Einen gestürzten Staatschef vor Gericht zu bringen haben schon mehrere Länder geschafft. Dass allerdings gleich zweien der Prozess gemacht wird – das gibt es nur in Ägypten. Am Montag soll in Kairo das Strafverfahren gegen Mohammed Mursi beginnen. Die Anklage lautet auf Anstiftung zum Mord. Sollten Kameras im Gerichtssaal erlaubt sein, werden die Ägypter wie gebannt vor dem Fernseher sitzen – die Mehrheit voller Genugtuung, eine Minderheit mit geballten Fäusten. Die Entschlossenen unter ihnen werden auf der Straße sein, denn Mursis Anhänger haben bereits Massenproteste angekündigt. Es droht wieder eine blutige Woche in Ägypten zu werden.

Kaum jemanden kümmert es noch, dass auch gegen Mursis Vorgänger weiter verhandelt wird. Als Hosni Mubarak im August 2011 wegen Korruption und Mitschuld am Tod von Hunderten Demonstranten auf dem Tahrir-Platz angeklagt wurde, galt das als Sensation: der erste Exdiktator der arabischen Welt, der durch einen Volksaufstand gestürzt und für seine Verbrechen juristisch zur Rechenschaft gezogen wird. "Lebenslänglich", lautete das Urteil in der ersten Instanz. Mubaraks Anwälte gingen in die Berufung. Das Verfahren zog sich in die Länge, und im Laufe der vergangenen zwei Jahre besserte sich das politische Klima für den prominenten Angeklagten zusehends. Nach drei Jahrzehnten Diktatur steht Mubarak im kollektiven Gedächtnis der Ägypter in deutlich besserem Licht da als der demokratisch gewählte Mohammed Mursi nach gerade einem Jahr ebenso unfähigen wie autoritären Regierens. Also arbeiten Mubaraks Anwälte derzeit nicht nur an einem Freispruch für ihren Mandanten, sondern auch an einer Bereinigung der jüngsten Geschichte. Demnach wären 2011 nicht die Sicherheitskräfte und schon gar nicht der Präsident für die tödliche Gewalt auf dem Tahrir-Platz verantwortlich gewesen, sondern die Muslimbrüder. Das ist ein absurder Vorwurf, zumal sich die Islamisten damals nur sehr zögerlich den Anti-Mubarak-Protesten angeschlossen hatten. Aber in der gegenwärtigen Stimmung kommen Mubaraks Verteidiger damit womöglich durch.

Sicherlich gibt es auch gegen die Muslimbruderschaft einiges zu ermitteln: Fälle von Machtmissbrauch während ihres kurzen Intermezzos als Regierungspartei; die Gewalt gegen eine Anti-Mursi-Kundgebung Anfang Dezember 2012 vor dem Präsidentenpalast mit fünf Toten, für die sich der Expräsident nun vor Gericht verantworten soll; und nicht zuletzt die Hetztiraden, mit denen einige Muslimbrüder nach Mursis Sturz zur Gewalt aufriefen – allerdings unter dem Eindruck der Massaker, die Militär und Polizei angerichtet hatten.

Diese Vorwürfe aufzuklären müsste Teil einer langen und mühseligen Aufarbeitung sein – angefangen bei der Mubarak-Diktatur über die Revolution von 2011 bis zu den vergangenen chaotischen und blutigen zweieinhalb Jahren, die in die Massenproteste und den Militärputsch im Juli mündeten. Von einer solchen Aufarbeitung ist das Land jedoch weit entfernt. Stattdessen ist ein politischer und juristischer Rachefeldzug im Gang. Sämtliche politischen Aktivitäten sind den Muslimbrüdern bereits gerichtlich untersagt, ihr Vermögen ist konfisziert. Nun rollt eine Prozesswelle auf die gesamte Führungselite zu, die wohl auch sicherstellen soll, dass ihre wichtigsten Akteure von der politischen Bühne verbannt bleiben.

Diese Strategie ist im Justizapparat durchaus umstritten. Am vergangenen Dienstag legten die drei Richter im Prozess gegen den Vorsitzenden der Muslimbrüder, Mohammed Badie, und über 30 weitere Funktionäre ihre Ämter "aus Gewissensgründen" nieder, womit der Prozess auf unbestimmte Zeit ausgesetzt ist. Die Generäle rund um Abdel Fattah al-Sissi, den Oberkommandierenden der ägyptischen Streitkräfte, wird das vermutlich ebenso wenig beeindrucken wie die Mahnungen aus den USA. Aus Ärger über den politischen Kurs in Ägypten hat die Obama-Regierung gerade erst die Lieferung diverser Rüstungsgüter und Wirtschaftshilfe aufgeschoben. In Kairo wurde das mit Trotz quittiert. Schließlich fließt derzeit reichlich Geld aus den Golfstaaten. Saudi-Arabien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate – allesamt entschiedene Gegner von Muslimbruderschaften in der Region – hatten dem wirtschaftlich gebeutelten Ägypten gleich nach Mursis Sturz zwölf Milliarden Dollar Soforthilfe und Kredite in Aussicht gestellt. Ein klares Indiz, dass die Generäle ihr Vorhaben im Vorfeld finanziell abgesichert hatten und sich auch jetzt bei ihrer juristischen Aufräumarbeit der Unterstützung aus den Golfstaaten sicher sein können. Einen "bezahlten Putsch" hat denn auch Stefan Roll, Ägypten-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, den Coup genannt.