Es ist wieder Zeit, sich in den Kino-Plüschsessel zu kuscheln und gemeinsam den Kopf über die Widrigkeiten der Welt zu schütteln. Aktuelles Thema des Entrüstungskinos: Der Kapitalismus frisst seine Kinder auf. Alphabet heißt der neue Dokumentarfilm des Österreichers Erwin Wagenhofer, der nach We Feed the World und Let’s Make Money nun auch Bildungskritik in sein Anklageprogramm aufgenommen hat. Wagenhofers These: Unter dem Joch des Kapitalismus saugen Schulen und Eltern den Kindern jeden Funken an eigenständigem, unangepasstem Denken aus. Denn unsere Schulen funktionieren wie Erziehungsfabriken, die im verstaubten Geiste der Industrialisierung systemkonforme Erwachsene ausspucken.

Der Film ist eine Reise durch die Bildungslandschaften der Welt. Da ist der chinesische Junge Qu Pei, der unter der Last seiner Medaillen von Mathematik-Olympiaden zu zerbrechen droht. Da ist der Franzose André Stern, der noch nie zur Schule gegangen ist, in seinem alternativen Künstler-Elternhaus aber alles Nötige lernte – aus spielerischem Eigenantrieb. Da sind die Anzugträger beim Wettbewerb CEO of the Future, die ihre kapitalistische Bilderbuchwelt auf Flipcharts skizzieren. Wagenhofer gelingt es tatsächlich, die Widersprüche der modernen Bildungswelt aufzuzeigen – aber die Kontraste bleiben stets etwas oberflächlich. Durch die manipulative Erzähldramaturgie und die tendenziöse Auswahl der kommentierenden Bildungsexperten ist die Bestandsaufnahme eindimensional und schwarz-weiß. Unnötig auch, dass Gerald Hüther, dem umstrittenen deutschen Bildungsguru, eine weitere Bühne für seine populistischen Plattitüden geboten wird ("Jedes Kind ist hochbegabt"). Es ist begrüßenswert, dass mit Wagenhofer einer der erfolgreichsten Dokumentarfilmer der letzten Jahre Lust auf hitzige Bildungsdebatten macht. Schade ist, dass er noch mehr Ideologie und Aufgeregtheit in eine Debatte bringt, die mehr Pragmatismus und Fakten braucht.