Eigenblut tut selten gut – Seite 1

Am Ende der Recherchen in Spanien besteht keine Gewissheit. Keine Sicherheit. Aber es gibt massenhaft Indizien: Jahrelang wurden hier Sportler gedopt. Ein Land steckt in der Krise. Und mit ihm vielleicht der Sport generell. La crisis, es ist dieses eine Wort, das auf Spanien lastet, und es ist der Kern dieser Geschichte.

Vielleicht ist es das Unwort des Jahrzehnts in Spanien – wenn sie so was hier überhaupt kennen –, vielleicht das einer ganzen Generation. Wirtschaftswachstum minus eineinhalb Prozent, Arbeitslosigkeit 25 Prozent, Jugendarbeitslosigkeit sogar über 50 Prozent. Dazu noch korrupte Politiker. Es gibt neben der Wirtschaftskrise kaum ein anderes Gesprächsthema im Südwesten Europas. Außer natürlich das des geliebten Sports. Aber da liegt das Problem. Denn auch Spaniens Sport erlebt die Krise.

Nicht nur weil der FC Barcelona und Real Madrid nicht mehr Europas Fußballmächte sind, heute hat die Macht ein Verein aus dem sowieso schon wirtschaftlich übermächtigen Deutschland. Dass dieser Verein Barcelona auch noch den vermeintlich besten Trainer der Welt geklaut hat, natürlich einen Spanier, ist kaum zu fassen und auch ein Teil dieser Geschichte. Vor allem aber hat Spanien sich in den vergangenen Jahren ein besonderes Image in der Welt des Sports erworben: das einer überraschend beeindruckenden Sportgroßmacht. Und zugleich das eines Dopingzentrums.

"Der Sport ist das Letzte, das uns Spaniern geblieben ist", sagt Rodrigo Pardo, Professor am landesweit berühmten sportwissenschaftlichen Institut INEF der Polytechnischen Universität von Madrid. "Und Doping ist wie Korruption, davon wollen wir eigentlich nichts wissen. Die Menschen haben genug Probleme. Jetzt gibt’s zwei Möglichkeiten, mit Doping umzugehen, entweder wir decken alles auf oder wir vertuschen es."

Es ist das Ende mehrerer Reisen innerhalb der letzten Jahre in das Sport-Wunderland Spanien, auf der Suche nach den Hintergründen der unglaublichen Erfolgsgeschichte des spanischen Sports. Es ist auch die Suche nach der Wahrheit hinter all den Vorwürfen: Wie und wo wird gedopt in Spanien?

"Wenn du den spanischen Sport kritisierst, greifst du die spanische Seele an", sagt Professor Rodrigo Pardo, er sitzt inmitten von Kartons in einer Wohnung in Madrid. Vor drei Tagen ist die Familie hier eingezogen. Pardo empfängt in blauen Frotteeschlappen, kurzer Hose, er redet viel und schnell. "Es fehlt eine kritische Öffentlichkeit, wir müssen viel mehr über Doping sprechen", sagt er. Sein Themengebiet ist ethisches Verhalten im Sport als Teil der Gesellschaft. Gerade organisiert er eine Konferenz über Helden und Doping. Diese zwei Wörter führen ins Zentrum der Geschichte.

Wohl selten hat ein Land so große Teile des Weltsports dominiert und dabei so viel Bewunderung auf sich gezogen, aber auch so viel Argwohn, so viele Verdächtigungen, so viele Dopingvorwürfe. Spanien, der Fußballwelt- und -europameister, der Handballweltmeister, Basketballeuropameister. Das Land des seit Jahren den Weltfußball dominierenden FC Barcelona. Das Land Rafael Nadals, zwei Jahre am Stück Weltranglistenerster im Tennis. Das Land des Formel-1-Weltmeisters Fernando Alonso und von Alberto Contador, des mehrfachen Siegers der Tour de France. In Spanien sprechen sie von der generación de oro , der Generation Gold. Aber deren Image und das des Sports ist angeschlagen. Auch wenn der Staat das nicht wahrhaben will.

