Sagen wir es gleich vorweg: Mit ihrem neuen Buch hat Judith Butler das – wenn sich dieses Prädikat überhaupt steigern lässt: – antizionistischste Buch seit Jahren vorgelegt. Nicht etwa deshalb, weil hier Gräuelmärchen oder Verschwörungstheorien über Juden, die USA und die Unterjochung der Araber kolportiert werden, sondern weil das, was eventuell als eine politische Moral aus jüdischen Quellen bezeichnet werden könnte, gegen die historische Idee und die institutionelle Wirklichkeit des israelischen Staates aufgeboten wird, der ein Kind des Zionismus ist. Dabei teilt Butler, die 2012 den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt erhielt, die in den USA unter linken Sozialwissenschaftlern verbreitete Überzeugung, dass die Siedlungstätigkeit Israels im Westjordanland ein Fall von Kolonialismus ist und damit moralisch zu verurteilen und praktisch aufzuheben sei. Auf welcher Basis lässt sich nun gegen diese israelische Praxis, die ja den Anspruch erhebt, notwendige Konsequenzen aus der vor allem von Deutschen zu verantwortenden Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden zu ziehen, argumentieren?

In dichten, anspruchsvollen Kapiteln ruft Butler dazu nicht nur Hannah Arendt, sondern auch Emmanuel Levinas, Primo Levi sowie Martin Buber in den Zeugenstand. An Hannah Arendt mit all ihren Widersprüchen und an Martin Buber interessiert sie vor allem, wie beide – spätesten nach der Gründung Israels im Jahre 1948 – auf Distanz zu einem ethnisch-jüdischen Staatsprojekt gingen, das mit Notwendigkeit Araber vertreiben und verbliebene Araber als Bürger diskriminieren musste. Dass dem tatsächlich so war, kann Butler, die die Forschungen israelischer, postzionistischer Historiker intensiv studiert hat, überzeugend nachweisen. War das mit den Ansprüchen jüdischer Moral nach dem Holocaust zu vereinbaren? Primo Levi, der wie kein anderer dem unmenschlichen Leiden der Häftlinge von Auschwitz ein literarisches Denkmal gesetzt hat, dient Butler als Kronzeuge dafür, dass das Leiden im Todeslager Prinzipien einer universalistischen Moral weder zerstören kann noch darf. Primo Levis öffentliche Einsprüche wider die Brutalität israelischer Maßnahmen gegen die arabisch-palästinensische Zivilbevölkerung, etwa im Libanon, wurden hierzulande kaum zur Kenntnis genommen.

Bei alledem geht es Butler, dem Denken des palästinensisch-amerikanischen Philosophen Edward Said verpflichtet, um eine Moral, die gerade deshalb, weil sie jüdischen Quellen entspringt, jeden hegemonialen Anspruch aufgibt. So gelingt ihr eine überzeugende Kritik am französischen Philosophen Emmanuel Levinas (1906 bis 1995), dessen universalistische Ethik der Verschonung eines jeden menschlichen Antlitzes sie zwar teilt, dem sie aber scharfsinnig nachweisen kann, dass er mit seiner Verteidigung des Staates Israel die eigenen Ansprüche verrät. Im Gegenzug versucht sich Butler an einer jüdischen Ethik des Zusammenlebens mit anderen Völkern, an der Ethik eines diasporischen Volkes, das mit anderen zusammenleben muss, soll und will. Da sie jedoch über nur geringe Kenntnisse der jüdischen Tradition verfügt, bleibt diese "Ethik der Kohabitation" ein uneingelöstes Versprechen.

So anregend all dies sein mag, so muss man schließlich doch feststellen, dass Butler auf dem Gebiet, auf dem sie in der Sache überzeugen will, also in der politischen Philosophie, auf ganzer Linie versagt. Das zeigen die politischen Einschätzungen und Handlungsstrategien, die sie im letzten Teil ihres Buches propagiert. So tritt sie massiv dafür ein, sich bei Boykottmaßnahmen gegen Israel nicht auf Waren aus dem Westjordanland zu beschränken, sondern den Boykott aller israelischen Waren so lange aufrechtzuerhalten, bis entweder das israelische Rückkehrgesetz aufgehoben oder ein Rückkehrrecht für Palästinenser anerkannt ist – praktisch also nie. Dem radikalen Moralismus entspricht eine Blindheit gegenüber der Wirklichkeit. So stellt sie eine empirische Hypothese auf, über deren Blauäugigkeit man sich angesichts des andauernden Kriegs nebenan in Syrien nur an den Kopf greifen kann: "Der Verlust der demografischen Überlegenheit der jüdischen Bevölkerung", so die Philosophin und Literaturwissenschaftlerin, "würde mit Sicherheit die Aussichten für die Demokratie in dieser Region verbessern." Schließlich: Warum hat diese Moralistin, der es doch darum geht, die Legitimität der israelischen Staatsgründung zu dekonstruieren, übersehen, dass – nach rein moralischen Kriterien – ausnahmslos jede historische Staatsgründung, keineswegs nur jene Israels, illegitim war? Tatsächlich ist Judith Butler nicht radikal genug: Die an die Wurzel gehende Frage nach einer Moral der Moral angesichts einer verwirrend komplexen politischen Wirklichkeit stellt sie jedenfalls nicht.

Indem Butler diese Frage übergeht, entpuppt sie sich schließlich als das, was Hegel einmal als "schöne Seele", Max Weber als "Gesinnungsethikerin" bezeichnet hätte: Ohne Rücksicht auf mögliche Folgen ihres Engagements, befreit von der Pflicht, über die Verwirklichung der eigenen Prinzipien auch nur einen Gedanken zu verlieren, genießt die Moralistin die Reinheit ihrer Überzeugungen und damit sich selbst.

Oder sollte es ihr dabei doch um mehr gehen? Es ist womöglich mehr als ein Zufall, dass ihr Buch auf Englisch Parting Ways. Jewishness and the Critique of Zionism heißt. In der englischsprachigen Theologie und Kirchengeschichte versteht man unter parting ways das Auseinandergehen von Synagoge und Kirche, von Judentum und Christentum in der späten Antike. Vielleicht träumt Judith Butler tatsächlich also einen noch radikaleren Traum: den von der Stiftung eines neuen Judentums.