Als ein guter Freund sich vor einiger Zeit ein sehr schönes, schwarzes Auto englischer Herkunft kaufte, wurde er von seinen Freunden und Kollegen dafür bespöttelt, bezischelt und gescholten. Ein Vorwurf lautete: zu teuer. Wobei ein Mercedes vergleichbarer Bauart auch nicht billiger gewesen wäre. Der zweite Vorwurf: zu auffällig. Wobei auffällig schön doch gar kein Vorwurf sein könnte. Der dritte hieß: zu hoher Verbrauch, was die meisten indes gar nicht wussten, sondern bloß mal so annahmen.

Man könnte fast meinen, die Leute, jedenfalls die deutschen Leute, hätten irgendwelche protestantisch-ökologischen Vorurteile gegen Autos.

Das fiel mir wieder ein, als ich eines Sommerabends mit meinem Testfahrrad von meiner Wohnung am Lietzensee im ökologisch-bürgerlich-stuhlkreisrunden Charlottenburg zu einer Tour durch Berlin aufbrechen wollte. Das Rad ist schwarz, es ist schön und es ist recht teuer, so um die 1.700 Euro – und das sieht man auch. Die Erste, die mich aufhielt, war eine Nachbarin, die mit hochgezogener Augenbraue bemerkte, ich hätte mir da ja ein tolles Yuppie-Fahrrad gekauft. Bekennermutig entgegnete ich: Ja, aber heb es mal hoch (das Ding wiegt etwa so viel wie ein iPad). Na und, sagte sie, aber es hat keinen Gepäckträger. Als ich ihr davonfahren wollte, stoppte mich nach ein paar Metern eine alte Freundin. Neues Fahrrad? Ja. Ohne Licht? Ist ja noch fast hell. Kein Helm? Hab ich vergessen. Dann bin ich bei meinem Italiener am Stuttgarter Platz vorbeigefahren, sofort umringten mich die Kellner, großes Hallo, Bewunderung, Fragen nach dem Gewicht (des Rades), nach der Zahl der Gänge und nach dem Preis, der ihnen lächerlich gering vorkam für eine solche Rennmaschine. Ich ließ mich zu einer Vorspeise überreden, doch wohin mit dem Rad? Das darf auf keinen Fall draußen stehen bleiben, meinte einer der Kellner, wird doch sofort geklaut so ein schönes Teil, umgehend trug er es, ohne mich zu fragen, einfach in die Küche.

Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin

Es wurde dann noch etwas Wein getrunken, genau genommen so viel, dass ich das Fahrrad die 500 Meter zurück zur Wohnung schob, indes um eine Erkenntnis reicher, nicht übers Fahrrad, sondern übers Deutsche: Was teuer und auffällig ist, noch dazu schön und schnittig, wird sogar auch dann sozial abgelehnt, wenn es ökologisch ist. Es sei denn, man fährt zum Italiener.

Technische Daten

Rahmen: Aluminium
Reifengröße: 28 Zoll
Gewicht: 8,45 kg
Schaltung: 10-Gang-Kettenschaltung
Bremsen: Zweigelenk-Felgenbremsen
Basispreis: 1.699 Euro

Bernd Ulrich ist stellvertretender Chefredakteur der ZEIT