Im Prozess spricht Fuentes nicht nur von Radfahrern, sondern auch von "einem Fußballer, einem Boxer". Niemand fragt nach

Der wirbt mit der Kampagne Marca España für die Marke Spanien. Unter anderem auch mit dem überführten Doper Alberto Contador. Über 60 Dopingermittlungen hat es in den vergangenen sieben Jahren gegeben, alle paar Monate neue Enthüllungen über Untergrundlabore; immer wieder sind Spitzenathleten involviert. Im Februar 2012 sagt selbst der Minister für Kultur, Bildung und Sport, José Ignacio Wert: "Wir haben ein Dopingproblem in Spanien." Vor allem auch dank des vielleicht größten Dopingskandals der Sportgeschichte.

Es ist Montag, der 28. Januar 2013, als in der Calle Julián Camarillo vor dem Strafgericht Nummer 21 in Madrid ein Mann aus einem Taxi steigt, den man lange nicht gesehen hatte, aber über den seit sieben Jahren gesprochen wird. Es ist der Moment, auf den viele in der Welt des Sports gewartet hatten. Der Mann heißt Eufemiano Fuentes, er ist Frauenarzt und soll das größte Dopingnetzwerk der Sportgeschichte betrieben haben. Weit über 100 Journalisten haben sich akkreditiert für den Prozess gegen ihn, über 20 Kamerateams sind gekommen. Es ist ein solches Spektakel, dass kaum zu glauben ist: Es geht hier um Sport und nicht um Wirtschaftsspionage, korrupte Politiker oder um den spanischen König.

Hat die Staatsanwaltschaft nachgeholfen zu vertuschen, zu vergessen, zu beseitigen?

Blutdoping hat Eufemiano Fuentes betrieben. Später hat er als Arzt in einem staatlichen Gesundheitszentrum auf Gran Canaria gearbeitet. Jahrelang dopte er Sportler aus der ganzen Welt, bis 2006. Über 200 sollen es gewesen sein. Schnell wird gemunkelt und verdächtigt, im In- und vor allem im Ausland, Sportler aus verschiedenen Sportarten soll er gedopt haben. Fußballer sollen darunter gewesen sein, Leichtathleten und andere. Es ist die Stunde der Vermutungen. Überführt sind bisher nur an die 60 Radprofis. Der bekannteste ist Deutschlands einstiges Vorzeige-Idol Jan Ullrich. Wie viele Sportler wirklich bei Fuentes waren, weiß bis heute nur er selbst.

An einem Frühsommertag im Mai 2006 nimmt die spanische Polizei, die Guardia Civil, Fuentes fest. Zwei Wochen hat sie ihn observiert, Telefonate abgehört. Die Operación Puerto geht in die Sporthistorie ein. Dass Fuentes Spitzensportler per Blutdoping dopte, ist nicht schwer zu beweisen. Nur: Im Spanien des Jahres 2006 gibt es kein Anti-Doping-Gesetz. Also wird Fuentes nur wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit angeklagt, seine Blutbeutel soll er unhygienisch gelagert haben. Immer wieder wird die Anklage verworfen und doch wieder aufgenommen. Sieben Jahre vergehen damit.

Im Prozess gibt es zwei Momente, in denen die Wahrheit, die vermeintliche Wahrheit sichtbar zu werden scheint. Ende Januar 2013 wird Fuentes erstmals befragt. Fast beiläufig spricht er irgendwann von sich aus über seine Kunden. Einen Radfahrer habe er gehabt, "einen Fußballer, einen Tennisspieler, einen Boxer, einen Leichtathleten."

Pause. Es ist, als stünde die Welt für einen kurzen Moment still.

Es ist der Moment, in dem die Sportwelt auf die entscheidende Frage wartet, die Rückfrage. Die Staatsanwältin Rosa Calvo, die die meisten Medien Rosa Calero nennen, weil es ihnen der Pressesprecher des Gerichts am ersten Verhandlungstag falsch in den Block diktiert hatte, auch so eine Seltsamkeit des Prozesses, unterbricht Fuentes.

Und fragt dann nicht nach. Will nicht wissen, welche Sportler dieser genau betreut hat und wie.

Es sagt etwas aus über Spanien, das Land in der Krise. Der Eindruck ist: Schlechte Nachrichten will man hier nicht hören. Und von denen gibt es viele in den letzten Jahren. Es gibt auch immer wieder Hinweise auf die weiteren Dopingkunden des Doktor Fuentes.

