

Böhmermann: Das gilt doch nur für die da oben: Kerner, Pilawa, Jauch. Ich werde wie ein kleiner Angestellter im öffentlichen Dienst bezahlt.

ZEIT: Würden Sie nicht auch gerne mal richtig viele Zuschauer erreichen?

Böhmermann: Natürlich! Ich möchte, dass so viele Leute wie möglich sehen, was ich mache. Aber ich stelle mich nicht mit der Mistgabel und einem brennenden Reisigbündel vor die Tür des Hauptprogrammchefs und brülle: "Ich will hier rein!" Dem bleibt ja schon rein aus demografischen Gründen nichts anderes übrig, als mich eines Tages eintreten zu lassen. Die Sender, auch die Privaten, würden ja sonst immer mehr zu einer Art Entertainerhospiz.

ZEIT: In einem Videoclip, mit dem Sie Ihre Sendung bewerben, rechnen Sie mit dem Hauptprogramm ab und beleidigen alles, was im deutschen Fernsehen Rang und Namen hat. In ironischem Ton sagen Sie: "Wir haben spannende Wetten, enthusiastische Ostdeutsche, es wird gekocht."

Böhmermann: Es stimmt mich als 32-Jährigen nicht gerade hoffnungsfroh, Sendungen wie Das ist Spitze sehen zu müssen, ein ARD-Remake des ZDF-Klassikers Dalli Dalli. Programmmacher gehen offenbar davon aus, dass die Zuschauer das sehen wollen. Oh je. Für mich ist das noch nicht mal eine vage Fernseherinnerung. Als Dalli Dalli- Moderator Hans Rosenthal vor 26 Jahren gestorben ist, war ich sechs. Das sind einfach Sendungen für eine andere Generation. Stoff für den Seniorenkanal.

Ich habe 50.000 Follower, das entspricht der Größe einer kleinen Zeitung

ZEIT: Ihre Talkshow Roche & Böhmermann wurde vom Medium Magazin als "Ausnahmeerscheinung in der uniformen deutschen Talkshow-Fließbandproduktion" bezeichnet, die Sendung erhielt viele Preise. Bei Whiskey und Zigarettenrauch provozierten Sie Ihre Gäste: Der Sänger Max Herre verließ sogar die Sendung.

Böhmermann: Das war so nicht geplant.

ZEIT: Na ja, Sie haben Herre mehrfach beleidigt.

Böhmermann: Er quält die Menschen ja auch bis heute mit seinen Schlagern. Außerdem setzt er mit Anfang vierzig immer noch Pudelmützen auf. Statt die Show zu verlassen, hätte er auch sagen können: Was wollt ihr von mir? Ich bin Max Herre, ein Star, habe einen Arsch voll Kohle auf dem Konto, ist mir doch egal, was ihr sagt.

ZEIT: Auf eine Provokation eine Gegenprovakation – reicht das aus für gutes Fernsehen?

Böhmermann: Das Provokante verblasst, aber das Unterhaltsame muss bleiben. Das war der Nachteil an Roche & Böhmermann: Leute einladen und auf gut Glück hoffen, eine lustige Stunde hinzukriegen, kann man nicht ewig machen. Hat man den Anspruch, länger als nur ein paar Wochen gutes Fernsehen machen zu wollen, kann das nicht das Geheimrezept sein.

ZEIT: War das der Grund dafür, dass Charlotte Roche und Sie sich als Moderatorenteam trennten und die Sendung nicht weiterführten?

Böhmermann: Kann sein. Aber im Neo Magazin will ich nicht nur mit der größtmöglichen Provokation rausgehen, sondern mit guter Unterhaltung. Ich habe mir als Sendungsmaskottchen ein öffentlich-rechtliches Tier gewünscht, einen Dinosaurier, genauer den Triceratops; er ist gefährlich, potent und gut aussehend, galt aber bislang als ausgestorben – im Grunde wie mein Arbeitgeber, das ZDF.

ZEIT: Welche Rolle spielen Soziale Netzwerke?

Böhmermann: Wir beim ZDF gehen damit generell sehr ... ich will jetzt nicht sagen "antiquiert" um. Vielleicht also lieber: vorsichtig. Ich nutze Twitter und Facebook mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie das Telefon, das Handy und E-Mails. Es ist ein Kommunikationsmittel, aber als solches nie Thema für mich. Wenn ich twittere, mache ich das, weil ich Bock drauf habe.

ZEIT: Was mögen Sie daran?

