DIE ZEIT: Herr Schurig, die Enthüllung, dass das Handy von Angela Merkel angeblich abgehört wurde, hat großen Wirbel verursacht. Hat es dies noch gebraucht, damit wir die NSA-Überwachung endgültig als Skandal empfinden?

Andreas Schurig: Offensichtlich schon. Ich finde es sehr ärgerlich, dass erst das Handy der Kanzlerin betroffen sein muss, bevor sich die Bundesregierung aus der Ruhe bringen lässt. Und auch, bevor sich die Bürger erschrecken. Es braucht eben konkrete Beispiele, Symbole. Die gab es bislang nicht.

ZEIT: Und das Handy der Kanzlerin ist nun das Symbol der NSA-Affäre?

Schurig: Ja. Die wöchentlich neu zu lesenden Enthüllungen konnten wir bisher nicht gänzlich begreifen. Nun haben wir verstanden, wie weit die Überwachung geht – die Kanzlerin wird belauscht!

ZEIT: Waren Sie davon überrascht?

Schurig: Ganz ehrlich? Nein. Nüchtern betrachtet, muss ein hochrangiger Politiker damit rechnen, dass man versucht, ihn abzuhören. Politiker sind diesbezüglich viel gefährdeter als gewöhnliche Bürger.

ZEIT: Na ja, im Februar 2011 griff die Dresdner Polizei während einer Großdemonstration gegen Neonazis Hunderttausende Mobilfunkverbindungsdaten gewöhnlicher Bürger ab. Man sprach von der "Handygate"-Affäre.

Schurig: Ja, das war eine unglaubliche Sache. Eine Million Rohdaten sind bis heute vollständig bei der Polizei gespeichert.

ZEIT: Was haben die Abhörprogramme der USA und dieses deutsche Handygate gemeinsam?

Schurig: Ich will jetzt keine unseriösen Vergleiche anstellen. Aber in beiden Fällen ging oder geht es darum, eine möglichst große Datenmenge einzusammeln, um dann einige wenige Straftäter herausfiltern zu können. In Dresden hatte man es eben auf Mobilfunkdaten abgesehen ...

ZEIT: ... Polizei und Staatsanwälte wollten nachvollziehen, wo sich einzelne Demonstrationsteilnehmer wann aufhielten.

Schurig: Genau, man wollte Bewegungsprofile erstellen. Wann tritt wer mit wem in Kontakt? Im Prinzip geht es – nach allem, was man bisher weiß – bei den US-Überwachungsprogrammen Prism und Tempora ja um etwas Ähnliches, wenn auch eher der Internetverkehr analysiert wird. Hier wie da sammeln staatliche Stellen die Daten ein, die wir ganz einfach in unserem täglichen Leben preisgeben. Deren Preisgabe wir auch kaum verhindern können, weil unser Alltag sie fortwährend erzeugt. Und trotzdem gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen den USA und Sachsen.

ZEIT: Welchen?

Schurig: Die Erfassung der Handydaten in Dresden war zwar überzogen – aber es gab dafür einen Rechtsrahmen in Deutschland. Nicht umsonst konnten jetzt im Nachhinein Gerichte entscheiden: Das war in Teilen unzulässig, das darf so nicht wieder passieren. Die NSA betreibt ihre Datenerfassung professionell zum Zwecke der Gefahrenabwehr. Rein präventiv. Man erfasst einfach alles und schaut dann mal, welche Muster sich erkennen lassen. In Sachsen gab es hingegen einen konkreten Anlass für die Funkzellenabfrage: Man suchte nach bestimmten Straftätern. Außerdem gab es in Dresden eine gewisse Transparenz – die Betroffenen haben auf Nachfrage erfahren, ob sie erfasst worden sind. Fragen Sie mal bei der NSA an, ob da Daten von Ihnen gespeichert sind ...