Auch die erfolgreichste Leichtathletin Spaniens, Marta Domínguez, soll Kundin bei Fuentes gewesen sein, berichtet El País

2006, kurz nach seiner Festnahme, lässt Fuentes in einem Radiointerview durchblicken, dass er neben den Radsportlern auch Fußballmannschaften betreut hat. "Mich hat überrascht, dass einige Namen herauskamen und andere nicht", sagt er, ohne deutlicher zu werden. Jesús Manzano, einer seiner Radsportkunden, berichtet später, er habe Fußballer bei Fuentes gesehen. 2008 erzählt der Präsident des Weltradsportverbandes, Pat McQuaid, dem Autor dieses Artikels in der ARD und dem WDR-Hintergrundmagazin sport inside von einem Treffen mit dem spanischen Sportstaatssekretär und der Guardia Civil. "Da wurde mir gesagt, die 200 Fuentes-Kunden seien nicht alles Radfahrer, sondern nur 50 bis 60 davon. Es seien nämlich auch andere Sportarten involviert. Und zwar hieß es: Fußball, Leichtathletik, Schwimmen und Tennis."

Nun muss man sagen, dass der Präsident des Weltradsportverbands auch ein Interesse daran hat, andere Sportarten ebenfalls in die Diskussion hineinzuziehen. Also greift man zum Hörer, ruft David Howman an. Er ist der Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA. Die ist Nebenkläger im Prozess gegen Fuentes. Interessant ist: Auch Howman spricht von einem Treffen mit den spanischen Behörden 2006, unabhängig von McQuaid. "Boxen, Leichtathletik, Tennis, Fußball und Radsport" seien involviert in das Dopingnetzwerk von Fuentes, so sei es ihnen damals gesagt worden, vor sieben Jahren, sagt Howman. "Wir waren geschockt. Und dass bis heute nur Radsportler bekannt sind, das ist frustrierend."

Hat die Staatsanwaltschaft, die spanische Polizei, am Ende gar der spanische Staat nachgeholfen zu vertuschen, zu vergessen, zu beseitigen?

Immer wieder ist in Europa von einer Liste die Rede, einer Liste der Guardia Civil mit den Namen von Sportlern, die Kunden bei Fuentes waren, die aber nicht in den Prozessunterlagen sei. Bis heute hat diese Liste nie jemand gesehen, niemand hat dem Autor dieses Artikels jemals die Existenz dieser Liste bestätigt. Und doch bleiben Fragen, viele Fragen.

Zweimal werden rund um den Prozess gegen Eufemiano Fuentes, den Arzt aus einst reichem kanarischem Hause, Namen von Nicht-Radsportlern öffentlich. Die spanische Zeitung El País berichtet, auch die Weltmeisterin im 3.000-Meter-Hindernislauf des Jahres 2009, Marta Domínguez, soll Fuentes-Kundin gewesen sein. Der nächste Skandal. Marta Domínguez wird oft als erfolgreichste Leichtathletin der spanischen Sportgeschichte bezeichnet. Sie ist eine Nationalheldin Spaniens, mittlerweile sogar Mitglied des spanischen Senats. Sie bestreitet das Doping. Passiert ist nach der Veröffentlichung – nichts.

Nichts ist sicher, alles denkbar – und vieles merkwürdig

Nächster Fall: Auf Seite 864 der Prozessunterlagen findet sich das Kürzel RSOC. Anfang Februar berichtet der Autor in der sportschau der ARD erstmals, dass es sich dabei offenbar um einen Fußballverein handelt, der von Fuentes versorgt worden ist. Am Tag darauf beschreibt der ehemalige Präsident des Erstligisten Real Sociedad aus San Sebastián, Iñaki Badiola, in einem Interview mit der spanischen Sportzeitung AS, dass Fuentes den Verein mit Dopingmitteln versorgt habe. Sechs Jahre lang. Für mehrere Hunderttausend Euro. Bezahlt mit Schwarzgeld. Bezahlt, geduldet oder gar in Auftrag gegeben vom Vorstand.

Präsident des Klubs war in jener Zeit vier Jahre lang ein gewisser José Luis Astiazarán. Noch ein Skandal. Zum Zeitpunkt der Vorwürfe im Februar dieses Jahres war er der Chef der spanischen Fußballliga. Der Fußballchef des Landes – verstrickt in Dopingmachenschaften? Mittlerweile ist Astiazarán aus anderen Gründen nicht mehr im Amt. Passiert ist nach der Veröffentlichung trotzdem – nichts.

