In Brione, einem Dorf, hinter dem wie eine mächtige Pyramide der Poncione d’Alnasca aufragt, befinden sich die Schule und der Kindergarten für das ganze Tal, die Jüngsten rufen mir aus dem Hof heraus ciao! zu. Ansonsten steht der Nachmittag still, nur ein paar Wanderer umkreisen die geschlossene Kirche, die Fresken darin sollen großartig sein. Eine alte Frau sitzt an die Hausmauer gelehnt in ihrem Gärtchen und saugt die Sonne auf wie eine Echse. Der heiße Wunsch nach einem kalten Getränk treibt mich durch die Gassen, aber – "das Gasthaus hat zugemacht, leider", sagt ein junger Mann, der in Arbeitskleidung aus einem Haus kommt, und da erinnere ich mich an ihn: Er saß in der Wirtsstube von Sonogno; jetzt weiß ich, warum. Immerhin gibt es, anders als in Sonogno oder Frasco, einen kleinen Supermarkt.

Die Verzasca wird immer wasserreicher, kleine Bäche münden hinein, immer wieder führt der Weg über hölzerne Brücken. Der Fluss, der mich anfangs ein wenig enttäuschte, ist jetzt sehr eindrucksvoll. Zwischen riesigen, bizarr geformten Steinen liegen Becken in allen Tönungen von türkis bis smaragd. In der Gemeinde Lavertezzo, unter der Brücke Ponte dei Salti, leuchtet das Wasser in der Dämmerung, dass jede karibische Bucht dagegen verblasst. Folgerichtig hat an der Straße daneben der Tauchclub sein Vereinsheim.

Am nächsten Tag steige ich vom Talboden nach Corippo hinauf, obwohl die Jungen aus Sonogno einen solchen Bogen nie geschlagen hätten. Umwege sind ein Privileg derer, die zum Vergnügen wandern. Und Corippo ist einfach zu schön, um es nur aus der Ferne zu betrachten: eine perfekte steinerne Komposition wie aus dem Hang gewachsen, Studienobjekt von Architekten, streng denkmalgeschützt. Ein Briefträger liefert die Post aus für die elf ständigen Einwohner, die ungefähr doppelt so alt sind wie er selbst. Für den Friedhof wurde am Ortseingang eine Terrasse angelegt, es gibt sonst nirgendwo genügend ebene Fläche.

Tief unten sieht man jetzt nicht mehr die Verzasca, sondern den Beginn eines Sees. Das alte Tal ist im Stausee ertrunken, der 1965 durch den Damm bei Vogorno entstand. Ich kann mir nur vorstellen, wie unter der großen grünen Spiegelfläche das Tal so schmal wird, "als wäre es mit einem schartigen Messer in die Berge hineingeritzt" – so heißt es im Roman. Als ich mich der Staumauer nähere, bemerke ich die vielen Menschen, die darauf stehen: Der Damm ist eine Attraktion, 220 Meter hoch, sehr beliebt bei Bungeespringern. Wie seltsam müssten solche Herausforderungen den Bewohnern von damals erscheinen, die froh waren, wenn sie ihr Leben nicht bei alltäglichen Verrichtungen ließen – beim Mähen der steilen Wiesenüberhänge, im Gewitter auf der Alm. Ich schaue noch einmal ins Tal zurück, es sieht unberührt aus, verschlossen und wild.

Nun glitzert in der Ferne schon der Lago Maggiore, lockt mit Licht, Weite, Sanftheit. Gordola, für Giorgio "schöner als jedes Dorf, das er bisher gesehen hatte", ist längst nicht mehr dörflich. Tenero, Minusio, schon bin ich wieder zwischen Wohnanlagen, Einkaufszentren, Straßenkreuzungen. Nach der Stille des Tals kommt das alles als gelinder Schock, aber nein: Ich bin nicht versucht zu sagen, dass früher etwas besser war.