Zweieinhalb Jahre lang hat sich Hans-Peter Friedrich durch seine Amtszeit gequält. Ihn trafen zwei der größten Krisen, die je ein Innenminister zu bewältigen hatte – das totale Versagen der Behörden angesichts einer rechtsextremen Mörderbande und die Ausspähung durch den amerikanischen Freund. Aber Friedrich blieb ratlos, ohne Richtung, ohne Empathie, immer mit verschränkten Armen: Wer das Primat der Sicherheit in der Innenpolitik infrage stellt, hat wohl den Schuss noch nicht gehört. Hans-Peter Friedrich war dem Amt, das er bekleidete, nicht gewachsen.

Jetzt bietet sich dem Bundesinnenminister, der bislang noch für kein Thema Feuer gefangen, in nichts Leidenschaft oder Fantasie an den Tag gelegt hat, eine einmalige Chance. Hans-Peter Friedrich könnte der Mann sein, der das einzige Reformprojekt verwirklicht, das die sich anbahnende Große Koalition bisher ins Auge gefasst hat: ein völlig neues Verhältnis zwischen Deutschen und Einwanderern – das Projekt doppelte Staatsbürgerschaft.

Aber wo andere eine Chance sehen, sieht Hans-Peter Friedrich eine Bedrohung heraufziehen. Der deutsche Innenminister fürchtet, "dass wir mit einem gut gemeinten Integrationsversuch eine türkische Minderheit in Deutschland schaffen, die", so sagt der Minister zwischen zwei Hustenanfällen, "auf Dauer unsere Gesellschaft spaltet".

Der SPD-Innenpolitiker Michael Hartmann, der für seine Partei an diesem Mittwoch mit dem Bundesinnenminister über das Thema Innere Sicherheit verhandelt, seufzt: "Die doppelte Staatsbürgerschaft wäre ein solcher Durchbruch in der gesellschaftlichen Anerkennung von Zuwanderern, das wäre schon verdammt viel wert." Statt sich im Alter von 23 Jahren entscheiden zu müssen, könnten vor allem die Deutschtürken künftig ebendas bleiben: Deutschtürken. Das wäre eine Geste, die in aller Welt verstanden würde: Ihr gehört zu uns, sagt Deutschland seinen Zuwanderern, auch wenn ihr euch nicht mit Haut und Haaren von dem Land trennt, aus dem eure Familie stammt.

Aber Friedrich hat ein anderes Szenario vor Augen, ein Untergangsszenario. Der türkische Ministerpräsident Erdoğan hat in Ankara ein Ministerium für Auslandstürken gegründet mit dem Ziel, diese zu organisieren und für türkische Anliegen zu instrumentalisieren. Erdoğan will einen Brückenkopf der Türken in Europa.

Als Friedrich vor einem Jahr in Ankara war, hat er eine Szene erlebt, die ihn umgehauen hat. Bekir Bozdağ, türkischer Vizepremier und Theologe, saß ihm bei einer offiziellen Begegnung gegenüber, kniff plötzlich verschwörerisch die Augen zusammen und raunte: "Ich weiß genau: Die Deutschen nehmen den türkischen Muslimen die Kinder weg, weil sie selbst keine haben, und geben sie in christliche Familien in Deutschland." Da hat Friedrich entgeistert gefragt: "Wo haben Sie denn solchen Unfug her?" Er hat keine Antwort bekommen; man weiß das in Bozdağs Kreisen einfach.

Es stimmt: Erdoğan sieht die Auslandstürken als Brückenkopf, der türkische Premier hat es selbst oft genug gesagt. Erst sind es vier Millionen Türken, dann fünf, irgendwann mal zehn Millionen. Aber wie Friedrich seinerseits darauf kommt, vier Millionen Auslandstürken könnten sich bereitwillig in den Dienst Erdoğans stellen, bleibt sein Geheimnis.