In einem Land, in dem der Chef der Regierung derzeit beschuldigt wird, Schwarzgeld bekommen zu haben, und nichts passiert, tritt doch nicht einer der höchsten Sportrepräsentanten des Landes zurück, nur weil er der Doping-Mitwisserschaft beschuldigt wird. Auf eine Interview-Anfrage des ZEITmagazins reagiert Astiazarán natürlich – nicht.

Wahrscheinlich ist das auch besser so, glaubt man, was man in einem Restaurant in Madrid zu hören bekommt: beim Treffen mit einer Person, die im Journalistenjargon Insider genannt wird. Dieser gibt vor, sich auszukennen mit dem Dopingsystem und den Kunden des Doktor Fuentes. Namen von Fuentes-Kunden werden genannt. Nationalspieler sind dabei, Olympiasieger, Nationalhelden. Dopingmittel wie IGF-1, Cortison, Actovegin. Es klingt glaubhaft, Beweise kann der Insider nicht vorzeigen.

Der Fall Fuentes ist ein Mysterium wie der spanische Sport, das weiß auch Stéphane Mandard. Für den Sportchef der französischen Tageszeitung Le Monde wäre der Beweis, dass selbst berühmte Fußballer gedopt haben, eine der größten vorstellbaren Katastrophen für das geplagte Spanien. 2006 schreibt er, Fuentes habe ihm Doping-Medikationspläne gezeigt, Pläne für Spieler des FC Barcelona und Real Madrids. Es ist ein Angriff auf die Heiligtümer des spanischen Sports. "Das waren Medikationspläne für eine ganze Saison", sagt Mandard. "Da stand zum Beispiel ›Saison 2005/2006 FC Barcelona‹. Und in dem Kalender hatte Fuentes Zeichen aufgemalt: IG, einen Kreis oder einen Kreis mit einem Punkt." Diese Zeichen hat die Guardia Civil bei Plänen von Radsportlern entschlüsselt. Sie stehen für Wachstumshormone, anabole Steroide und Epo. Alles Dopingmittel.

Sowohl der FC Barcelona als auch Real Madrid verklagten Le Monde daraufhin. Drei Millionen Euro wollte Barça haben, 15.000 musste die Zeitung am Ende zahlen. 300.000 will Real Madrid, das Verfahren läuft noch. Ob die Geschichte von Stéphane Mandard wahr ist oder ob Fuentes wirklich auch die sportlichen Aushängeschilder Spaniens gedopt hat – man weiß es nicht.

Klar scheint nur: Nichts ist sicher, alles denkbar – und vieles merkwürdig.

Zu diesem Schluss kommt man auch, wenn man sich Gerichtsunterlagen des Rechtsstreits zwischen Real Madrid und Le Monde aus dem Januar 2009 anschaut, die dem ZEITmagazin in Teilen vorliegen und noch nie öffentlich zitiert wurden. So sagt Fuentes vor Gericht, er habe die Behauptungen in dem Artikel in Le Monde nur auf Anraten seines Anwalts dementiert. Weil er kein weiteres Gerichtsverfahren gewollt habe. Fuentes lässt durchblicken, die Macht der Fußballklubs sei zu groß. So bestätigt er vor Gericht, er habe tatsächlich auf die Frage, ob er in Kontakt zu Real Madrid stehe, geantwortet: "Man hat mich dreimal mit dem Tode bedroht, es wird kein viertes Mal geben." Eine eindeutige Andeutung, mehr sagt er in der Verhandlung dazu nicht.

"In Spanien sind Fußballer Götter", sagt Stéphane Mandard dazu. "Man hat nicht das Recht, den FC Barcelona oder Real Madrid zu beschuldigen. Schon gar nicht in der derzeitigen sozioökonomischen Krise des Landes. Der Sport ist das letzte Symbol der Stärke Spaniens."

Interessant bleibt, dass Fuentes vor Gericht bestätigt, dass zwar die Familienwohnung in Madrid von der Guardia Civil durchsucht wurde, nicht aber sein Büro in Las Palmas auf Cran Canaria. Dort will Mandard die Medikationspläne gesehen haben. Und Fuentes bestätigt vor Gericht, ja dort lagerten noch immer seine Patientenkarteien.

