In dem elsässischen Garnisonsstädtchen Zabern nördlich von Straßburg kommt es am 28. Oktober 1913 zu einem kuriosen Zwischenfall. Gerade hat das dort stationierte Infanterieregiment mit dem täglichen Drill auf dem Kasernenhof begonnen, da wirft sich der erst 20-jährige Leutnant Günter Freiherr von Forstner in Positur und ermahnt die Rekruten, allem Streit mit Zivilisten aus dem Weg zu gehen. Würden sie aber angegriffen, dann sollten sie ordentlich von ihrem Seitengewehr Gebrauch machen. "Und wenn Sie dabei so einen ›Wackes‹ über den Haufen stechen, so schadet es nichts. Sie bekommen von mir dann noch zehn Mark Belohnung."

"Wackes" ist für die Elsässer ein Schimpfwort, bedeutet es doch "Strolch" oder "Taugenichts". Preußischen Offizieren, die ins Elsass abkommandiert werden, ist es per Erlass verboten, diesen bösen Ausdruck im Verkehr mit der einheimischen Bevölkerung zu gebrauchen. Allerdings scheint das Verbot nicht besonders wirksam gewesen zu sein, schon gar nicht auf dem Kasernenhof.

Einige elsässische Rekruten, die sich durch das nassforsche Gerede des Leutnants verletzt fühlen, informieren die Presse. Am 6. November bringt der Zaberner Anzeiger einen ersten Bericht; er löst sofort Empörung aus. Im Nu weitet sich der Vorfall zu einer hochbrisanten Krise aus.

Zündstoff gibt es in den 1871 von Bismarck dem Reich einverleibten ehemaligen französischen Grenzprovinzen schon seit Langem. Elsaß-Lothringen ist kein selbstständiger Bundesstaat, sondern besitzt den Sonderstatus eines "Reichslandes". An der Spitze der Zivilverwaltung steht ein Statthalter in Straßburg, der – ebenso wie der dort stationierte Korpskommandeur – direkt dem Kaiser unterstellt ist. Auch die Verfassungsreform von 1911 bringt trotz mancher Verbesserungen nicht die gewünschte volle bundesstaatliche Gleichberechtigung. So fühlen sich viele Elsässer auch vierzig Jahre nach der Annexion immer noch als "Deutsche zweiter Klasse".

Umgekehrt führen sich die preußischen Offiziere in Elsaß-Lothringen wie Besatzer auf. Ihnen fehlt jedes Verständnis für die aus langer Zugehörigkeit der Bevölkerung zu Frankreich erwachsenen kulturellen Bindungen und republikanischen Traditionen. Durch ihr schroffes Auftreten und ihre kastenartige Absonderung verstärken sie die Abneigung der Einheimischen. Seit der Jahrhundertwende häufen sich die Übergriffe der Militärs und, im Gegenzug, frankophile Kundgebungen.

Vielleicht hätte die Situation in dem 9.000-Einwohnerstädtchen Zabern (französisch: Saverne) noch einmal entschärft werden können, wenn der Übeltäter, Leutnant von Forstner, gleich zu einem Regiment außerhalb des Reichslandes versetzt worden wäre. Doch davon will der Regimentskommandeur in Zabern, Oberst Ernst von Reuter, nichts wissen: Jedes Zurückweichen vor dem Druck der Öffentlichkeit kommt für ihn einem Prestigeverlust des Militärs gleich. In dieser Haltung bestärkt ihn der Kommandierende General in Straßburg, Berthold von Deimling, der bereits an der Vernichtung der aufständischen Herero in Südwestafrika 1904 beteiligt gewesen ist. Am 11. November ermahnt er den Oberst, "bei Widerstand rücksichtslos zum Waffengebrauch zu schreiten".

Es geht um ein Exempel im Kampf gegen die "jüdische Demokratie"

Dennoch kommt es in Zabern zu Demonstrationen. Wo immer sich Forstner blicken lässt, ist er dem Spott der Einwohner ausgesetzt, und immer wieder ertönen die Rufe "Vive la France!" und "Merde la Prusse!". Und der junge Leutnant gießt weiter Öl ins Feuer. In einer Instruktionsstunde warnt er die Rekruten vor einem Eintritt in Frankreichs Fremdenlegion: "Auf die französische Fahne könnt ihr scheißen!" So berichtet es jedenfalls der Zaberner Anzeiger am 15. November. Nun horcht auch die Presse in Frankreich auf und beginnt sich mit den Vorgängen im Elsass zu beschäftigen.

