Vermutlich brauchte es die Heftigkeit des Wiedersehens. Mit einem schlimmen Autounfall, bei dem man nicht weggucken kann, wurden Boris Beckers Auftritte in den Medien verglichen, und doch hatte die Anteilnahme nichts von der schaurig-schönen Fremdscham, mit der qualitätsschwache Promi-Biografien und dreistündige Auftritte im Privatfernsehen sonst seziert werden. Dies ging tiefer. Mit Becker trat eine große alte Liebe vor die Deutschen. Jahre über Jahre hatte man dem Studium seiner Physis gewidmet, genug Zeit, eine kollektiverotische Obsession zu entwickeln. Das Teutonische, Rotgeschopfte, die zusammengekniffenen Augen, das lauernde Hin- und Herwiegen der Knie, sein Spiel mit dem Filzball vor dem Aufschlag, der Hechtsprung, das Fallen. "Wenn er gewonnen hatte", so der Schriftsteller Martin Walser schwärmerisch, "reckte er die geballte Faust in einen leeren Himmel und hatte ein Gesicht wie unsere Vorfahren, als sie noch auf den Bäumen lebten. Aber wenn er verloren hatte, sah er aus wie ein Kind, das nichts dafür kann."

Deutschland und Becker – zwei, die sich wiedertrafen und doch nicht sehen konnten. Aufgeschwemmt trat der 45-Jährige ins Licht, ein verstörender Anblick. Dürfen Helden nicht altern? Würde er es doch nur tun! Becker als Greis, das wäre zu verkraften. Doch er lebt noch – und wie. Ratlos schaute man auf sein manisches Tun zwischen Buchmesse, Bild und Olli Pocher, eigentümlich betroffen, voll des Mitleids. Nicht zu sehr, sondern zu wenig hatte sich der geliebte Körper verändert, allzu vertraut schienen die Gestik, das Blinzeln, das gestammelte "Äh, äh, äh". Damals, im Interview mit dem jungen Thomas Gottschalk, klang es liebenswert. Heute, entzaubert, mit "Dschungel"-Moderatorin Sonja Zietlow, lässt es sich kaum ertragen. Wie überhaupt jedes Wort, das an gemeinsame Zeiten erinnert. Bum-Bum-Boris, Bobbele – schal sind die Koseworte von einst, Hüllen einer Beziehung, vergangen, aber nicht überwunden. "Mir geht es gut ohne euch!", beteuert Becker in jeder Zeile seiner 300-seitigen Biografie. "Das Leben ist kein Spiel" klingt wie eine E-Mail an jemanden, den man zurück will, ohne es zugeben zu können. Mit Großbritannien habe er ein Land gefunden, das ihn akzeptiere, so Becker übers neue Glück. Funktionierende Ehe, intakte Patchworkfamilie, Werbejobs, drei Autohäuser. "Das bist du nicht!", antwortet Deutschland verletzt und zieht sich zurück, um trotzig alte Wimbledon-Videos zu schauen.

Und doch, einmal trafen sich Vergangenheit und Jetztzeit. Als Becker bei Pocher Tennis spielte, war es wirklich so wie früher. Schmerzlich, versöhnlich, wie er es wohl empfand? Am Ende seines Buches gesteht Becker, dass nichts je wieder so schön war wie der warme Applaus aus Deutschland. Gott, uns geht es doch auch so! Vielleicht kann jetzt die Phase des Trauerns beginnen.