Der Friedhof an der Moschee Rüstem Pasa

Die Stadt als Gräberfeld

Natürlich gibt es auch in Istanbul Gräber neben jeder Moschee, so wie bei uns die alten Friedhöfe neben der Kirche liegen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich ist ganz Istanbul ein Gräberfeld. Die Türben, jene kleinen Mausoleen, in denen die Sarkophage berühmter Männer (manchmal auch Frauen) ruhen, begegnen einem überall. Wer zum Beispiel auf einem der üblichen Touristenpfade, sagen wir von der Galatabrücke zur Hagia Sophia, unterwegs ist und sich durch den Verkehr der Hamidiye Caddesi schlägt, braucht schon einen guten Reiseführer, um nicht achtlos an dem Grabmal des Sultans Abdülhamid I. vorbeizugehen, das sich dort zwischen Unkraut und alten Steinen befindet.

Nur ein kunsthistorisch geschultes Auge würde vielleicht bemerken, dass hier nicht einfach noch irgend etwas Altes, ehrwürdig Verwittertes herumsteht. Ehrwürdig, alt und verwittert ist ja fast alles in Istanbul, und was andernorts eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges wäre, bildet hier nur den selbstverständlichen Humus der Stadt. Aber in dieser Türbe liegt nicht nur der glücklose Sultan des 18. Jahrhunderts, der immer wieder gegen die Russen verlor, sondern auch sein wahnsinniger Sohn Mustafa IV., der seinen Neffen, den reformfreudigen Selim III., ermordete und beinahe auch den eigenen Bruder, den nachmaligen Reformsultan Mahmud II. Man sieht: Mochte Mustafa IV. auch verrückt gewesen sein, so hatte seine Mordlust doch politische Logik – nämlich Reformen zu verhindern.

So ist das in Istanbul: Tod, Gewalt und Weltgeschichte liegen an jedem Straßenrand. Es nimmt sie schon niemand mehr wahr. Während in Europa sonst noch das letzte archäologisch bedeutsame Steinchen touristisch ausgewertet und dem Reisenden unter die Nase gehalten wird, die Grabstätten berühmter Leute als Attraktion gelten, zeigt sich Istanbul ungerührt, satt und überfressen von Geschichte und Gedenken. In anderen Städten mag es große Friedhöfe geben, aber in Istanbul liegen die Toten überall, es gibt sogar einen eigenen Stadtteil, der fast zur Gänze Friedhof ist. Er heißt nach seinem berühmtesten Toten Eyüb (Hiob), einem Freund und Gefährten Mohammeds. Die Moschee zu seinem Gedächtnis gilt als viertheiligste Stätte des Islams nach Mekka, Medina und Jerusalem.

Überall in Eyüb, einem eher verkommenen Viertel, drängen sich die Türben und Gedenkmoscheen und frommen Stiftungen, es ist ein heimlicher Exzess des Totengedenkens zwischen hässlichen Fabriken und Baracken, das Weiterleben und Weiterwursteln untrennbar mit dem Sterben verwoben. Man muss in Istanbul, um sich zu besinnen und der Hinfälligkeit alles Irdischen gewahr zu werden, keinen abgeschiedenen Ort aufsuchen – der Tod ist immer schon mitten im Leben gegenwärtig.

Jens Jessen