Seinen Höhepunkt erreicht der Streit am Abend des 28. November. Wieder haben sich einige Hundert, zumeist jugendliche Demonstranten auf dem Platz vor der Kaserne versammelt. Daraufhin lässt Kommandeur Reuter drei Abteilungen, 60 bis 80 Mann, mit scharfer Munition ausrücken. Panik bricht aus. Wahllos greifen sich die Soldaten aus der zurückflutenden Menge Menschen heraus, darunter einen Landgerichtsrat, der zufällig des Weges gekommen ist und gegen das Vorgehen der Militärs protestiert hat. Da die Wachstube der Kaserne nicht für alle Verhafteten ausreicht, werden sie kurzerhand über Nacht in einen finsteren Keller gesperrt.

Misstrauensvotum und doch weiterhin Reichskanzler

Mit dieser Machtdemonstration aber hat Reuter eine Grenze überschritten und sich Befugnisse der Zivilverwaltung angemaßt. Einen Abgesandten der Kreisdirektion, der ihn auf das Gesetzwidrige seines Vorgehens aufmerksam macht, fertigt er mit den Worten ab, er betrachte es geradezu als "ein Glück, wenn jetzt Blut fließt". Zu lange schon habe er dem Treiben zugesehen, nun sei er es "der Armee schuldig, ihr Respekt zu verschaffen". Deimling in Straßburg, der noch am Abend unterrichtet wird, kommentiert trocken: "Mars regiert die Stunde!", womit er zu erkennen gibt, dass ihm Wallensteins Tod vertrauter ist als Recht und Verfassung. Offensichtlich wollen die Militärs ein Exempel statuieren, um ein für alle Mal vor Augen zu führen, wer Herr im Staate ist.

Nicht nur in Elsaß-Lothringen, sondern auch in liberalen und sozialdemokratischen Kreisen im übrigen Kaiserreich lösen die Zaberner Ereignisse Entrüstung aus. Landauf, landab werden Protestversammlungen abgehalten und Solidaritätsadressen verabschiedet. Längst geht es nicht mehr um das Fehlverhalten einzelner Offiziere. Vielmehr ist nun eine Grundsatzfrage aufgeworfen, die an den Kern der wilhelminischen Verfassungsordnung rührt: die Dominanz der militärischen über die zivilen Gewalten. Zabern wird zum Symbol militaristischer Willkür, eines sich über alle rechtlichen Schranken hinwegsetzenden preußischen Pickelhauben-Regiments.

Noch einmal sorgt Leutnant von Forstner dafür, dass sich dieses Bild verfestigt. Am frühen Morgen des 2. Dezember führt er seine Kompanie durch den Flecken Dettweiler bei Zabern. Arbeiter auf dem Weg zu einer nahe gelegenen Schuhfabrik erkennen ihn und reizen ihn mit spöttischen Zurufen. Wutentbrannt lässt der Leutnant seine Mannen ausschwärmen. Doch nur ein lahmer 19-jähriger Schustergeselle, der nicht rasch genug Reißaus nehmen kann, fällt in ihre Hände. Als er sich wehrt, zieht Forstner blank und haut ihn zu Boden. Auch diese neuerliche "Heldentat" steigert die allgemeine Erregung.

Wenig Feingefühl der Reichsregierung

Einen Tag später, am 3. Dezember, tritt in Berlin der Reichstag zusammen, um über die Affäre zu beraten. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, der im Juni 1909 Fürst Bernhard von Bülow abgelöst hat, befindet sich in einer misslichen Lage. Wohl erkennt er, dass die Militärs in Zabern ihre Befugnisse überschritten haben, doch weiß er auch: Er darf seine Kritik an ihrem Vorgehen nur vorsichtig vortragen, will er nicht seinen Rückhalt beim Kaiser aufs Spiel setzen. So tadelt er einerseits das Verhalten Forstners als grobe "Ungehörigkeit", spricht aber andererseits der Armee das Recht, ja die Pflicht zu, ihre Autorität gegen Angriffe aus der Bevölkerung zu schützen: "Der Rock des Königs muss unter allen Umständen respektiert werden."

Lage höchst kritisch, das gesamte Ausland lacht sich ins Fäustchen.
Vizeadmiral Albert Hopman

Ist schon diese Erklärung kaum geeignet, die erregten Gemüter zu besänftigen, so trägt der nächste Redner im Hohen Haus, Kriegsminister Erich von Falkenhayn, erst recht dazu bei, die Abgeordneten aufzubringen. In schneidigem Kasinoton macht er "lärmende Tumultuanten und hetzerische Pressorgane" für die Vorkommnisse im Elsass verantwortlich. Darauf erhebt sich ein Proteststurm, wie ihn das Parlament noch nicht erlebt hat. Minutenlang kann der Minister nicht weiterreden. Kaum hat er, durch Zwischenrufe unterbrochen, seine Rede beendet, eilt der Zentrumsmann Konstantin Fehrenbach nach vorn und zitiert die Schlussverse aus dem zweiten Teil von Goethes Faust: "Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis; / Das Unbeschreibliche, / Hier ist’s getan." Und weiter erklärt er unter dem Beifall des Hauses: "Auch das Militär untersteht dem Gesetz und dem Recht, und wenn wir zu den Zuständen kämen, das Militär ex lex zu stellen und die Zivilbevölkerung der Willkür des Militärs preiszugeben, dann, meine Herren: finis Germaniae!"

