Das iranische Regime hat viele Gegner, einer behauptet, der größte zu sein: die Volksmudschahedin, also die "heiligen Krieger des Volkes". Mohammed Moschiri, ein im deutschen Exil lebender iranischer Sympathisant, behauptet von ihnen: "Die Volksmudschahedin haben ein Programm, sie haben Strukturen, sie haben Anhänger, und sie haben eine Geschichte." Wenn das Regime in Teheran eines Tages falle, dann könnten sie die Regierung übernehmen, sagt er. Sie seien darauf vorbereitet.

Was sind das für Leute?

Berlin, Brandenburger Tor, Herbst 2013

Ein windiger Oktobertag. Rund 40 Menschen haben sich hier versammelt. Sie schwingen grün-weiß-rote Fahnen, in deren Mitte eine goldener Löwe abgebildet ist. Die Demonstranten tragen gelbe Westen, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift "Hungerstreik", auf Deutsch und auf Farsi. Auf vielen Plakaten ist ein Mann mit Schnauzbart abgebildet: Massud Radschawi, Ikone der Volksmudschahedin. Seine Anhänger verehren ihn wie einen Heiligen. Dabei sind ihm die meisten noch nie begegnet. Er gilt seit rund 25 Jahren als verschollen im Irak. Massud Radschawi ist mit ziemlicher Sicherheit tot. Die Volksmudschahedin glauben trotzdem, dass der Führer eines Tages wieder erscheint und die Bewegung anführen wird.

Autorität durch Abwesenheit. Das ist ein zentrales Motiv in der Kultur iranischer Schiiten. Sie glauben, dass ihr Messias, der zwölfte Imam, im Verborgenen lebt und mit seiner Rückkehr die Welt erlösen wird. Dieses religiöse Motiv kommt auch in der Verehrung Radschawis zum Vorschein. Das würden die Volksmudschahedin freilich nie sagen, sie bezeichnen sich als säkulare Kraft. Für das Regime in Teheran sind sie "schlimmer als Ungläubige". Wohl auch, weil sie einem Menschen wie Radschawi geradezu göttlichen Status zusprechen.

Die Volksmudschahedin kämpften bereits in den sechziger Jahren gegen die Diktatur des Schahs. Während der Revolution des Jahres 1979 schlossen sie ein Zweckbündnis mit den Anhängern des Ajatollah Chomeini. Doch kaum war der Schah gestürzt, entbrannte zwischen den Volksmudschahedin und den Mullahs ein Machtkampf, der von beiden Seiten mit brutaler Härte geführt wurde. Tausende starben.

Im Jahr 1985 marschierte Radschawi mit seinen Kämpfern in den Irak ein. Saddam Hussein führte damals seit fünf Jahren Krieg gegen den Iran. Dass die Volksmudschahedin nicht an der Seite des Iraks gekämpft hätten, glauben ihnen ihre Landsleute nicht. Und wegen der Zusammenarbeit mit Saddam landeten die Volksmudschahedin auf der Terrorliste der EU und der USA. "Wir haben nie Zivilisten angegriffen und niemals außerhalb des Irans Aktionen verübt", sagt Dschawad Dabiran, Pressesprecher der Volksmudschahedin. "Außerdem sind alle unsere Anhänger 2003 entwaffnet worden." Inzwischen wurden sie von der Terrorliste wieder gestrichen.

Den Demonstranten in Berlin geht es um das Schicksal ihrer 3000 Kameraden, die immer noch im Irak leben. Sohreh hat im Iran als Anwältin gearbeitet, sie wohnt seit zwölf Jahren in Deutschland und sagt: "Wir brauchen Hilfe und Unterstützung. Warum interessiert sich niemand für uns? Wie viele sollen denn noch sterben?" Ihre Freundin Mitra sei am 1. September zusammen mit weiteren 51 Iranern im Camp Aschraf getötet worden. Irakische Truppen seien in das Lager eingefallen und hätten das Massaker angerichtet. Und sie hätten sieben Bewohner verschleppt. Die Angriffe auf Camp Aschraf dienten nach Ansicht der Volksmudschahedin der Abschreckung: Seht her, das geschieht mit allen, die sich der Organisation anschließen! Über die Zahl der Anhänger im Iran lassen sich allerdings keine Angaben machen. In Deutschland leben vielleicht 900.

Aus dem Camp Aschraf wurde der Großteil der Volksmudschahedin unter Vermittlung der Amerikaner vor einiger Zeit in ein neues Lager im Irak verbracht, es heißt Camp Liberty, ausgerechnet; auch dort sehen sich die Kämpfer von der irakischen Armee bedroht.