Ist das der Beginn einer neuen Zeit? In Wien verhandeln wieder Expertengruppen über das iranische Atomprogramm. Allein dass jetzt mit heiteren Mienen allerlei gemeinsam verfasste Erklärungen verlesen werden, wo sich früher bloß Biestigkeit breitmachte, ist schon ein Novum und ein gutes Vorzeichen für die Gespräche diese Woche. Dann werden Abgesandte aus Teheran auf eine Spitzendelegation aus Brüssel, Paris, London, Washington, Moskau, Peking und Berlin treffen. Es gibt Hoffnungen auf einen schnellen Durchbruch. Ob der Iran flexibel genug sein wird?

Die gleiche Frage ist allerdings auch an die Verhandlungsgruppe der anderen Seite zu stellen. Sie darf nicht auf sämtlichen Forderungen der vergangenen Jahre beharren. Die gehen teilweise zu weit, mögen sie auch von Resolutionen der UN gedeckt sein.

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal den Zweck der Verhandlungen. Zum einen soll ihr Ergebnis den Iran technisch daran hindern, mit dem Griff nach der Atomwaffe die Welt überraschen zu können: Sobald das Regime versuchen sollte, Material für Kernwaffen herzustellen, muss genug Zeit für eine politische oder auch militärische Reaktion bleiben. Und zum Zweiten ist vertraglich eine Schwelle zu definieren, deren Überschreitung den Iran wieder ins Unrecht setzen würde – mit allen völkerrechtlichen Folgen.

Wenn das aber die Kriterien sind, warum pochen dann manche im Westen darauf, dass der Iran volle Aufklärung über sein Treiben in den vergangenen Jahrzehnten gibt? In der Tat sieht es so aus, als ob in Teheran zeitweilig jene Sicherheitspolitiker die Oberhand hatten, die Nuklearwaffen anstrebten (und damit gegen eine – freilich schlecht dokumentierte – Fatwa des Republikgründers Ajatollah Chomeini verstießen). Doch von Irans neuem Präsidenten Hassan Ruhani zu fordern, diese noch immer existierenden Hardliner vor aller Welt zu desavouieren, könnte ihn in einen tödlichen Konflikt treiben. Das kann niemand wollen.

Überflüssig ist es auch, einen Zugang internationaler Inspektoren zum Versuchsgelände nahe dem Ort Parchin erzwingen zu wollen, wie es die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) fordert. Dass dort mit chemischen Sprengstoffen experimentiert wurde, mag wohl sein, doch halten Experten es für fraglich, dass die Tests die Konstruktion von Nuklearwaffen vorbereiten sollten. Mittlerweile ist der Standort weitgehend aufgegeben und planiert, ein Atomrisiko stellt er nicht dar. Also was soll’s.

Dann wäre da noch ein Reaktor in Arak, dessen Bau sich Jahr um Jahr verzögert. Er soll einmal Substanzen für die Nuklearmedizin herstellen. In ihm entstünde aus nicht angereichertem Uran auch Plutonium, ein für Kernwaffen geeigneter Stoff, weshalb im Westen mehrheitlich die Stilllegung gefordert wird. Doch ohne Wiederaufarbeitungstechnik wäre das Zeug, das den Reaktor nach Bestrahlung verließe, für Waffenkonstrukteure wertlos. Gewiss, Irans rüstungstechnischer Spießgeselle Nordkorea könnte solche Technik liefern, aber bis die gemeistert wäre und, vor allem, bis Plutoniumbomben gebaut werden könnten – sie sind weitaus komplexer als Uranbomben –, würde sehr viel Zeit verstreichen: Zeit, in der die Politik reagieren könnte. Sinnvoller wäre es also, den Betrieb des Reaktors strikt zu überwachen.

Überwachung ist das Stichwort. Kontrollen mit Kameras und Sensoren in Echtzeit sowie Inspektionsrechte, wie sie kein anderes Land der Welt einräumt, müssen dem Iran abverlangt werden; das allein schon wäre aus Teheraner Sicht eine ungeheuerliche Zumutung. Auf nichts reagieren die Iraner – jeglicher politischer Couleur! – empfindlicher als auf alles, was ihre Souveränität auch nur leicht zu berühren scheint. Sie müssen sogar über noch eine weitere Hürde springen. Denn dass sie zurzeit auf technisch überflüssigen Mengen hoch angereicherten Urans hocken, die binnen Kurzem waffenfähig gemacht werden können, ist kein akzeptabler Zustand. Gegenwärtig ist die politische Vorwarnzeit einfach zu kurz. Gewiss, die Iraner müssen selbst entscheiden, wie viel sie davon für Forschungszwecke behalten wollen, aber diese Obergrenze sollten sie nachvollziehbar begründen und dann auch einhalten.

Harte Forderungen. Sie genügen auch. Zu gewinnen hätte der Iran viel: ein Ende der Sanktionen und vielleicht sogar die Anerkennung als Regionalmacht, mit der weitere Abmachungen möglich würden. Die Nuklearfrage sitzt wie ein Pfropf vor den anderen Themen, über die mit dem Iran gesprochen werden muss. Einschließlich der Sicherheit Israels.