War der Sport wirklich zu wichtig und zu mächtig für weitergehende Untersuchungen der spanischen Polizei?

"Natürlich hat Spanien großes Interesse, die Olympischen Spiele ins Land zu holen"

Ein Interview zum Fall Fuentes, zu den vielen Doping-Ermittlungen in Spanien in den letzten Jahren lehnt die Guardia Civil seit Langem ab. Im Januar sagt sie dann erstmals zu – um kurz danach doch wieder abzusagen.

In einem Interview mit der Zeitung Las Provincias hatte Fuentes gesagt, 20 Prozent seiner Patienten seien Fußballer, auch das bestätigt er im Gerichtsprozess Real gegen Le Monde. Noch 2010 hatte Fuentes in seiner Heimat auf Gran Canaria dem Autor dieses Artikels gesagt, er habe auch große Fußballmannschaften betreut. Aber was ist all das wert bei einem Mann, der nichts zu verlieren hat und viel erzählt? Beim Prozess gegen ihn in diesem Jahr wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit raunt er einem zu, er habe ein Notizbuch mit Namen, das noch für Überraschungen im Sport sorgen werde. Außerdem, so hört man , schreibe er mit einem bekannten Autor gerade an einem Buch, angeblich über die Hintergründe des Dopings. Tomás Valdivielso, Fuentes’ Anwalt und Freund der Familie, bestätigt das. Noch sei nicht klar, wann es erscheinen werde. Über den Inhalt sagt er nichts. Ein Interview mit Fuentes sei nicht möglich. "Doping ist nicht unser Krieg."

Das Image Spaniens leidet ein zweites Mal erheblich im Prozess gegen Eufemiano Fuentes in diesem Januar. Nachdem schon die Staatsanwältin nicht nachgefragt hatte, als Fuentes von seinen Kunden sprach, bietet er augenscheinlich der Richterin an, auszupacken. Das wichtigste und einzige belastbare Instrument, mit dem man nachweisen könnte, welche Sportler wirklich bei Fuentes gedopt haben, sind die im Jahr 2006 sichergestellten mehr als 200 Blutbeutel. Sie sollen angeblich immer noch im Anti-Doping-Labor in Barcelona lagern. Ende Januar spielt also Fuentes noch einmal sein persönliches Spiel vor Gericht. Er könne die Blutbeutel sofort den jeweiligen Sportlern zuordnen – wenn die Richterin ihn bitte.

Bei der Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 2016 hatte Spanien auch wegen des Dopingskandals keine Chance

Die aber verweist auf sein Schweigerecht als Angeklagter, woraufhin ein Anwalt der Nebenkläger das Wort an sie richtet. "Ich ersuche Sie nachdrücklich, den Angeklagten nach den Namen der Personen zu fragen!", schallt es durch den Gerichtssaal. Es ist der spannendste Moment des Gerichtsverfahrens. Doch die Hoffnung wird enttäuscht.

Die Richterin lehnt ab.

"Auch wenn es im Prozess nicht um Doping an sich geht, hätte die Richterin nachfragen sollen." Ignacio Arroyo, der Anwalt, der nachhakte, sitzt ein paar Wochen später in einer Hotellobby in Madrid. Er ist Spanier und Anwalt des Nationalen Olympischen Komitees Italiens, einer der Nebenkläger im Prozess gegen Fuentes. Er ist kein lauter Mensch, kein Draufgänger. Hat in Harvard studiert, spricht – anders als die meisten, denen man in Spanien begegnet – Englisch. Und sagt: "Der Prozess ist doch trotzdem auch dazu da, die Wahrheit zu finden, welche Kunden Fuentes hatte. Sonst verlieren wir den Kampf gegen Doping."

Man wird dieses Gefühl nicht los. Dass sie einerseits auch in Spanien mittlerweile wissen, dass Anti-Doping-Kampf nicht nur irgendein abgedroschenes Schlagwort der Sportwelt ist, sondern international wichtige Entscheidungen beeinflusst. Andererseits: Wer weiß schon, was alles herauskommen könnte, wenn man ernst machen würde mit Aufdeckung, Dopingkontrollen und Nachfragen. Einerseits hatte sich Spanien eben mit Madrid um die Olympischen Sommerspiele 2020 beworben. Bei der letzten Bewerbung für 2016 hatte die Stadt auch deshalb keine Chance, weil das Internationale Olympische Komitee den Anti-Doping-Kampf Spaniens als so mangelhaft einschätzte, dass alle anderen Bemühungen nichts nützten. Andererseits ist das wegen der erneuten Bewerbung gerade verabschiedete neue Anti-Doping-Gesetz aber bei Weitem nicht so gut, wie es einem in Spanien jeder weismachen will.

