Schon bevor Hermann Wallenborn das erste Mal an die kroatische Nordküste kam, hatte er viele Geschichten gehört über Bora – einen der stärksten Winde der Welt, der Autos umstößt und Strommasten knickt wie Streichhölzer. Dann, bei seiner ersten Reise nach Senj, bekam der 57-Jährige diese Kraft auch zu spüren. Mit dem Auto fuhr er die kurvige Straße hinauf in die kargen Berge um den Fischerort bis zu einem Plateau rund 700 Meter über dem Meer. Beim Aussteigen blähte sich seine Regenjacke auf wie ein Segel, und Wallenborn legte sich auf den Boden, um nicht sofort umgeblasen zu werden. "Das war ein gutes Gefühl", erinnert er sich. Genau nach einem solchen Wind hatte der Unternehmer gesucht.

Wallenborn ist Geschäftsführer der Wallenborn Adria Wind GmbH und baut seit knapp 15 Jahren Windparks in Europa. Auch bei Senj hat er mittlerweile eine Anlage errichtet. Senj I ist sogar der größte Windpark in Kroatien: Er erzeugt genug Strom, um rund 25.000 kroatische Haushalte zu versorgen. Kroation hat insgesamt nur etwas mehr als 1,5 Millionen Haushalte.

Mittel- und Osteuropa sind derzeit heiße Kandidaten für neue Investitionen in Windkraft. Das gilt für Kroatien genauso wie für Polen und Rumänien. In einer Studie hat der europäische Windenergie-Verband noch im Frühjahr die riesigen Chancen in der Region herausgestellt. Kein Wunder, denn dort muss der Anteil der grünen Energie nach einer Vorgabe der EU bis zum Jahr 2020 auf 20 Prozent erhöht werden – etwa auf das Doppelte des heutigen Anteils. Also planen die Hauptstädte von Warschau bis Zagreb, die Leistung durch Windenergie bis 2020 von 6,4 auf 16 Gigawatt zu steigern.

Doch was bleibt von dem erwarteten Großgeschäft wirklich übrig? In Kroatien jedenfalls gelangen ausländische Investoren wie Hermann Wallenborn von einer Hürde zur nächsten. Eigentlich wollten gerade die Deutschen kräftig vom neuen Boom profitieren. Vor zwei Jahren startete der Umweltminister in Berlin gemeinsam mit den Branchenverbänden die Initiative Windtec. Sie soll osteuropäische Politiker davon überzeugen, Windenergie in ihren Ländern stärker zu fördern – und deutschen Windbauern damit einen neuen Markt schaffen. "Der Ausbau der Windenergie eröffnet Deutschland und den europäischen Nachbarländern neue Chancen und Perspektiven. Es gilt jetzt, die vorhandenen Potenziale nutzbar zu machen und damit den Klimaschutz in Europa weiter voranzubringen", ließ der Minister damals erklären.

Klang gut, und bisher setzte die Regierung in Zagreb auch auf Windenergie, die Probleme lagen da eher auf der lokalen Ebene. Das Ziel ergab sich aus der Situation des Landes an der Adria, das heute rund ein Viertel seines Stroms aus Wasser und ein Viertel aus Öl, Gas oder Kohle gewinnt – dazu gut drei Prozent Windenergie, der Rest wird importiert. Die Möglichkeiten mit der Wasserkraft sind erschöpft, also sollte der Anteil der Windenergie an der Stromproduktion auf zehn Prozent steigen. Die geografischen Bedingungen – Spitzenwind und viel ungenutzte Fläche – sind ja auch ideal, und die Gesetzgebung war weit fortgeschritten: Seit 2007 wird Windkraftanbietern ihr Strom fest bezahlt, derzeit mit neun Cent sogenannter Einspeisevergütung pro Kilowattstunde.

Und jetzt? Schwenkt die Regierung plötzlich um. Gerade hat sie ein Konzept verabschiedet, in dem sie ihre gesamte bisherige Energiestrategie infrage stellt. Statt Windkraft werde man in Zukunft die Biomasse als Stromquelle stärker ausbauen, gab der Wirtschaftsminister Ivan Vrdoljak bekannt. Schließlich schaffe Windenergie kaum Arbeitsplätze, fügte der Minister hinzu. Und als Investoren hätten bislang vor allem Ausländer von der Windkraft profitiert.

Sehr europäisch gedacht ist das nicht – und auch nicht sonderlich langfristig.

Tatsächlich wurden die drei größten Windparks im Land zwar von zwei deutschen und einem spanischen Investor gebaut. Und um einen Windpark zu betreiben, reichen wenige Arbeitnehmer – im Windpark Senj I arbeiten gerade einmal sieben Leute: Neben einem vierköpfigen Service-Team, das die Turbinen wartet, kümmern sich ein Verwalter, eine Buchhalterin und ein Parkwart um den Betrieb.

Aber: In Kroatien entsteht gerade eine eigene Windenergie-Branche. So baute Anfang 2012 die Gesellschaft Eko aus der kroatischen Stadt Zadar zwei Anlagen, die erstmals auch komplett aus kroatischen Mitteln finanziert wurden. Weitere kroatische Projekte in der Nähe von Zadar sind geplant.

Laszlo Horvath hat daher eine andere Erklärung für die Kehrtwende der Politiker. Der 52-Jährige arbeitet am Energieinstitut Hrvoje Pozar in Zagreb und berät die Regierung. "Die dringendste Aufgabe für unsere Politiker wäre es, die Netze zu verbessern", sagt er. So kann der staatliche Netzbetreiber HEP nach eigenen Angaben nicht mehr als 400 Megawatt Windstrom ins Netz aufnehmen, weil sonst das Netz bei starkem Wind außer Kontrolle geraten könnte. Die Lizenzen für die 400 Megawatt sind aber längst Projekten zugeteilt. Der Regierung sei der Netzausbau zu teuer, sagt Horvath, statt ökonomisch das Beste zu tun, werde polittaktisch entschieden.

Damit steht Kroatien nicht allein: In vielen anderen Ländern drohen ähnliche Schwierigkeiten. Auch beim Bundesverband WindEnergie e. V. blickt man daher mittlerweile nüchterner auf Osteuropa. "Die instabilen politischen Bedingungen machen den Ausbau oft schwierig", sagt der Sprecher Wolfram Axthelm. In Polen zum Beispiel diskutiere die Politik bereits seit drei Jahren ergebnislos darüber, ob Erneuerbare Energien besser durch eine Quote oder ein Ausschreibungsmodell gefördert werden sollen. Und in Rumänien wurde vergangenes Jahr ein neuer Energieplan beschlossen, der die Stromabnahme stark reglementiert und so den Ausbau erschwert.

In Kroatien trifft das neue Konzept die Investoren hart. Jahrelang haben sie dafür gekämpft, dass sie an der Adria mit dem Ausbau der Windenergie beginnen können. Unzählige Formulare habe er ausgefüllt, erinnert sich Unternehmer Wallenborn, und viele Male mit Politikern und Netzbetreibern gesprochen, um diese von seinem Projekt Senj I zu überzeugen – als Beginn einer ganzen Serie. "Ganz schön mühselig war das." Aber wenn die Netze nicht ausgebaut werden, wird es nun wohl keine neuen Windparks geben.