Cate Blanchett behauptet, ihr Leben sei "ganz einfach". Sie arbeite ja gewissermaßen Teilzeit und verbringe eine Menge Zeit mit der Familie. Sie möchte auch die Bühne in Sydney, wo ihr Mann eine Theaterkompanie leitet, nie aufgeben und weiterhin Tschechow oder Botho Strauss spielen. Wenn man ihr zuhört, wie sie über sich spricht, erscheint ihr Ehrgeiz sehr unterentwickelt, ein internationaler Filmstar zu sein. Doch gehört sie nun einmal zu den wenigen verbliebenen weiblichen Hollywoodstars, die diesen Namen verdienen. Hollywood produziert keine Stars mehr in der Art von Lauren Bacall, Katharine Hepburn oder Greta Garbo, alles Namen, die gelegentlich im Zusammenhang mit Cate Blanchett fallen. Allerdings sucht sich die Sehnsucht nach der glamourösen, ebenso klugen wie überlegenen Frau ihre Verkörperungen. Auch wenn Cate Blanchett den Star nur spielt, macht sie das sehr gut. Woody Allen hat sie jetzt zur Hauptdarstellerin in seinem neuen Film Blue Jasmine gemacht, und ihr Auftritt ist entsprechend fulminant.

Einfach gesagt, geht es um Folgendes: Eine Frau hat sich von ihrem Ehemann, einem Finanzhalunken, das Leben zur Hälfte ruinieren lassen, den Rest besorgt sie selbst. 98 Minuten lang geht es für Jasmine abwärts, ihre gesellschaftliche Stellung sinkt dramatisch, und das Gefühl der Demütigung ist ihr hartnäckiger Begleiter. Aber das ist keineswegs nur traurig, sondern produziert manche absurde Pointe in bewährter Woody-Allen-Manier, vielleicht noch etwas grimmiger als gewöhnlich. Cate Blanchett meint: "Es ist eine Reise, aber nicht unbedingt eine fröhliche."

Blanchett gehört zu den besten Schauspielerinnen der Welt, aber man würde sie nicht unbedingt in einer flinken Dialogkomödie erwarten – und eigentlich auch nicht in einer von Allens verheulten Ingmar-Bergman-Emulationen. Der Auftritt des charismatischen Stars, einer Oscar-Preisträgerin, einer Schauspielerin, die als sehr ernsthaft gilt und durch diesen Regisseur keinen Karriereschub mehr zu erwarten hat, funktioniert hier trotzdem. Es geht auch, weil Blue Jasmine nicht den üblichen Allenschen Genres entspricht. Durch seine Hauptdarstellerin ist der Film mehr als ein weiterer "Woody Allen", und obwohl auch die anderen Schauspieler gut sind (Sally Hawkins, Alec Baldwin und Bobby Cannavale), scheinen sie im Wesentlichen ihr zuzuspielen: Starkino, wenn auch ein unaufdringliches.

Der amerikanische Regisseur David Fincher fasste vor Jahren seinen Eindruck folgendermaßen zusammen, als er Cate Blanchett spielen sah: "Es war, als hätte ich sie, fertig, wie sie war, aus dem Haupte des Zeus springen sehen." Diese athenehafte Kühle, Klugheit, Vollkommenheit macht ihren Nimbus aus, und womöglich hängt ihr dieser Ruf auch ein wenig nach, wenngleich bisher noch niemand etwas Despektierliches über Cate Blanchett zu sagen gewagt hat. Ihre schauspielerische Meisterschaft zeigt sich darin, dass es ihr gelingt, die Zeustochter in sich einstürzen zu lassen. Mit rotgeweinten Augenlidern kann sie blasser als jeder Marmor aussehen, steifer, ungelenker, als sie ist, älter, geradezu unschön – obgleich sie in Wirklichkeit sehr schön ist, selbst nach einem Interviewmarathon in einem traurigen Londoner Luxushotel bei Regen.

Sie spielte bereits eine irische Journalistin, eine Elfenkönigin, eine Hausfrau auf Long Island, ein Mitglied der französischen Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg, eine reiche Erbin, russische Agentin und eine Maid Marian in einer der vielen Robin Hood- Verfilmungen. Sie behauptet von sich, eine Entertainerin zu sein, und hat keinerlei Berührungsängste gegenüber dem Erfolgskino, obwohl sie oft und gern mit Arthouse-Regisseuren arbeitet. Zweimal gab sie die englische Königin Elisabeth I., die "jungfräuliche", beide Male wurde sie darin für den Oscar nominiert.

Der zweite dieser Elisabeth-Filme, Shekhar Kapurs Das goldene Zeitalter, brachte ihr endgültig den Durchbruch. Es war echtes Historienspektakelkino, und Blanchett trat bizarr geschminkt und kostümiert als androgyne Kriegerin auf, um als einsame royale Wachsfigur zu enden, schräg, aber imposant. Kapur betrieb mit ihr eine sexuelle Inszenierung der Asexualität, seine Schauspielerin wurde besonders dafür gefeiert, dass sie den Typus der Distanzierten, Hoheitsvollen, Entfernten endlich wieder besetzte, endlich wieder eine echte Film-Königin, wie Marlene Dietrich sie hatte spielen können, die Garbo, Bette Davis oder auf ganz andere Weise Elizabeth Taylor.