Im Zentrum von Madrid, in einem alten Stadtschloss aus dem 19. Jahrhundert, einst im Besitz einer reichen Madrider Familie, wurde das Gesetz entworfen. Heute befindet sich hier die spanische Generalstaatsanwaltschaft. Am Eingang gibt es einen Sicherheitsdetektor, aber die Beamten kümmert es nicht, wenn man drum herumläuft. Es geht einen unspektakulären Flur entlang. Dann steht man in einem acht Meter hohen Raum, das Dach ist aus bemaltem Glas, eine Freitreppe führt zum balkonartigen ersten Stock. Gonzalo Camarero hat als Staatsanwalt hier am Gesetz mitgeschrieben. "Natürlich hat Spanien großes Interesse, die Olympischen Spiele ins Land zu holen", sagt er. "Und das neue Gesetz spielt dabei eine große Rolle."

Camarero sitzt auf einem altehrwürdigen Sofa, an der Wand hängen Teppiche und Gemälde, ausgeliehen vom Prado. Das weltberühmte Museum habe so viele Gemälde im Keller, dass es sie gar nicht alle ausstellen könne, sagt er. Und er sagt, dass das neue Gesetz ziemlich schwer zu verstehen sei. Aber das merkt man schnell selbst. Camareros Erklärungen sind kompliziert, so ist das in Spanien.

Oder auch ganz einfach, kurz gesagt: Spanien war bisher ganz offiziell kein Land der Doping-Bekämpfung. Erst das neue Gesetz, in Kraft seit dem 12. Juli dieses Jahres, bringt Spanien in Einklang mit dem Welt-Anti-Doping-Code, es sieht höhere Geldstrafen für Dopingsünder vor, höhere Sanktionen beim zweiten Dopingvergehen, mehr Kompetenzen für die Nationale Anti-Doping-Agentur. Sie übernimmt jetzt alle Trainings- und alle Wettkampfkontrollen in Spanien. Das wiederum ist äußerst ambitioniert, auch im weltweiten Vergleich. Allerdings wird der dopende Sportler selbst weiterhin nicht strafrechtlich verfolgt.

"Ich bin Pep Guardiola. Ich habe nie Nandrolon genommen"

Auch Pep Guardiola, der Trainer des FC Bayern München, war als Fußballer in einen Dopingfall verwickelt

Italien 2001. Damals wird ein spanischer Fußballspieler in Diensten von Brescia Calcio positiv auf ein Abbauprodukt von Nandrolon getestet, einem anabolen Steroid. Gleich zweimal. Es ist Pep Guardiola, der heutige Trainer des FC Bayern München. Es ist ein Dopingfall mit ebenfalls mysteriösem Fortgang. 2002 wird Guardiola für vier Monate gesperrt. Nur vier Monate. Er geht in Berufung. Er sei unschuldig, sagt er. Auf einer Pressekonferenz im November 2002 schreit er fast: "Ich bin Pep Guardiola. Ich habe nie Nandrolon genommen." 2005 wird er zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilt. In der Berufung einige Jahre später wird er dann freigesprochen.

Mehr über den Fall Guardiola zu erfahren ist schwierig. Sein Biograf Guillem Balagué schreibt, es seien neun Nanogramm Nandrolon pro Milliliter bei Guardiola nachgewiesen worden. Der Grenzwert lag damals bei zwei Nanogramm. Also deutlich niedriger. Ob die Angabe des Biografen stimmt? Einerseits ist davon auszugehen, weil das Buch auf persönlichen Gesprächen mit Guardiola beruht. Im Nachsatz zieht er einen Vergleich zum Dopingfall des gedopten 100 Meter-Olympiasiegers von 1988, Ben Johnson: Der sei mit 2.000 Nanogramm erwischt worden. Nur ist bei Ben Johnson ein Abbauprodukt eines ganz anderen anabolen Steroids nachgewiesen worden, nämlich Stanozolol. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, würden deutsche Medien das nicht immer noch verbreiten.