Am Ende der turbulenten Debatte, am 4. Dezember, nimmt der Reichstag mit 293 gegen 54 Stimmen bei vier Enthaltungen einen Antrag an, der dem Kanzler das Misstrauen ausspricht – eine schwere Niederlage für Bethmann Hollweg. Nur die Konservativen halten noch zu ihm; die Nationalliberalen, das Zentrum, die Freisinnigen und die Sozialdemokraten haben geschlossen gegen ihn gestimmt. "Lage höchst kritisch, das gesamte Ausland lacht sich ins Fäustchen", notiert Vizeadmiral Albert Hopman, ein ranghoher kaiserlicher Marineoffizier, in sein Tagebuch.

In jedem parlamentarisch regierten Staat hätte das klare Votum den sofortigen Rücktritt der Regierung zur Folge haben müssen. Doch im kaiserlichen Deutschland ist der Reichskanzler nicht von der Zustimmung des Parlaments, sondern allein vom Vertrauen des Kaisers abhängig. Und für Wilhelm II., der für den Parlamentarismus ohnehin nur tiefe Verachtung übrig hat, steht fest, dass er nun erst recht seinen Kanzler stärken muss.

Lieber Jagen gehen als Krisen bewältigen

Wie in jedem Spätherbst hält sich der Monarch auf dem Schloss seines Freundes Max Egon II. Fürst zu Fürstenberg in Donaueschingen auf, um im Schwarzwald auf Fuchsjagd zu gehen. Hier steht er unter dem Einfluss seiner militärischen Ratgeber, die ihn höchst einseitig ins Bild setzen. "Die ganze Zaberner Geschichte", kritzelt er am 2. Dezember an den Rand eines Zeitungsberichts, "ist explosiv ein Zeichen, wie großartig die französische Hetze unter der Nase unserer Zivilbehörde unentdeckt und ungehindert gewühlt und gearbeitet hat, bis dieses Ergebnis erreicht worden ist in einer einst deutschen Stadt." Er ermuntert General von Deimling, es bei der Aufrechterhaltung der Ordnung nicht "an der nötigen Energie fehlen zu lassen".

Kronprinz Wilhelm, der älteste Sohn, pflichtet dem Vater nicht nur bei – er hoffe, dass im Falle Zabern "kurzer Prozeß mit dem verfluchten Pöbel gemacht" werde –, sondern ermahnt ihn auch, hart zu bleiben: "Die jüdische Demokratie will ja weiter nichts als Deine Kommandogewalt untergraben, und dazu ist ihnen jedes Mittel recht." Der Kronprinz fordert Deimling auf, es müsse "ein Exempel statuiert werden, um den Herren Eingeborenen die Lust an derartigen Vorfällen zu versalzen".

Am 5. Dezember, einen Tag nach dem Misstrauensvotum des Reichstags, reisen Bethmann Hollweg und Falkenhayn nach Donaueschingen. Dort hat sich auch Deimling eingefunden. Nicht ohne Ironie erinnerte sich der General später, wie ihn die kaiserliche Jagdgesellschaft, darunter zahlreiche Damen, empfing: "Mich nahmen sie unter ein Kreuzfeuer von Blicken mit und ohne Monokel oder Lorgnons. Ein paar Komtesserl mir gegenüber musterten mich halb neugierig, halb ängstlich. Sie hielten mich offenbar für so eine Art von Landvogt Geßler."

Geächtet und verhasst im eigenen Reich

Die Krisenrunde dauert nur eine Dreiviertelstunde, da Wilhelm bereits auf dem Sprung zu einer Visite in Stuttgart ist. Man kommt überein, die beiden in Zabern stationierten Bataillone vorübergehend auf einen Truppenübungsplatz außerhalb der Stadt zu verlegen. Damit soll freilich nicht nur die Lage beruhigt, sondern der Bevölkerung auch eine Lektion erteilt werden. Denn für die Zaberner Geschäftsleute bedeutet der Auszug der Garnison eine empfindliche Einbuße.

