Saisonbedingt (es wird ja bald Weihnachten) finden sich auf den Tischen unserer großen Buchhandelsketten derzeit Objekte (um sie mal so zu nennen), die mit Büchern nur indirekt zu tun haben. Meistens im Umfeld der Koch-, Haushalts- und Ratgeberabteilungen. In Plastikfolie eingeschweißte Backrezepthefte beispielsweise, denen Backförmchen beigegeben sind. Nicht zu empfehlen ist jenes Objekt, das aus einem Rezeptbuch für Christstollen und einem Nudelholz besteht. Das Nudelholz ist so miserabel geleimt, dass es keinen Backnachmittag übersteht.

Wie auch immer: Man glaubte, den saisonbedingten Firlefanz auf den Tischen unserer Buchhandelsketten zu kennen. Im Sommer Förmchen für Speiseeis plus Speiseeisheft. Im Herbst Förmchen für Weihnachtsgebäck plus Backheft. Nun gibt es aber etwas Neues. Oder ist es gar nicht neu? Lag es schon immer in irgendeiner Ecke unserer Buchhandelsketten und wurde nur übersehen, weil der Geist nicht glauben mochte, dass so was existiert? Es handelt sich, nun ja, um Objekte zum Thema Häkelarbeit. Häkeln, Sie erinnern sich vielleicht, das ist so was Ähnliches wie stricken, nur anachronistischer.

Früher, als es für Mädchen noch Handarbeitsunterricht gab, wurde sowohl Stricken als auch Häkeln gelehrt. Zuerst kam, da es sich um die primitivere Kulturtechnik handelt, das Häkeln dran. Es entstanden an deutschen Schulen Milliarden gehäkelter Topflappen. Sie wurden nach der ersten Wäsche bretthart und nach mehreren Wäschen sehr unappetitlich. Sie dienten als weihnachtliche Verlegenheitsgeschenke für Tanten und Großmütter. Von der Zahl der Menschen, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts häkeln, nimmt man an, dass sie gegen null geht.

Und doch ist und bleibt der Kapitalismus ein Mysterium. Das gilt auch für den Buchmarkt. Plötzlich sind Häkelbücher wieder da. Wie gesagt: Vielleicht waren sie immer da und fallen nur im Herbst 2013 plötzlich auf. Unbestreitbar aber folgen die Häkelbuchobjekte dem Verkaufsprinzip der Backrezeptobjekte. Also schriftliche Anleitung plus Herstellungsmaterial, gemeinsam eingeschweißt in Folie. Beispielsweise gibt es ein Heft namens Häkel-Inspirationen mit vier Knäuel Häkelwolle in den Farben Grasgrün, Wollweiß, Hellblau und Feuerwehrrot. Damit lässt sich ein Topflappen herstellen, der bei jedem Betreten der Küche einen optischen Schock erzeugen dürfte.

Und dann findet man auf den Tischen unserer Buchhandelsketten noch ein Häkelheftobjekt, das an Absurdität alles überragt. Es besteht aus drei Elementen: einem Heftchen mit dem Titel Häkeln leicht gemacht, einem blassrosafarbenem Wollknäuel und einem weißen Ringordner. Ein Ringordner! Ihn gibt es gratis dazu. Das Ganze kostet 2,99 Euro. Ein Superpreis.

Aber was hat der Ringordner mit dem Wollknäuel zu tun? Es gibt für dieses Rätsel nur eine Lösung: Die Verkaufsstrategen unserer Buchhandelsketten haben erkannt, dass es sich beim Häkeln um ein kulturtechnisches Fossil handelt. Sie halten auch den Ringordner für ein Fossil. Und sie vermuten, dass Menschen, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts häkeln, Menschen sind, die der digitalen Selbstverwaltung die analoge vorziehen. Da könnte ja durchaus was dran sein.