Böhmermann: Ich habe 50.000 Follower, das entspricht der Größe einer kleinen Zeitung. Denen kann ich mit einem kleinen Huster mitteilen, was Sache ist. Ich komme ins Gespräch mit anderen und nehme an einem Kulturdiskurs teil, der sich aus den Feuilletons ins Netz verlagert und immer mehr auf Twitter stattfindet.

ZEIT: Mit Ihrem Neo Magazin werden Sie gegen sich selbst senden: Zeitgleich läuft Ihre LateLine Show, eine Art Late-Night-Sendung zu einem Thema auf dem ARD-Kanal Eins Plus. Ist das Absicht von ZDF und ARD?

Böhmermann: Ich habe mir gewünscht, endlich ernst zu nehmende Konkurrenz zu bekommen.

ZEIT: Es wirft wohl eher die Frage auf, wie öffentlich-rechtliche Sender in Zukunft zusammenarbeiten. Könnte ein Vorgeschmack auf den Abstimmungsprozess sein, der beim Jugendkanal bevorsteht. Sie könnten die Zuschauer der einen Sendung auffordern, zur anderen umzuschalten.

Böhmermann: Hätte man mir verboten, die jeweils andere Show zu erwähnen, hätte ich das nicht machen können. Das ist schon etwas, das ich mir in den vergangenen zehn Jahren erkämpfen musste: Vertrauen. Und Offenheit. Den Elefanten im Raum ansprechen.

ZEIT: Welchen Elefanten?

Böhmermann: Die Strukturen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind hierarchisch und ziemlich starr. Es ist manchmal frustrierend, zu sehen, wie weit die Arbeit der Redakteure von Inhalten entfernt ist, besonders im vernachlässigten Fach der Unterhaltung. Doch wenn man kontroverse, spannende und ungewöhnliche Sendungen machen und neue Impulse setzen möchte, bringen einem Hierarchien, alte Showkonzepte oder die beste Marktforschung nichts, solange der Mut fehlt. Das ist der Elefant im Raum.

ZEIT: Der Mut wozu genau?

Böhmermann: Es fehlt der Mut zu Neuem und der Mut, streitbar zu sein. Sich überhaupt als Programmmacher zu verstehen – und nicht vor allem als festangestellter Gehaltsbezieher mit gesicherter Altersvorsorge. Es muss dort langsam was passieren, sonst werden ARD und ZDF von der Funke Mediengruppe aufgekauft. Dann ist Schluss mit Strukturreformideenfindungskonferenz und Programmrichtlinienarbeitsgruppe.

ZEIT: Ihre Sendungen wirken anarchisch, manchmal sind sie so planlos, dass sie ins Chaos abgleiten. Wie viel Kontrolle über das Geschehen brauchen Sie als Moderator?

Böhmermann: Ich habe live schon vieles erlebt: einen Anrufer, bei dem ich erst in der Mitte des Gesprächs merkte, dass er offenbar geistig verwirrt war; oder einen Typ, der Holocaust-leugnende Witze machte. Ich bin mittlerweile ganz gut trainiert, mit allen Situationen umgehen.

ZEIT: Wie gehen Sie generell mit Kritik um?

Böhmermann: Ich lese alle Kritiken, immer. Darum habe ich gelernt, eine Fernsehperson mit meinem Namen von mir selbst zu abstrahieren. Sonst könnte ich das alles gar nicht machen.

ZEIT: Warum denn nicht? So wehleidig?

Böhmermann: Kritik trifft einen natürlich immer persönlich. Immer. Wenn man im Fernsehen arbeitet, dann muss man sich von jedem Fuzzi kritisieren lassen, jeder hat das Recht, dir zu sagen: Passt mir nicht, sieht scheiße aus.

"Ich beneide Markus Lanz überhaupt nicht"

ZEIT: Worin genau besteht Ihr Anspruch an das Fernsehen?

Böhmermann: Ach, Anspruch. Ich will ja nicht Wetten, dass..? neu erfinden.

ZEIT: Wollen Sie nicht?

Böhmermann: Nein: Mit einer 200-köpfigen Redaktion die seit 30 Jahren erfolgreichste Fernsehsendung Europas zu machen – wie will man da als kleiner Moderator neue Ideen einbringen?

ZEIT: Das Problem von Wetten, dass..? ist nicht Markus Lanz, sondern die Redaktion?

Böhmermann: Nie würde ich sagen, dass Wetten, dass..? ein Problem hat. Allein aus Angst vor der Hand des mächtigen ZDF, meines geliebten Arbeitgebers. Wenn ich Wetten, dass..? übernehmen würde, hätte die Show ein Problem. Ich würde aus dem Stand mit der ersten Sendung zweieinhalb Millionen Zuschauer erreichen.