Bereits wenige Tage später rücken die Truppen mit klingendem Spiel aus Zabern ab. Die Einwohner bilden Spalier. Das Gedicht eines preußischen Offiziers, das die Rheinisch-Westfälische Zeitung veröffentlicht, hält die Szene fest: "Wir ziehen wie ein geschlagenes Heer, / von Haß umtobt und vom Spotte, / doch festen Schrittes mit klirrender Wehr / hindurch durch die zuchtlose Rotte."

Die Affäre findet ihr Nachspiel in den Verhandlungen vor dem Kriegsgericht in Straßburg. Den Auftakt macht am 11. Dezember 1913 der Prozess gegen die drei Rekruten, welche die abfällige "Wackes"-Äußerung des Leutnants der Presse gesteckt haben. Sie werden zu sechs beziehungsweise drei Monaten Arrest verurteilt.

Ein Woche später steht Forstner selbst vor den Schranken des Gerichts. Die Anklage bezieht sich nicht auf seine Entgleisung vom 28. Oktober, welche die ganze Affäre ins Rollen brachte, sondern auf den Säbelhieb, mit dem er den Schustergesellen am 2. Dezember verletzte. Der junge Offizier zeigt sich uneinsichtig, beruft sich auf die Befehle der Vorgesetzten, gegen Aufrührer "scharf vorzugehen und sich nichts gefallen zu lassen". Doch das Gericht verurteilt ihn "wegen vorsätzlicher Körperverletzung und missbräuchlichen Waffengebrauchs" zu milden 43 Tagen Gefängnis.

Am Ende steht eine weitere Niederlage des deutschen Bürgertums

Das Urteil löst in konservativen Kreisen Empörung aus. "Wenn unsere Offiziere, noch dazu solche, die fast in Feindesland stehen, die Gefahr einer custodia inhonesta [entehrenden Strafe] laufen, weil sie für Ausübung des königlichen Dienstes freie Bahn schaffen, dann erwächst dem vornehmsten Berufe Schande", erregt sich der Berliner Polizeipräsident Traugott von Jagow in einer Zuschrift an die Neue Preußische Zeitung.

Die Aufregung ist verfrüht. Denn Forstner legt Berufung ein. Der Fall kommt vor das Oberkriegsgericht, und hier wird der Leutnant im Januar 1914 freigesprochen. Er habe sich durch den Schustergesellen bedroht gefühlt, damit sei der Tatbestand der "Putativnotwehr" erfüllt.

Zur reinen Farce gerät der Hauptprozess gegen Oberst von Reuter kurz danach. Die Anklage lautet auf Freiheitsberaubung, Nötigung und widerrechtliche Anmaßung von Exekutivbefugnissen. Als Befehlshaber, verteidigt sich der Oberst, sei er verpflichtet gewesen, "für die unbedingte Herstellung der Ruhe zu sorgen, wenn die Zivilbehörde es an dem notwendigen Schutz fehlen ließ". Und die Richter schließen sich ihm vorbehaltlos an. Um den Angeklagten freisprechen zu können, greifen sie gar auf eine Kabinettsordre des preußischen Königs aus dem Jahr 1820 zurück, die den Einsatz des Militärs bei inneren Unruhen gestattete.

Der doppelte Freispruch erregt noch einmal die Gemüter. Die konservativen Blätter frohlocken. Die liberale Frankfurter Zeitung aber ist entsetzt: "Das Bürgertum hat eine Niederlage erlitten. Das ist das eigentliche und sichtbare Zeichen des Zaberner Prozesses. [...] In der Auseinandersetzung zwischen Militärgewalt und Zivilgewalt hat das Kriegsgericht das Recht der unbeschränkten Herrschaft der ersteren gegenüber dem Bürgertum statuiert."

Tatsächlich bedeutet der Ausgang der Zabern-Affäre einen Triumph der Militärs. Ende Januar 1914 zieht der zivile Statthalter in Straßburg, der für eine Politik der Aussöhnung in Elsaß-Lothringen eingetreten ist, die Konsequenzen und tritt zurück. An seine Stelle rückt der stockkonservative Hans von Dallwitz, bisher preußischer Innenminister. In den Offizierskasinos und am Berliner Hof herrscht Genugtuung. Die exklusive Sonderstellung der Armee ist gegen alle öffentliche Kritik bestätigt und jeder Eingriff in die kaiserliche Kommandogewalt abgewehrt worden.

Doch nur wenige Monate später legten die wilhelminischen Führungsschichten selbst die Axt an die Herrschaftsordnung, die sie so verbissen verteidigten. Der Krieg, den sie im Juli 1914 vom Zaune brachen, sollte mit der militärischen Niederlage auch den Untergang der Hohenzollernmonarchie besiegeln.