Mit Armin Holz ist nicht zu spaßen. Er kann amokläuferisch gegen Kollegen austeilen (in Interviews), sich trotzig abschotten (bei Proben) und ein halbes Theater bis hinauf zum Operndirektor gegen sich aufbringen (wie jetzt in Mannheim). Die Kehrseite seiner Wut auf den Betrieb aber ist die Traurigkeit über das Verlorene. Armin Holz sehnt sich zurück nach dem Theater der Noeltes, Zadeks und Grübers und träumt wohl davon, es auch einmal so hinzubekommen wie sie – wenn nötig innerhalb des kaputten Systems der Gegenwart.

Das kanzelt den Nonkonformisten seit Jahren ab und verweist höhnisch auf sein (vorhersehbares) Scheitern als Oberspielleiter am Bochumer Schauspielhaus zu Beginn von Elmar Goerdens insgesamt glückloser Intendanz. War es also purer Trotz oder doch das Gefühl einer Berufung, das Armin Holz jetzt die Offerte einer ersten Operninszenierung fürs Mannheimer Nationaltheater annehmen ließ? Seine verehrten Vorbilder hätten ihn warnen müssen: Peter Zadek hat sich in seinem langen Theaterleben nur einmal ans Musiktheater gewagt (1983 an Mozarts Figaro), während Klaus Michael Grübers spätes Comeback als Opernregisseur in trauriger Konvention versumpfte.

Carl Maria von Webers Freischütz sollte es sein – ein Werk, an das sich in Mannheim Erinnerungen und Erwartungen knüpfen. 1943 wurde das alte Nationaltheater während einer Freischütz- Vorstellung von der Royal Air Force zerstört, 1957 das neue Haus mit derselben Oper wiedereröffnet. Seit 27 Jahren gab es in Mannheim keine Neuinszenierung dieser Inkunabel der deutschen Opernromantik. Und fast schien es, als wäre das einst politisch so aufgeladene Stück über die Unterhöhlung einer biederen Welt durch "finstre Mächte" ein bisschen in Vergessenheit geraten.

Armin Holz und seinen Bühnenbildner Matthias Weischer – einer der Köpfe der Neuen Leipziger Schule – schert der lokalpatriotische Hintergrund noch weniger als der geistesgeschichtliche. Auf Weischers Titelzeichnung fürs Programmheft grinsen die beiden "Macher" zufrieden wie zwei Honigkuchenpferde. Der Schriftzug "Glauben Sie an Gespenster!" könnte sich darauf beziehen, dass auch totgesagte Regisseure sehr real wirken können, wenn man sie nur lässt.

Gleich der musiklose Anfang macht deutlich: Man hat sich vorbereitet und ist dabei auf das Originallibretto von Friedrich Kind gestoßen, das nicht wie die Oper mit dem vermasselten Probeschuss des Unglücksraben Max anhebt, sondern mit düsteren Prophezeiungen des Eremiten (John In Eichen). Und während der heilige Mann auf seinem Podest zu unheimlichen Käuzchenrufen von dienstbaren Bühnengeistern ruckelnd weggerollt wird, erscheint der beschworene Leibhaftige schon mit überlangem Zylinder und kostbarer Pelzrobe. Samiel, der in der Oper nur im Showdown der Wolfsschlucht auftritt, ist von Anfang an dabei: ein Spielmacher und Strippenzieher, den der Schauspieler Klaus Schreiber als gurrenden, eitlen Geck gibt. Schreiber ist sicher die interessanteste Bühnenfigur an diesem Abend. Doch wenn er so hüftschwenkend am Rand der Drehbühne entlangschlendert, die Vorgeschichte der Handlung erzählt oder den depressiven Jägersburschen Max scheinheilig tröstet, dann scheint er sich als luziferischer Taschenspieler selbst ein wenig zu langweilen – ein Gefühl, das sich bald auch auf die Zuschauer überträgt.

Für Armin Holz ist der Freischütz "noch ein Stück mit Himmel". Nur ist dieser Himmel hier kein Wert und auch kein Sehnsuchtsort, sondern eine hübsch beleuchtete Stoffbahn im Bühnenhintergrund. Vor dieser lässt Matthias Weischer Szene um Szene seine Skulpturen schieben: wilde Baumstämme, phallusartige Türme, Totenwagen, Bildwände mit männlichen Torsi, schreienden Gesichtern oder Eulen – und immer wieder Spiegel zur allgemeinen Selbsterkenntnis. So wird die Bühne nicht zum Ort doppelbödiger Realität und existenzieller Bedrohung, sondern zur regelrechten Weischer-Galerie, in der sich die Sänger zurechtfinden müssen, möglichst ohne zu stolpern.

Überhaupt die Sänger. Mit einer Ausnahme (dem kernigen Bariton Thomas Jesatko als giftgrüner Kaspar) bestreiten hier alle Mitwirkenden ihre Rollendebüts – ein seltsames Novizentum im deutschen Stadttheater. István Kovácsházi ist eigentlich ein Max mit dunkel schattiertem, lyrisch weichem Tenor. Doch scheint sich die Dauerdepression des bebrillten Stubenhockers in Latzhosen, der als apathischer Versager über die Bühne taumelt, bald auf die Stimmbänder zu legen. Im Gegensatz dazu sind Agathe und Ännchen Luxusgeschöpfe, denen Esther Walz pastellfarbene Seidenkleider auf den Leib geschneidert hat – sehr zum Vorteil von Tamara Banješević als Ännchen, die mit ihren beachtlichen Beinen beim Publikum noch mehr zu punkten weiß als mit stimmlicher Beweglichkeit. Der (prächtig singende) Chor wird auf die ersten Zuschauerränge verbannt, wohl um die Symmetrien und Bildwirkungen der Bühne nicht zu stören. Und auch das Mannheimer Opernorchester steuert unter Kapellmeister Alois Seidlmeier eine eher holzschnittartige Klangkulisse bei, ohne rechten Schwung und rechtes Brio. Immerhin passt das gut zu Weischers Skulpturenpark.

Armin Holz und die Oper? Sicher sind bei diesem Debüt, vor allem dank feiner Lichtregie, auch auratische Bilder entstanden, die in Erinnerung bleiben. Nur ist Holz dabei die eigentliche Geschichte vom Freischütz weitgehend entgangen – vom magischen Sängerschauspielertheater seiner Überväter ganz zu schweigen.