Das Herz geht ihr auf, wenn sie an diesen Mann denkt. "Sir Alex ist für mich England", sagt Pavina Haslam. 1990 zog sie mit ihrer Familie von Lahore in Indien nach Old Trafford, dem Vorort von Manchester. Old Trafford ist jedoch weit mehr als ein Vorort, eher ein Kultort. Old Trafford ist die Heimat des Fußballclubs Manchester United, Old Trafford heißt das Stadion, in dem der Verein seine größten Schlachten schlug und dabei englische und internationale Fußballgeschichte schrieb. Und Sir Alex, mit bürgerlichem Namen Alexander Ferguson, war 27 Jahre lang der Schlachtenlenker. Als Trainer gewann er mit "ManU" 38 nationale und internationale Titel. Kein Trainer war jemals länger im Amt, keiner prägte einen Verein so sehr wie Sir Alex. "Damals war ich ein Teenager, und bei drei fußballverrückten Brüdern konnte ich mich dem Virus einfach nicht entziehen", erinnert sich Pavina. Vier Jahre zuvor hatte Ferguson die Führung übernommen und damit begonnen, den stolzen Club aus dem dunklen Tal der hinteren Tabellenplätze zu führen. Und mit jedem Sieg stieg die Achtung der Menschen von Old Trafford für Alex Ferguson.

Groß war deswegen auch der Schock, als Ferguson im Mai dieses Jahres plötzlich sein Amt niederlegte. Mit 71 Jahren, befand er, sei es nun an der Zeit, von der großen Bühne abzutreten. Er wolle sich um seine Frau kümmern, erklärte er. Auf der Insel war man fassungslos, Fußball ohne Ferguson, Old Trafford ohne Sir Alex, das wollte sich niemand vorstellen.

Jetzt ist Ferguson wieder da. Nicht Kaugummi kauend vor seiner Trainerbank, sondern als Stimme aus dem Abseits: In der vergangenen Woche versammelten sich 200 ausgewählte Journalisten aus aller Welt mit einer Heerschar von Fotografen in einem prunkvollen Saal unweit des Buckingham Palace in London. Auf dem Programm stand die Vorstellung von Fergusons Autobiografie. Und die mediale Erwartungsmaschinerie sprang sofort wieder an: Dies, so twitterte ein Reporter, werde ohne Zweifel "das Fußballbuch des Jahrhunderts". Gut 400 Buchseiten, die eine Ahnung vermittelten von der Weisheit dieses Mannes. Der Augenblick sei gekommen, in dem "Ferguson-Formel" enttarnt werde und endlich die "Essenz des Fußball an sich" formuliert würde.

Wer das als branchenübliche Übertreibung abtun möchte, der sei daran erinnert, dass Alex Ferguson viel mehr war als nur ein Fußballlehrer. Dieser Mann war sogar mehr als der Club, den er formte, der sich unter seiner Regie zu einem der besten, reichsten und beliebtesten Fußballvereine der Welt veränderte.

Ferguson selbst wurde zum Phänomen. Über ein Vierteljahrhundert lang begleitete ihn der Erwartungsdruck seiner Fans, enttäuscht hat er sie – trotz schmerzlicher Niederlagen – nie. "AF" blieb sich treu, er redete niemandem nach dem Mund, auch nicht den Spielern mit den großen Namen. Außer der Queen hat niemand der britischen Öffentlichkeit so zuverlässig gedient wie Sir Alex. Und jetzt dieses Buch. Wie viel verrät der schottische Trainer?

Eine Autobiografie ist das Werk nur sehr bedingt: Seine Kindheit im Arbeiterviertel von Glasgow handelt der Autor schnell ab, die Anfänge seiner Karriere lässt der gelernte Werkzeugmacher nahezu unerwähnt. Stattdessen gewährt Ferguson den Blick hinter die Kulissen, den sich so viele Fans seit Jahren gewünscht haben. Im Detail beschreibt er seine Beziehung zu all den Superstars, die unter seiner Führung zu Ruhm und Millionen kamen. Es ist eher desillusionierend, was Ferguson zu berichten hat.

In dem Kapitel über David Beckham heißt es zunächst, dieser sei "wie ein Sohn" für ihn gewesen. "Ich finde, er ist einfach ein wunderbarer Kerl." Damit genug der Freundlichkeiten. "David war der einzige Spieler, der sich entschloss, berühmt zu sein. Der um jeden Preis mehr sein wollte als ein Fußballer", urteilt sein Trainer. Warum das so war, liegt offenbar auf der Hand. "Das Problem war, dass David sich in Victoria verliebte." Dass die schöne Popdiva von den Spice Girls seinem Jungen Flausen in den Kopf setzte, hat Sir Alex nicht verwunden. Von Manchester United zu Real Madrid zu wechseln, dann nach Mailand zu gehen und schließlich noch für die fußballerisch eher mittelmäßige Truppe von Los Angeles Galaxy aufzulaufen, das war aus Sicht des treuen Alex Ferguson eine Fußballerkarriere, die sich so nicht gehört. Diese seltsame sportliche Vita habe allein dem Markennamen Beckham gedient, fasst AF zusammen – für ihn ist das nicht weniger als Hochverrat.