"Das ist, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen", sagt Mario Thevis, Professor des Kölner Dopingkontrolllabors und Zentrums für präventive Dopingforschung. "Bei Stanozolol gibt es gar keinen Grenzwert. Der Vergleich ist völliger Quatsch." Neun Nanogramm wären demnach "ein eindeutig positiver Befund".

Über ein Dutzend Fußballspieler fallen Anfang der 2000er durch Doping mit anabolen Steroiden auf. Fast alle sind Nationalspieler. Aus den Niederlanden, aus Portugal – und eben Pep Guardiola. Damals waren mit Steroiden verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel im Umlauf. Aber ob das der Grund für Guardiolas Freispruch war, bleibt unklar. Er selbst sagt dazu nichts. Der FC Bayern lässt ausrichten, Guardiola gebe grundsätzlich keine Einzelinterviews.

Wilhelm Schänzer, wie Thevis Professor an der Sporthochschule in Köln und Leiter des Kölner Dopingkontrolllabors, weist darauf hin, dass von 2006 an auch nachgewiesen wurde, dass der Körper selbst "erhöhte Werte für den Nandrolonmetaboliten" erzeugen könne. Dafür soll Guardiola ein Gutachten vorgelegt haben, so schreiben es einige Medien. Es soll von einem gewissen Jordi Segura geschrieben worden sein.

Jordi Segura ist der Leiter des von der Welt-Anti-Doping-Agentur akkreditierten Dopingkontrolllabors von Barcelona und damit eine Instanz im weltweiten Anti-Doping-Kampf. Sollte er für Guardiola ein Gutachten geschrieben haben, wäre das ein klarer Interessenskonflikt. Segura will auf ZEITmagazin- Anfrage dazu nichts sagen.

Auch das Nationale Olympische Komitee Italiens CONI, das Guardiolas Freispruch 2009 noch einmal vor Gericht hat überprüfen lassen, schreibt per E-Mail, man solle beim Fußballverband nachfragen. Der schickt einem schließlich die Urteile von 2002 und 2009. Weder ist darin von Segura die Rede, noch findet man eine plausible Begründung des Freispruchs. Nur im ersten Urteil heißt es, dass das Nandrolon in Guardiolas Körper "nicht einer endogenen Produktion" zugeschrieben werden könne. Die Werte seien "völlig inkompatibel" mit einer Produktion durch den eigenen Organismus.

Selbst die im Urteil mehrfach angesprochene Welt-Anti-Doping-Agentur will nichts mit dem Fall zu tun haben, sieht sich nicht zuständig: Zur Probennahme 2001 sei der Welt-Anti-Doping-Code noch nicht in Kraft gewesen.

Letzter Versuch, Anruf bei Ettore Torri. Lange Jahre war er der Anti-Doping-Fahnder des Nationalen Olympischen Komitees Italiens, jetzt ist er Pensionär. Er war es, der den Fall Guardiola 2009 noch einmal vor Gericht brachte. Er sagt am Telefon, er könne sich an keinerlei Details mehr erinnern.

Keiner will etwas zu tun haben mit dem Dopingfall des derzeit wohl meistbeachteten Trainers der Welt.

Spurensuche in Barcelona, Guardiolas Heimat. Wieder stößt man auf Zurückhaltung und Angst. "Guardiola ist ein Gott in Spanien", sagt einer, der ihn gut kennt.

"Die Blutbeutel sind wichtig, um die Vergangenheit abzuschließen"

Castelldefels, ein reicher Küstenort in der Nähe von Barcelona, direkt am Meer. Messi wohnt hier, Cesc Fàbregas und viele andere Fußballstars des FC Barcelona. Auf der Terrasse eines Zweisternehotels sitzt einer, der 16 Jahre bei Barça gearbeitet hat. Seinen Namen will er zuerst nicht in der Zeitung lesen, dann ist es ihm doch egal. "Doping ist ein gefährliches Thema", sagt Lluís Lainz. Er hat die Scouting-Abteilung des Vereins aufgebaut, heute schreibt er Bücher. "Viele Journalisten trauen sich nicht, richtig zu recherchieren. Über einen Helden spricht man nicht schlecht." Lainz mag Guardiola nicht, über seinen Dopingfall sagt er nur: Man könne doch erwarten, dass bei einem Nandrolon-Fall ordentlich ermittelt werde. "Der Verdacht bleibt." Und dann sagt er noch: "Spanien ist nicht gut darin, wenn es um Selbstkritik geht. Wir sind stark darin, uns mit unseren Helden zu identifizieren. Es fällt uns schwer, zu glauben, dass Helden Fehler machen. Aber es ist schon kurios, dass immer wieder Spanier mit Doping in Verbindung gebracht werden."