ZEIT: Sie würden also die Zuschauerzahl um zwei Drittel reduzieren.

Böhmermann: Der Punkt ist: Ich beneide Markus Lanz überhaupt nicht. Was ich ehrlich anerkenne, ist, dass er das kann – sich da hinstellen und auch die Kritik ertragen. Wenn man Wetten, dass..? moderiert, müssen einem gewisse Dinge egal sein, man muss professionell sein. Das hat auch was mit Können zu tun. Dass er diese Sendung machen will und kann, darum beneide ich Markus Lanz ehrlich.

ZEIT: Sie haben drei Jahre lang für Harald Schmidt gearbeitet. Ist er Ihnen eigentlich Vorbild?

Böhmermann: Er ist ein Pionier für intelligentes Fernsehen. Damit hat er Klaas Heufer-Umlauf, Olli Schulz und mir den Weg geebnet. Bevor Schmidt kam, war alles andere Klamauk. Er ist der lustigste 61-Jährige, den ich kenne.

ZEIT: Kein Klamauk, dafür intelligentes Fernsehen – geht es etwas konkreter? Was macht das, was Sie tun, zu intelligentem Fernsehen?

Böhmermann: Ich bin leider nicht intelligent genug, um diese Frage zu beantworten. Ich hoffe, diese Antwort beantwortet Ihre Frage.

ZEIT: Gibt es etwas, von dem Sie wissen, dass Sie es nicht können?

Böhmermann: Ich kann nicht ernst sein. Das wurde mir auch schon zum Verhängnis. Als Volontär habe ich bei Radio Bremen eine Nachricht eingesprochen, es ging um einen Terroranschlag im Gazastreifen. Aber durch meine Stimmlage klang das wie ein Witz, ich musste gehen. Als Nachrichtensprecher tauge ich nicht.

ZEIT: Konnten Sie nie ernst sein?

Böhmermann: Nein, es ist so ein Familiending.

ZEIT: Familie Böhmermann pflegt den Unernst?

Böhmermann: Ja, es hängt wohl mit unserer Geschichte zusammen. Meine Großeltern mütterlicherseits sind Anfang der siebziger Jahre aus Polen nach Deutschland ausgewandert. Mitsamt ihren sechs Kindern, darunter meine Mutter, landeten sie in Aufenthaltslagern. Ohne einen einzigen Bekannten und ohne Job fingen sie ein neues Leben an – in der völligen Fremde.

ZEIT: Ohne Geld kamen sie nach Deutschland?

Böhmermann: Genau. In der Eile hatten sie ihren Bauernhof günstig an einen Nachbarn verkauft, aber das ganze Geld ging für die Papiere drauf, die sie für Deutschland brauchten. Mein Opa hat dann Gleise gebaut, bis er in Rente ging.

ZEIT: Und der Rest der Familie?

Böhmermann: Alle mussten sehen, wie sie durchkommen. Und alle haben es irgendwie geschafft. Deshalb gibt es nur wenige Dinge, über die wir uns wirklich aufregen können. Ernst sein ist nur für sehr wenige Situationen die richtige Grundeinstellung. Am wenigsten für ernste.

ZEIT: Hört sich nach großer Gelassenheit an. Sie wirken aber eher ziemlich aufgekratzt.

Böhmermann: Ja, ich wollte immer schon im Mittelpunkt stehen. Ich habe meine Mutter früher so lange genervt, bis sie mich in den Kinderzirkus gesteckt hat, und in der ersten Klasse wollte ich unbedingt den Knasterbax im Schülertheater Knasterbax und Siebenschütz spielen.

ZEIT: Wieso wurden Sie kein Schauspieler?

Böhmermann: Mein Vater ist an Leukämie gestorben, als ich 17 war. Es ging mir also nicht vorrangig um Selbstverwirklichung, sondern auch ums Geldverdienen und Existenzsichern. Versuchen Sie das mal als Schauspieler, besonders mit meiner Physiognomie. Bei der Lokalzeitung bekam ich 40 Pfennig pro Zeile, da habe ich mich gefreut, das Geld konnte ich gut gebrauchen.

ZEIT: Haben Sie Angst, mit Mitte vierzig zu merken, dass Sie feststecken – weil das, was Sie vom Fernsehen wollten, nicht funktioniert hat?

Böhmermann: Ich bin glücklicherweise sehr marktgläubig. Wenn es nicht mehr weitergeht mit dem Fernsehen, dann muss das Medium eben selbst sehen, wie es ohne mich klarkommt.