Montag, 31. März 1969, Wien, Hotel Sacher. Ein Raum voller Reporter. Vor ihnen auf dem Boden stecken zwei Menschen in einem weißen Sack, weigern sich, auch nur einen Finger herauszustrecken, und beantworten bereitwillig alle Fragen. Es geht um den Frieden, irgendwie. Plötzlich beginnt John Lennon zu singen: "Those were the days, my friend ..." Der Song ist die zweite Hitsingle seiner neuen Plattenfirma Apple. Neben ihm antwortet Yoko Ono mit einem alten japanischen Volkslied. "Ah, die singenden Säcke", ruft jemand. Radioreporter André Heller, spitzes Kinn, spitze Nase, hautenger, knöchellanger Ledermantel, versucht es mit einer provokanten Frage. "Was würden Sie machen, sollten Sie eines Morgens impotent aufwachen?"

"Masturbieren", antwortet der unsichtbare Beatle ungerührt.

"Ach, das war schon ziemlich unbequem, aber auch sehr aufregend", erinnert sich heute Yoko Ono. Und, ja, nachdem die Medienmeute wieder den Raum verlassen hatte, hätten die beiden dann noch ein Stück von diesem berühmten Schokoladenkuchen gekostet.

Yoko Ono sitzt in ihrer Hotelsuite inmitten der Weinberge. Der Rummel um sie herum ist groß. Sie ist anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung mit ihrem Lebenswerk in der Kunsthalle von Krems in die Wachau gekommen. Eine reizende alte Dame im eleganten schwarzen Hosenanzug, die unverzichtbare Sonnenbrille auf der Nase, ein graues Hütchen kokett schräg auf den Kopf gesetzt. Mit ihren 80 Jahren wirkt sie fragil und verletzlich, zugleich aber auch äußerst agil und selbstbewusst. Es gelingt ihr nicht, dem Schatten, längst eine lebende Legende zu sein, zu entrinnen. Am Ende der Retrospektive, fast versteckt inmitten der übrigen Exponate, findet sich eine Videoinstallation, die im vergangenen Jahr entstanden ist. A Short Story of a Long Life heißt sie und zeigt in Endlosschleife Yoko Ono, die in einer Art expressivem Ausdruckstanz die Gespenster ihres Lebens zu verscheuchen sucht. "Es war ja ein ständiges Rauf und Runter, eine Hochschaubahn", sagt sie, und wie zur Bestätigung schickt sie ein spitzbübisches Lachen hinterher.

Heute hat Yoko Ono, der Name bedeutet "Meereskind", alle Schmähungen und Enttäuschungen hinter sich gelassen. Alle haben Spuren im Werk der letzten lebenden Fluxus-Künstlerin hinterlassen. "Feststellung", heißt es in einem biografischen Gedicht, das sie vor vielen Jahren schrieb: "Leute haben Teile von mir abgeschnitten, die sie nicht mochten, bis nur noch ein Stein von mir übrig war, der ich war, aber sie hatten nicht genug und wollten wissen, wie es sich anfühlt, ein Stein zu sein."

Als 13-jähriges Mädchen entkam die behütete Bankierstochter nur knapp dem Flammeninferno, in das amerikanische Brandbomben die Holzhäuser von Tokio verwandelt hatten. In späteren Jahren setzte sie sich gegen alle Geringschätzungen durch, als sie die erste Frau in Japan war, die zum Philosophiestudium zugelassen wurde. "Ich muss meinem Glücksstern dankbar sein", meint Yoko Ono, "schon meine Großmutter war ein Blaustrumpf, und auch meine Mutter war auf ihre eigene, stille Art eine Feministin."