Der Fall Guardiola ist ein Sinnbild. Für die Imagekrise des spanischen Sports, vielleicht gar ganz Spaniens, jenes Landes in der Krise.

Ein letzter Besuch. Ein letztes Interview. Ana Muñoz ist Direktorin der Nationalen Anti-Doping-Agentur Spaniens. Sie ist edel gekleidet, wirkt konzentriert und angespannt. Sie sitzt in ihrem neuen Glasbüro in Madrid. Die Anti-Doping-Agentur hat mit dem neuen Anti-Doping-Gesetz mehr Kompetenzen bekommen und brauchte größere Räume.

"Ich glaube, dass wir dem Rest der Welt zeigen müssen, dass wir den Kampf gegen Doping ernst meinen." Ein typischer Muñoz-Satz. Sie will etwas bewegen, ist von Natur aus ungeduldig. Egal, mit wem man in Spaniens Anti-Doping-Welt spricht, alle haben eine hohe Meinung von ihr. Und doch kämpft auch sie mit dem Image Spaniens. "Ich brauche diese Blutbeutel", sagt sie jetzt, da das erste Urteil im Fall Fuentes gefallen ist: Fuentes hat ein Jahr auf Bewährung bekommen. Die Richterin hat die Zerstörung der rund 200 Blutbeutel angeordnet, die weitere Sportler des Dopings bei Fuentes überführen könnten. "Die Blutbeutel sind wichtig, um die Vergangenheit abzuschließen." Muñoz ist in Berufung gegen das Urteil gegangen, wie alle anderen Verfahrensbeteiligten auch, Staatsanwaltschaft, Nebenkläger, selbst Fuentes. Das neue Verfahren könnte im Spätherbst beginnen, die Blutbeutel bleiben also weiterhin erhalten, so es sie denn noch gibt. Muñoz und die Anti-Doping-Agentur fordern für Fuentes acht Jahre Berufsverbot als Arzt. In erster Instanz waren es vier Jahre, aber nur für die Tätigkeit als Sportmediziner. Und Muñoz will die Blutbeutel.

Einer, der vieles aufklären könnte, arbeitet im Büro nebenan. Er, der einst Eufemiano Fuentes festnahm, 2006, als ermittelnder Guardia-Civil-Offizier der Operación Puerto. Enrique Gómez Bastida ist jetzt eine Art Verbindungsoffizier der Agentur zu den Strafverfolgungsbehörden. So schließt sich der Kreis. Aber Gómez Bastida spricht nicht über seine alten Fälle. Nicht darüber, ob wirklich Einfluss auf seine Ermittlungen genommen wurde, ob 2006 auch andere Sportler als Radfahrer überwacht wurden. Über seine Erfahrungen von einst spreche er nicht einmal mit ihr, sagt Ana Muñoz. Bastida huscht aus seinem Büro, wenn er Besucher sieht. Das Einzige, was Muñoz von ihm ausrichtet, ist: "Alle Informationen der Guardia Civil lagen im Prozess vor." Es sei nichts unterschlagen worden.

Der Fall Fuentes erzählt viel über Doping und das System seiner Verschleierung. Trotz aller Hinweise: Vieles kommt nie heraus. Ein Glück für Spanien und all die Länder, deren Sportler hier ihr Doping organisierten.

Einen Prominenten könnte es noch treffen. Bei der Staatsanwaltschaft in der spanischen Küstenstadt Denia laufen Ermittlungen gegen zwei ehemalige spanische Ärzte und einen Masseur von Lance Armstrong. Auch der einstige Radsport- und Nationalheld selbst könnte noch angeklagt werden – falls er mit Dopingmitteln in Spanien gehandelt hat. Die Staatsanwaltschaft will auf Anfrage nichts kommentieren. Ana Muñoz sagt nur: "Der Fall Armstrong ist noch lange nicht vorbei."

Die Glaubwürdigkeitskrise des Sports wird so schnell kein Ende finden.